Born in Basel

| Roman Scheiber |

Die fünfte Ausgabe des Bildrausch-Festivals: faszinierende Filme in reizendem Rahmen, ein sensationelles Zeitmaschinenprojekt, ein neues Menschenleben. Freier persönlicher Versuch über eine freie persönliche Veranstaltung.

Die Dritten lassen bitten, heißt es. Jakob Schöller-Hock bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sein Erscheinen auf der Welt war bereits eine Woche vor Beginn des Basler Filmkunstfestivals erwartet worden. Er kam am Tag danach, schließlich und endlich, und die Erleichterung der Mutter war so groß: 52 Zentimeter, dreieinhalb Kilo. Schwesterchen Marie war vor zwei Jahren fast pünktlich zu Bildrausch no. 3 erschienen. Mit Jakobs Bruder Jeremias wiederum war Christine schwanger gewesen, als das Festival noch als Premierenprojekt in der Fruchtblase schwamm.

Wozu die Analogie zwischen in Basel geborenen Babys und einem noch sehr jungen Filmfestival? Nicht nur, weil der Vater dieser drei Kinder ein Freund des Verfassers ist. Robert ist zwar ein Cinephiler, und er lässt sich das gedruckte „ray“ in die Schweiz schicken; auf das Festival an seinem Wohnort, an den es ihn wegen seines Berufs als Wissenschafter verschlagen hat, wurde er aber erst durch mich aufmerksam – durch eine über viele Jahre räumlicher Distanz aufrecht erhaltene Freundschaft. Wenn es um menschliche und filmische Kleinkinder geht, könnte man von schweren Geburten faseln, vom Aufblühen zarter Pflänzchen, von Hingabe bis zur Aufzehrung. Natürlich muss in beide „investiert“ werden, Zuneigung, Beschäftigung, Liebe, damit sie sich gut entwickeln können. Wichtig aber auch: Die Kinder dieses Paares dürfen (fast) alles, wie auch die ausgesuchten Filme des Direktorenduos Nicole Reinhard und Beat Schneider und ihres inoffiziellen Ko-Direktors und „Master of nearly all Ceremonies“ Olaf Möller (fast) alles dürfen. Diese Basler Kinder und die Bildrausch-Filme haben eine zentrale Gemeinsamkeit: Sie sind frei. Auch am Tag vor der Hausgeburt seines Bruders wurde Jeremias das Gegenteil von Helikopter-überwacht, wie immer weniger Stadtkinder heutzutage, weil ja um Gottes willen immer was passieren kann. Prompt musste er mit einer Riesenbeule drei Stunden ins Spital. Ohne Risiko keine Vitalität, nicht im Kino, nicht im Leben. Schmerzhafte eigene Erfahrungen können Motor persönlicher Entwicklung sein, und nicht selten sind sie das Movens selbständiger filmischer Versuchsanordnungen.

Das Prinzip Selfie

Leben und Film sollten eine produktive oder produktiv verstörende Verbindung eingegangen sein, bevor sie bei dieser Feier des radikalen, oftmals sehr persönlichen Autorenkinos das Projektionslicht der Welt erblicken. Manchmal ist diese Verbindung ultrakurz – wie bei den Eintagsfliegen in Thierry Knauffs Vita brevis (leider noch nicht gesehen). Sie kann aber auch fast ein ganzes Menschenleben zum Wachsen brauchen, um sich schließlich doch noch auf der Leinwand zu manifestieren. Der faszinierende Dokumentarfilm Sam Klemke‘s Time Machine – Portrait of an Extraordinary Nobody ist so ein Fall: In gut eineinhalb Stunden sieht man hier die Jahrzehnte vorüberrauschen. Zum zwölften Geburtstag bekam der aus Denver stammende „suburbian Sam“ von seinen Eltern eine Filmkamera geschenkt und begann sein Leben festzuhalten. Mit siebzehn erfand er, wenn man so will, das Prinzip Selfie. Nicht als Posing, als Gute-Laune-Selbstdarstellung wie in den sinnarmen sozialvirtuellen Kanälen von heute. Sondern als schonungsloses Filmdokument seines jeweiligen Status quo, wechselweise als Selbstmotivation oder Erkenntnis des Scheiterns. Diese jährlichen Updates seit 1977, als er 20 Jahre alt wurde, bilden zusammen mit hunderten weiteren Stunden Material in verschiedenen Formaten, über seine Umgebung, seine unsteten Beziehungen zu Frauen, seinen Beruf als Instant-Comic-Zeichner, ein Archiv des permanent Vorläufigen. Im Zentrum ein suchtgeneigter, schwerer Vor-sich-her-Schieber unterm Herrn, der sich dennoch immer wieder neu auszurichten verstand. Und der den Eindruck macht, immer möglichst ehrlich gegenüber sich selbst gewesen zu sein. Ehrlich gesagt: Mit all dem kann ich einiges anfangen.

