Breaking Bad

Breaking Bad

Unschärferelation

| Roman Scheiber |

„Breaking Bad“ vermählt Familiendrama, Drogenthriller, schwarze Komödie und Entwicklungsroman. Dass die Geschichte um einen von Bryan Cranston grandios gespielten Chemielehrer auf Abwegen zum innovativsten US-Serien-Stoff der Gegenwart zählt, belegt die jüngst auf DVD erschienene dritte Season.

Irgendwo in der Pampa im Herzen Mexikos. Eine Ansammlung bröckelnder Häuser, im Hintergrund ein Felshügel in der Form eines Sombreros. In orange gefilterten Bildern kriechen verquält aussehende Männer durch den Wüstensand. Ein schwarz glänzender Mercedes stößt dazu, ihm entsteigen zwei kahlköpfige Männer mit Gamsbart. Bevor sie sich in ihren silbergrauen Maßanzügen an die Spitze der seltsamen Prozession begeben, werfen die Zwillinge einander einen verknöcherten Blick zu. Im Krebsgang erreichen sie einen Verschlag, der sich innen, mit Blumenflor, Kerzen und allerlei Reliquien geschmückt, als Santa-Muerte-Schrein entpuppt, als Pilgerstätte für eine kultisch verehrte mexikanische Totengottheit.

Die schweigsamen, coolen Kahlköpfe wirken ein wenig, als wären sie von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, im Gedenken an „Twin-Peaks“-Zeiten von David Lynch, bei ein paar über den Durst getrunkenen Stamperln Mezcal ausgeschnapst worden. Wie drastisch ihre späteren Auftritte anzunehmen sind, davon künden die silbernen Totenköpfchen, mit denen die Spitzen ihrer weinroten Leder-Boots beschlagen sind. Es versprechen Eingriffe opernhaft überhöhter Kunstfiguren in ein ansonsten eher naturalistisches Setting zu werden.

Über dem Altar von La Santa Muerte bringt einer der Zwillinge einen Zettel mit einer Bleistiftskizze an. Er ist nicht gerade gut getroffen, doch „Breaking-Bad“-Seher erkennen den abgebildeten Mann an der schwarzen Sonnenbrille, dem flachen, schmalkrempigen Hut und dem dicken Oberlippenbart: Es ist der einst so engagierte Chemielehrer Walter White aus Albuquerque, New Mexico, in der Drogenszene bekannt geworden unter dem Pseudonym „Heisenberg“ – und nunmehr berühmt als Produzent der klarsten Methamphetamin-Blaukristalle, die zwischen Ciudad Juárez und Colorado zu finden sind.

LET’S COOK!

Soweit der Prolog zur dritten Season der wahrscheinlich besten US-Dramaserie, die derzeit im Fernsehen und auf DVD zu finden ist (von „ray“ erstmals in Ausgabe 11/10 vorgestellt). Intelligent geschrieben, pfiffig inszeniert, toll gecastet und gespielt, ragt „Breaking Bad“ wie ein Bergkristall aus dem steinernen Meer auf Nummer sicher gehender Serienware empor: in ihrer präzisen Figurenzeichnung, in ihrem Einfallsreichtum. Hier mischt sich Social Comedy mit existenziellem Drama, werden Wahrheiten über das Wesen der Menschen vermittels dunkelgrauem Humor kenntlich, wird das mafiöse Prinzip von The Godfather in sein Gegenteil verkehrt – nicht durch seine Familie wird Walt zum kriminellen Helden, sondern für seine Familie.

Unerhörte Geschichte: Mit der Diagnose letaler Lungenkrebs konfrontiert, beschließt der bislang unbescholtene Nichtraucher, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu machen, um seinen Liebsten nicht jene Schulden zu hinterlassen, auf denen das Familien-Idyll suburbaner Mittelstands-Amerikaner in der Regel gegründet ist. Walt (zweifach Emmy-prämiert: Bryan Cranston), ein kluger, ebenso praktisch denkender wie positiv eingestellter Mensch mit einer hübschen Ordnungsneurose, muss dafür nur eins und eins zusammenzählen: Ein Chemiker kann Substanzen aller Art herstellen. Die Welt verlangt nach Methamphetamin. Also koche ich Crystal Meth und befriedige die Nachfrage. Eine scheinbar einfache Formel, die jedoch einen schwer kalkulierbaren Überschuss abwirft, aus dem „Breaking Bad“ seine Erzähllogik bezieht. Wie böse muss ein braver Familienvater werden, um zum Drogenkoch zu mutieren? Neben geschäftstypischen Gefahren für einen Anfänger im Meth-Business und neben familiären Komplikationen, die sich aus der nötigen Geheimhaltung des kriminellen Nebenjobs ergeben, lotet die erste Season diese moralische Frage aus – und nicht zuletzt, was folgt, wenn man der Frage ausweicht.

