Richard Linklater und sein Hauptdarsteller Ellar Coltrane beglücken mit einem Film, der das (Auf-)wachsen eines Kindes spürbar werden lässt: „Boyhood“.
Dieser Film ist ein Wunder. Das Wort ist inflationär im Umlauf, in diesem Fall ist es berechtigt. Boyhood führt in zweidreiviertel zum Staunen bringenden Stunden die Essenz des Erwachsenwerdens vor Augen. Das in der Filmgeschichte einzigartige Langzeitprojekt des Texaners Richard Linklater ist eine im Grunde einfache, doch in ihrer Anlage vielschichtige, mitunter humorvolle und intensiv wirksame Erzählung. Der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane) ist ein Scheidungskind. Zusammen mit seiner etwas älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater, die Tochter des Filmemachers) wird er von der Mutter allein aufgezogen. Olivia (Patricia Arquette) zieht im Lauf des Films mit ihren Kids mehrmals um, steigt mittels Weiterbildung sozial auf und gerät an ein paar miserable Männer. Masons und Samanthas leiblicher Vater Mason Senior (anfangs als Freigeist, gegen Ende pragmatisch konservativ: Ethan Hawke) sorgt an manchen Wochenenden für Bowling-Heiterkeit und politisch linksliberale Erziehungsimpulse. In einzelnen Begebenheiten verankert Linklater seinen Film im realen politischen oder kulturellen Geschehen: Als die Kinder noch recht klein sind, dürfen sie einmal zu einer „Harry Potter“-Fan-Convention. Im Obama-Wahljahr lässt der Vater den Sohn McCain-Tafeln aus Vorgärten entfernen. Zentral aber bleibt lange das Verhältnis der Kids zu und die Kommunikation mit den Eltern. In einer der lustigsten Szenen berührt Mason Sr. die pubertierende Samantha peinlich mit unerwünschtem Aufklärungsunterricht.
So undramatisch das alles klingt, so undramatisch ist es auch. Bis auf ein paar bange Momente zwischendurch – mit einem Ersatzvater, der dem Alkohol verfallen und seiner Aggressionen nicht Herr ist – faltet sich in jährlichen Sprüngen eine gewöhnliche zeitgenössische Mittelstandskindheit mit Patchwork-Elementen auf. Seinen universell wirkenden Zauber bezieht Boyhood nicht aus großen Prüfsteinen, die dem Helden in die jugendliche Biografie geknallt werden (wie nicht selten im US-Adoleszenzkino), sondern aus einem leichthändigen, oft improvisiert und im besten Sinn authentisch wirkenden Umgang mit alltäglichen kleinen Dramen, mit den wechselnden Befindlichkeiten einer Familie. Dabei zieht der Film seinen lebendigen, lockeren Tonfall über den sagenhaften „Echtzeitraum“ der Produktion von fast zwölf Jahren durch. Erstaunlich, wie Boyhood seinen sympathischen Figuren treu bleibt, während diese sich stetig weiterentwickeln.
Was in anderen Filmen oft mehr schlecht als recht die Maske besorgt, nämlich glaubhafte Zeitsprünge der Narration, ist hier organisch in den Erzählfluss integriert. Die einzigen Hinweise, dass wir vom einen in das jeweils nächste Jahr übergegangen sind, bemerken wir am Aussehen der Charaktere (im Schnitt holte Linklater seine Crew für drei bis vier Drehtage pro Saison zusammen). Wir sehen den kleinen Mason wachsen, Interessen kommen und gehen, aus dem unbeschriebenen Blatt wird in Schüben ein junger Mann mit philosophischem Gestus und dem Talent für Fotografie. Coming-of-Age, eine Auswahl: Zoff mit der anfangs übermütigen Schwester, Teenage Isolation, erste Barthärchen, Männlichkeitsbeweise, erste Liebe, erster Liebeskummer und ein stetig gelassenerer Umgang mit Mutters Fehlgriffen bei der Partnerwahl. Es war ein großes Glück für Linklater, oder war es sein Gespür, dass der kleine Ellar Coltrane nicht nur körperlich, sondern mit der Aufgabe auch schauspielerisch gewachsen ist. Faszinierend, wie sich aus dem Knaben eine suchende Seele und eine nachdenkliche, naturgemäß nicht ausgesprochen entscheidungsfreudige Persönlichkeit schält. Nach dem beglückenden Ende (der Ankunft auf dem College) ist Mason einem so ans Herz gewachsen, dass man sich Gedanken macht, welche Wendungen sein Leben als Erwachsener wohl nehmen wird.