Vor ein paar Jahren raffte Sam sich auf, aus dem Selfie-Repertoire seines Lebensarchivs ein „Rewind“-Video zu destillieren, stellte es auf Youtube – und es wurde viral. (zur Zeit rund 1,1 Millionen Hits: 35 years Backwards thru Time with Sam Klemke). Dadurch wurde der in Australien arbeitende Dokumentarfilmemacher Matthew Bate (Eigendefinition: „searcher for meaning in the white noise of pop-culture“) auf ihn aufmerksam. Bate überredete Klemke, ihm das gesamte Material zu überlassen, und kontextualisierte seine Sicht der Essenz davon mit der berühmten „Golden Record“, die – ebenfalls 1977 – der Raumsonde „Voyager I“ beigefügt worden war, um allfälligen extraterrestrischen Findern das Leben auf der Erde zu erklären.

Zeitraumkapsel

Aber welches Leben soll man Aliens erklären? Was wissen wir eigentlich selbst über das Wesen des Menschen? Was ist der Inbegriff der Schöpfung? Das Kürzestleben der Insekten, wie Thierry Knauff es sieht? Oder vielleicht das Leben der Galapagos-Riesenschildkröte Lonesome George? Im Sommer 1997, als Sam Klemke gerade eines seiner wenigen wirklich guten Jahre hatte und ich meine Mutter endgültig verlor, bin ich George persönlich begegnet. Er starb am 24. Juni 2012 im Alter von rund hundert Jahren, als wahrscheinlich letzter seiner Art. Er starb so, wie diverse filmische Dystopien es für die letzten Menschen phantasieren und wie sein Beiname sagt: einsam und allein.

Welcher Zeitbegriff ist diesen Aliens eigen, wenn es sie denn gab, gibt oder geben wird? Mal angenommen, die Aliens sind supergescheit und sensitiv – zu denken an Seelenverwandte der humanoiden Mecha-Roboter aus Spielbergs/Kubricks A.I. Artificial Intelligence, die wie glatte Giacometti-Figuren aussehen. Mal angenommen, sie können die Platte abspielen und verstehen zufällig Englisch oder haben ein tolles Übersetzungsgerät. Dann hören sie als Finderlohn zum Beispiel die Grußbotschaft des damaligen UNO-Generalsekretärs und späteren Bundespräsidenten der Republik Österreich: „… Wir treten aus unserem Sonnensystem ins Universum auf der Suche, nur nach Frieden und Freundschaft, um zu lehren wo wir darum gebeten werden, um zu lernen wenn wir Glück haben …“ Noch nicht einmal wir Menschen hatten zum Zeitpunkt der Aufnahme das Glück, gelernt zu haben, was Kurt Waldheim verschwiegen hatte, dass er nämlich Offizier der Wehrmacht des NS-Vernichtungsregimes gewesen war. Waldheim hat nicht nur uns Erdlinge getäuscht, er hat potenziell alle Welträumlinge getäuscht.

Hätte man den Aliens schlechterdings erklären sollen, zu welchen Lügen und zu welchen unfassbaren Verbrechen der Mensch fähig ist? Andererseits: Für feinfühlig friedliche Aliens wäre so eine Platte abzuspielen womöglich wie die Büchse der Pandora zu öffnen. Es ist nicht nur zum Lachen, es ist auch zum Weinen, was das Forscherteam um den Star-Astronomen Carl Sagan (1934–1996) damals auf die Goldene Schallplatte geriffelt hat. 2006 wurde übrigens mit dem TV-Dokfilm CosmicConnexion einen weiterer Schwall ins All geschickt, in Richtung eines laut Wikipedia 45 Lichtjahre entfernten Doppelsternsystems.

Die Voyager-Sonde hat die Heliosphäre mittlerweile verlassen und driftet im interstellaren Raum in Richtung Ewigkeit. Sam Klemke indes steht fester am Erdboden als je zuvor. Seinem Mut, seiner Offenherzigkeit ist dieser sagenhafte „Saved Footage“-Film zu verdanken. Sam Klemke‘s Time Machine kann man nur so viele terrestrische Seher wie möglich wünschen, viele, viele Schulvorstellungen und mithin einen regulären Kinostart. Mit dem nunmehr mutmaßlich profiliertesten Prokrastinierer dieses Planeten organisierte Bildrausch nach der Vorführung ein Gespräch via Skype. So wandelte sich im Stadtkino Basel wundersamer Weise die filmische Zeitkapsel des Sam Klemke zu einer persönlichen Raumkapsel für das Publikum. Gibt‘s auch nicht überall im All.

Kompromissloses Kino

Apropos Zeitmaschine: Thom Andersens The Thoughts That Once We Had, eine superbe höchstpersönlich essayistische Vision der Kinematografie des 20. Jahrhunderts, ist vor allem, aber nicht nur für Deleuzianer ein purer Genuss. Zwei wahre Perlen aus dem Cannes-Jahrgang 2014 geborgen hat man etwa mit Lisandro Alonsos Jauja (zum Sterben schönes, geistvolles Kino) und Naomi Kawases Futatsume no mado (zum Sterben berührendes, bewegendes Kino). Statt jetzt aber ins Schwärmen zu geraten oder die sehenswertesten Filme einzeln abhaken zu wollen, ein genereller Aufruf: Liebe Filmkennerinnen und Filmkenner aller Länder, liebe Kolleginnen und Kollegen der Filmpublizistik, vereinigt Euch hier Ende Mai! Kompromissloses Kino ist hier! Radikale Filmkünstler sind hier! Familiäre Atmosphäre ist hier!