Dass Menschen aus nachvollziehbaren Impulsen Schlechtes tun, ist ein Grundmotiv, das sich auch in anderen ihrer Figuren spiegelt. Walts Partner Jesse (Emmy-prämiert als junger Junkie: Aaron Paul) verliert darob im Verlauf der Geschichte nahezu alles, die Zuneigung seiner Eltern, sein Haus, seine von ihm mit Meth angefixte Geliebte, seine Selbstachtung, seine Selbstkontrolle: Am Ende hat er so viel falsch gemacht, dass er sich dafür hassen muss. Erst wenn es längst zu spät ist, kurz vor seiner bislang schwierigsten Entscheidung, dämmert ihm, dass er als bad guy auch nichts taugt. Und sein Ersatzvater kann ihm erst recht nicht helfen, der hat seine eigenen Probleme. Heisenberg weiß wohl um die Gesetze der Quantenmechanik. Wie man die Atome der Seele beeinflusst, weiß er nicht.

STAY OUT OF MY TERRITORY!

Zu Beginn der zweiten Season hat Walter White eine im siebenten Monat mit einem Nachzügler-Baby schwangere Gattin (die reine Freude: Anna Gunn als Skyler), einen an zerebraler Bewegungsstörung leidenden 15-jährigen Sohn (RJ Mitte spielt den sympathischen Walter junior), ein für einen Familienerhalter bescheidenes Jahresgehalt von 43.700 Dollar, rund anderthalb Jahre maximale Lebenswartung, noch kaum etwas dazuverdient und den ersten Toten auf dem Gewissen.

Als High-School-Lehrer ist Walt ein „Underachiever“. Sein Talent hätte locker für einen hoch dotierten Pharma-Job gereicht, doch er wollte mehr Zeit für seine Familie haben. Wenn Walt sich im Verlauf der zweiten Season nolens volens immer öfter von Herrn White zum gefürchteten Heisenberg wandelt, dann bricht sich damit auch das unterdrückte Ego des Underachievers Bahn – mit selbstwertgefühlssteigernden, aber auch unberechenbaren Folgen. Wie plötzlich aus diesem Dr. Jekyll gleichsam ein Mr. Hyde werden kann, illustriert eine lakonische Szene in Season zwei: Beim beiläufigen Bummel in einem Baumarkt bemerkt Walt einen Junkie, der seinen Einkaufswagen hektisch mit Utensilien füllt, die man zum Meth-Kochen braucht. Später auf dem Parkplatz pflanzt er sich vor dessen Koloss von Partner auf, wirft diesem einen vernichtenden Blick zu und sagt, mit diesem Heisenberg-Timbre in der Stimme: „Stay out of my territory!“ Nie wieder waren die zwei gesehen.

Mit ein Grund, warum eine ausgefallene Serie wie „Breaking Bad“ auch beim Publikum funktioniert, könnte ihr vergnüglich instabiles Männlichkeitskonzept sein. Lässt man beiseite, dass die Sache zumeist viel komplizierter ist, lässt sich dieses auch als ironischer Kommentar darauf verstehen, wie es den konservativen westlichen Familienerhalter in ökonomisch schwierigen Zeiten zerreißt. Tipp, um die Mischpoche bei Laune zu halten: Spalte deine Persönlichkeit! Sei lieb und nett zu Frau und Kind, doch dämonenhaft und gnadenlos im beruflichen Bestreben, den Lebensstandard hoch zu halten.

Walts Methode ist selbstverständlich nicht dazu angetan, den Spagat hinzukriegen. Eine Season später ist seine Ehe trotz der Geburt einer gesunden Tochter am Zerbröseln, seinen vermehrt von Angst-Attacken geplagten Schwager Hank (sehr variabel: Dean Norris) – der ihm als Drogenfahnder immer näher auf die Pelle rückt – stürzt er in Lebensgefahr und dessen Frau Marie (köstlich neurotisch: Betsy Brandt) dadurch ins Unglück. Nachdem Walt den Tumor in seiner Lunge vorläufig in den Griff bekommen hat, bemerkt er erst, dass er für seine enge Umgebung mittlerweile selbst zum Krebsgeschwür ausgewuchert ist.