Schon mit seiner „Before“-Trilogie hatte Richard Linklater die für gewöhnlich engen zeitlichen Grenzen einer Filmproduktion gesprengt. Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) trafen einander in Before Sunrise (1995) in Wien, nach einem Wiedersehen in Paris (Before Sunset, 2004) verehelichten sie sich und bekamen Kinder (zwischen den Filmen), und der dritte Teil (Before Midnight, 2013) lief auf einen heftigen Beziehungsstreit des Paares im Griechenland-Urlaub hinaus und macht einen vierten Teil um das Jahr 2022 herum jedenfalls möglich – setzt man voraus, dass die wesentlich Beteiligten dann auch können und wollen. Nach Ansicht von Boyhood könnte man sich zum Beispiel „Before Noon“ vorstellen, der nach der Trennung von Jesse und Celine spielt und eine erweiterte Patchwork-Situation zeichnet, der zu Jesses Sohn aus erster Ehe und den beiden gemeinsamen Mädchen weitere Partner und Kinder auf den Plan treten lässt. Oder die zwei raufen und reden sich nach einer Krise wieder zusammen, während ihre Kinder erste Beziehungserfahrungen machen. Dass erfundene Filmfiguren, gespielt von denselben Schauspielern, nach neun Jahren in einem Sequel und nach weiteren neun Jahren in einem weiteren Sequel auftauchen, hat es davor in ähnlicher Dimension nur bei François Truffauts legendärem Antoine-Doinel-Zyklus mit Jean-Pierre Léaud als Alter Ego des Regisseurs gegeben. Oder etwa, der Verwertungslogik der US-Filmindustrie folgend, bei Konzept-Franchises wie Terminator (aber das ist ein anderes Terrain und eine andere Geschichte). Einer Mannwerdung wie jener von Mason/Ellar beizuwohnen, das allerdings ist nun, dank der Beharrlichkeit Richard Linklaters und seiner Mitstreiter, erstmals im Kino möglich. Dementsprechend begeistert fielen die Kritiken in Sundance und bei der Berlinale aus. Man kann Boyhood gar nicht frenetisch genug bejubeln: Dem Sog dieser beständigen, unaufgeregten, humanistischen Art des Filmemachens konnte sich bislang kaum ein Cinephiler entziehen.
Der Film ist ein Spiegel unseres Lebens
Ein Gespräch mit Richard Linklater zu „Boyhood“
Interview ~ Dieter Oßwald
Mit seiner Liebes-Trilogie Before Sunrise, Before Sunset und Before Midnight erwarb sich Richard Linklater den Status als Kult-Regisseur. Für deren letzen Teil wurde er sogar für den Oscar nominiert. Sein jüngster Film Boyhood avancierte zum großen Liebling der Berlinale und wurde von den Feuilletons gefeiert. Erzählt wird im Verlauf von zwölf Jahren das Erwachsenwerden eines Jungen, von der Volksschule bis zum College. Dieses Panoptikum des Lebens ist einzigartig in der Filmgeschichte – und wurde in Berlin mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie belohnt.
So viele Hymnen wie für Ihren Film gab es schon lange nicht bei der Berlinale. Haben Sie mit diesem enormen Erfolg gerechnet?
Nein, ich habe überhaupt nichts erwartet. Natürlich ist es ein wunderbares Gefühl, wenn die Leute etwas mögen, an dem man so lange Zeit gearbeitet hat. Nun investieren die Zuschauer ihre Zeit, um am Leben dieser vier Figuren teilzuhaben, und scheinen dabei Spaß zu haben. Diesen Job macht man schließlich, um mit dem Publikum zu kommunizieren.
Wie weit kann man Boyhood als Prequel Ihrer Before Sunrise-Trilogie sehen?
Hey, das ist gar kein schlechter Gedanke. In drei Jahren wird unser Held dann mit dem Zug nach Wien fahren, und sich dort in seinen eigenen Vater verwandeln! (Lacht.) Wir könnten daraus ein echtes Remake von Before Sunrise machen, in dem Sohn und Vater verschmelzen – super Idee!
Sie haben Ihren Hauptdarsteller Ellar Coltrane im Alter von sechs Jahren verpflichtet – wie konnten Sie sicher sein, dass er elf Jahre bei diesem Dreh am Ball bleibt?
Mit Gottvertrauen in die Zukunft! Man kann ein sechsjähriges Kind ja nicht langfristig vertraglich binden. Aber zum Glück hatten wir enorme Unterstützung durch seine Eltern, die beide Künstler sind. Das Projekt war also eine Familienangelegenheit. Und Ellar hat einen grandiosen Vorteil: Wessen Leben wurde jemals über so lange Zeit auf der Leinwand dokumentiert?