Die Konkurrenz unter den immer mehr und immer besser vermarkteten Festivals mag enorm sein, alle buhlen sie um Stars und Premieren und Eventpublikum. Bildrausch Basel aber ist konkurrenzlos. Als Beispiel eine Begegnung der dritten Art. Da lernt man am Vormittag beim „Töggeli“-Turnier auf der lauschigen Piazza vor dem Stadtkino drei nette Italiener kennen, die eine Tifosi-Stimmung verbreiten, als würde Fußball hier nicht bloß auf Tischen gespielt. Am Nachmittag desselben Tages erscheinen sie einem dann auf einem winterlichen Alpenpass, als halb erfrorene Soldaten im Weltkriegspoem Torneranno i prati des greisen Katholiken Ermanno Olmi.

Bildrausch-Liebling Nanouk Leopold (die mit Daan Emmen den ersten Festivaltrailer kreiert hat) und Veronika Franz (die bei Bildrausch mit Ich seh ich seh ihren gefühlten 15. persönlichen Festivalauftritt absolvierte) hatten beim Wuzel-Turnier übrigens keine Chance, dafür erspielte Franzens Regiepartner Severin Fiala den dritten Platz. Gewonnen hat Thomas Fricke aka Tommy Whynot, der damit das Turnier-Motto „Beat the Artists“ zertrümmerte. Beim kleinen, feinen Abschlusskonzert bewies der Sänger und Gitarrist der Berliner Kultband Acapulco Radio (laut Eigendefinition eine Mischung aus Tom Waits, Tex Perkins und Chris Isaak), dass auch in so manchem Supersportler ein Sensibelchen steckt.

Persönliche Schmerzschwelle

In Kürze Fußnoten zu den „Stargästen“, die man beide taxfrei der Kategorie Klangkünstler-Soundtüftler-Filmemacher zuordnen darf, deren Arbeit dennoch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweist. Der Finne Mika Taanila, ein Gesamtkünstler im Bereich Dokumentarfilm, Avantgarde- und Videokunst, führte in der Basler Kaserne mit der Band Circle die „audiovisuelle Rockoper“ SSEENNSSEESS auf, ein mitunter Richtung Industrial Noise abfahrendes, buchstäblich nachhaltig beeindruckendes, 90-minütiges Monstrum von Musikstück samt Loops auf drei Screens. Thierry Knauffs iPhone maß 110 Dezibel, also knapp unter der durchschnittlichen und knapp über dessen persönlicher Schmerzschwelle. Mit Future Is Not What It Used to Be (Tulevaisuus ei ole entisensä, 2002) steuerte Taanila auch den schönsten Filmtitel zum diesjährigen Festival bei. Es handelt sich um ein Porträt des 1941 geborenen, obsessiven Elektronikmusikpioniers, Futurologen und überhaupt ingeniösen Allround-Genies Erkki Kurenniemi (leider nicht gesehen, weil noch nicht da), um dessen künftiges Erbe Taanila sich seit damals bemüht.

Der Brite Peter Strickland wiederum, dessen Berberian Sound Studio mir nun schon zum wiederholten Mal entging, lebt und arbeitet schon lange in Ungarn, hat aber das britischste Understatement ever. Das Programm mit seinen frühen, noch eher epigonalen Kurzfilmen aus den neunziger Jahren und sein eigenfinanziertes, in den Karpaten auf Ungarisch gedrehtes, archaisches Revanche-Langspielfilmdebüt Katalin Varga (2009) öffneten Augen für die bemerkenswerte Entwicklung dieses exzentrischen Autodidakten, auch wenn man sein jüngstes Werk The Duke of Burgundy nicht als längste Praline der Welt ansieht. „Not my cup of tea“, gestand ich ihm. „Better to be honest“, so er.

Zum Stichwort Geständnis der Epilog. Wieder einmal habe ich bei einem Festival die Siegerfilme verpasst. Statt Guy Maddins (mit Evan Johnson) den Stummfilm in die Farbfilmära hineinfabulierenden The Forbidden Room anzuschauen, habe ich mich mit Thierry Knauff verplaudert. Dessen Film wie gesagt auch verpasst. Und statt Fires on the Plain, für den Shinya Tsukamoto von der heurigen Jury (Luis Miñarro, Caroline Weidner, Tom Shkolnik) einen zweiten Bildrausch-Ring der Filmkunst nach Japan geschickt kriegt, habe ich Stricklands Kurzfilme gesehen, siehe oben.

Ob der kleine Jakob wohl auch ein Cinephiler wird, der dauernd Filme versäumt? Cinephiler vielleicht. Aber womöglich wird er im Leben immer früh dran sein, weil er bei seiner Geburt zu spät war. Ich bin jedenfalls im Leben zumeist eher spät dran, ein bisschen wie Sam Klemke. Nur auf die Welt gekommen bin ich viel zu früh.