AND WINDY HAS WINGS TO FLY

„Breaking Bad“ ist der Glücksfall einer Produktion, der man die Lust am Teamwork bis in die feinste Faser anmerkt. Vor jeder Episode verschanzt sich ihr Schöpfer und ausführender Produzent Vince Gilligan samt Kreativteam in einem provisorischen Büro in den AMC-Studios von Albuquerque, um Pinnwände mit Ideen auf Spickzetteln vollzuspachteln.
Hingebungsvoll befeuert der Zirkel um den einstigen Staff-Writer von „The X Files“ das neuronale Netzwerk der Serie, und ganz offensichtlich lieben in diesem Schreiblabor alle ihren Godfather und ihre „Sopranos“, ihre Rocky– oder Halloween-Box, ihren Budd Boetticher und ihr Grindhouse-Kino, ja, und „Weeds“ hat man sicher auch gesehen. Hier erfindet man den spaßigen Sprechdurchfall von Walts Anwalt „Better call Saul!“ Goodman (Bob Odenkirk), hauchdünn an der Schwelle, unter der dieser zur Vignette eines Winkeladvokaten verkommen würde. Hier bekommt Gustavo Frings, Walts gerissener High-End-Geschäftspartner, seine Höflichkeitsfloskeln und Schlichtungsformeln in den Mund gelegt, die Giancarlo Esposito in der Art eines Majordomus vorzutragen pflegt. Solche liebevollen Investments in Charakterzeichnungen zahlen sich dann in den dramatisch dichten Szenen aus.

Das Crystal wird in Season drei professioneller hergestellt (früher im schrottplatzreifen Camper, jetzt im High-Tech-Labor), was auch mit einem Stilwechsel im Bildvokabular von „Breaking Bad“ korrespondiert. Anfangs öfter mit Handkamera, vereinzelt auf Video, aus schrägen Blickwinkeln oder nervös gedreht, überwiegen nun längere Einstellungen mit gemessenen Bewegungen. Auf narrativer Ebene verschoben hat sich der Wissensvorsprung des Publikums: In Staffel drei sind wir den Helden immer wieder um eine pikante Information voraus.

Die fabelhafte Songauswahl und der sparsame Score machen das Gesamtkonzept der Serie perfekt. Wo andere Produktionen ihre Gefühlsgarantie mit musikalisch manipulativem Falschgeld aufdoppeln, da verfährt Komponist Dave Porter bei „Breaking Bad“ anders herum: Seine Noten setzt er verhalten ein, sowohl bei emotional intensiven Szenen als auch beim Aufbau von Spannungsmomenten, deren Entladung dann zumeist gänzlich ohne Musik auskommt. An Gewitztheit ihresgleichen wiederum suchen die Episoden-Opener, ob verrätselter Teaser, Flashback mit narrativem Mehrwert oder flott montierter Clip. Allein die zwei Minuten bei der Arbeit mit Wendy! Die Meth-Süchtige im Minirock geht ihrem Gewerbe in Autos hinter einem Crossroads Motel nach, beschwingt besungen von The Association – (Everyone knows it’s) „Windy“. Im Fall einer weniger ausgekochten Serie hätte man im prüden US-Fernsehen wohl gar nicht erst versucht, mit so einem frechen Clip on air zu gehen. „Breaking Bad“ scheut sich nicht, die Sehgewohnheiten ihres Publikums auf die Probe zu stellen, bis hinein ins fintenreiche Detail.

NOWHERE TO GO BUT UP

Unter dem Strich sind es freilich existenzielle Fragen, denen die clevere Verbindung von Unterhaltung und Anspruch in „Breaking Bad“ zuarbeitet. Durch welchen Grad an Überdruck geraten wir außer Kontrolle? Warum neigen wir dazu, alles, was emotional auf unserem Gewissen lastet, zu verdrängen oder zu rationalisieren? Welche Schwankungsbreite hat das Spektrum zwischen dem, was wir als gut, sympathisch, korrekt und dem, was wir als böse, grauslich, kriminell empfinden?

Die Eröffnung der Abschlussfolge versetzt uns so weit zurück wie noch nie in der Geschichte der Whites: Skyler, gerade mit Walter jr. hochschwanger, besichtigt mit Walt ein zum Verkauf stehendes Haus. Man erkennt, es ist der spätere Wohnsitz der Familie. Die Anzahl der Zimmer findet Walt bescheiden, schließlich brauche man irgendwann drei Kinderzimmer. Er versucht sie zu überzeugen, ein größeres Haus zu nehmen. „Why be cautious? We got nowhere to go but up.“

Ob es mit Walt und seiner Familie wieder aufwärts geht und was das mit Jesse, seinem schroff geliebten Problemkind, zu tun haben mag, wurde von den Kreativen um Vince Gilligan bereits ausgequirlt. Die Köche im „Breaking-Bad“-Labor scheinen alles daran zu setzen, einen bestimmen Nachweis zu erbringen: Um ohne den Konsum einer harten Droge high zu werden, heißt es, die Sinne auf „Breaking Bad“ scharf zu stellen.