Wie hat Ihre Tochter Lorelei, auch im Film die Tochter, auf das Projekt reagiert? Ist die Szene des verunglückten väterlichen Aufklärungsunterrichts autobiografisch?
Da ich meine Tochter sehr gut kenne, habe ich ihre Auftritte entsprechend eingeplant. Als wir diese Aufklärungsszene drehten, wusste ich, dass Lorelei in einem schwierigen Alter steckte und alles, was irgendwie mit Körperlichkeit zu tun hatte, nur eklig fand – das haben wir natürlich für diese Szene benutzt. (Lacht.) Es gab Zeiten, wo Lorelei sagte: „Kannst du die Figur nicht sterben lassen?“ Worauf ich meinte, das gehe aus dramaturgischen Gründen nicht.
In einer Szene ermahnt der Lehrer seinen Schüler, dass er sich beim Fotografieren mehr anstrengen müsse, schließlich könne jeder Trottel Bilder machen, aber nur wenige machen daraus Kunst – ist das Ihr Kommentar zu Hollywood?
Über diesen Vergleich habe ich bislang noch gar nicht nachgedacht – aber jetzt, wo Sie es erwähnen: Stimmt schon, jeder Trottel kann Bilder machen. (Lacht.)
Was wollten Sie mit dem Film erreichen?
Der Film soll ein Spiegel sein, der zeigt, wie das Leben läuft und die Zeit vergeht. Das klingt wie ein experimenteller Film, wo danach alle sagen: „Interessant“. Aber das wollte ich vermeiden, für mich war ganz entscheidend, die Zuschauer auch emotional mitzunehmen. Die meiste Zeit verläuft das Leben ziemlich ruhig, selbst in Kriegsgebieten ist das so. Umso mehr erinnert man sich an jene Momente, in denen etwas Außergewöhnliches passiert – genau so funktioniert es in Boyhood.
Zweieindreiviertel Stunden sind zwar schon ziemlich lang, aber gibt es eine noch längere Schnittversion?
Nein, im Film ist fast alles zu sehen, was wir gedreht haben. Das ganze Drehbuch war ja von Beginn an weitgehend geplant, schließlich stand uns nur wenig Zeit und ganz wenig Budget zur Verfügung.
Haben Sie in den elf Jahren Drehzeit keine Veränderungen vorgenommen?
Kaum, ich wusste im zweiten Jahr bereits, wie das Schlussbild des Films aussehen wird. Die Struktur stand also zum einen fest, zum anderen gab es jedoch viel Freiräume für die Schauspieler bei den Dialogen. In den letzten fünf Jahren war Ellar immer stärker beteiligt. Ich gab ihm als Hausaufgabe, dass er bei seinen Verabredungen immer aufschreiben sollte, was er mit den Mädchen dabei so redet und wie sie reagieren. Auch bei der Sprache habe ich mich auf ihn verlassen. Nichts ist schlimmer, als dass 40-jährige Drehbuchautoren glauben, sie wüssten wie Jugendliche reden.
Haben Sie das Werk chronologisch geschnitten oder erst ganz zum Schluss?
Wir haben den Film immer gleich nach den Dreharbeiten geschnitten. Es kam also jedes Jahr ein Stück dazu. Diese Episoden habe ich mir dann jeweils nochmals angeschaut, bevor es zum nächsten Dreh ging. Es ist großartig, wenn man sich so viel Zeit für die Montage lassen kann. Erst ganz am Ende haben wir nochmals den Feinschliff gemacht.
Was haben Sie bei diesem Projekt gelernt?
Meine größte Entdeckung war, wie wenig sich die Kultur verändert hat. Von 1969 bis 1981 gab es unglaubliche Umbrüche. Danach ist nicht mehr viel passiert. Die Mode und die Autos sehen immer noch ziemlich gleich aus. Was sich dramatisch gewandelt hat ist die Technologie. Damit sind die Menschen so überfordert, dass sie für andere Veränderungen keinen Kopf mehr haben.
Zu den technologischen Veränderungen gehört auch die flächendeckende Überwachung durch Geheimdienste. Was hat es mit Ihrem Kommentar zur NSA im Film auf sich?
Das lag einfach in der Luft. Diese Szene ist lustig, aber eben auch real. Keiner von uns mag diese Überwachung – selbst Frau Merkel mag das nicht. (Lacht.)
Wird es eine Fortsetzung geben?
Das war bislang noch kein Thema, wir haben beim Drehen nur Witze über diese Möglichkeit gemacht. Für mich stand von Anfang an fest, dass der Film mit dem Eintritt ins College und dem Auszug aus dem Elternhaus aufhören sollte.
