„Bresson hat mich wegen meiner Stimme ausgesucht“

| Alexandra Zawia |

Mit 65 Jahren spricht Dominique Sanda mit mehr „Lebenserfahrung“, wie sie betont. Was zuerst unaufregend logisch klingt, gewinnt an Bedeutung, wenn sie im Gespräch immer wieder persönliche Erfahrungen teilt und vor allem zeigt, dass sie mittels spiritueller Neuorientierung mehr Halt im Leben gefunden hat. Mehr als einmal unterbricht sie, um ein „Ohhmmm“ einzuwerfen. Als Dominique Marie-Françoise Renée Varaigne vor 65 Jahren in Paris geboren, war sie bereits mit 15 Jahren auf der Suche nach einer Ausbruchsmöglichkeit aus dem „streng katholischen Elternhaus“, wie sie selbst sagt. Sie heiratete, aber die Scheidung folgte bereits zwei Jahre später. Bei einem Schönheitswettbewerb (Sanda arbeitete damals als Fotomodell) wurde sie für ihre erste Filmrolle entdeckt: In Robert Bressons Dostojewski-Adaption Die Sanfte (Une femme douce, 1969), eine Rolle wie aus ihrem Leben, als eine Frau, die bei dem Versuch, sich aus Konventionen zu befreien, scheitert. Von da an wurde Sanda (sie änderte ihren Namen als „Akt der Befreiung“) von Regisseur zu Regisseur weitergereicht, „ohne je für eine Rolle vorsprechen zu müssen“. Schon 1970 erlangte sie internationale Bekanntheit in der Rolle der bisexuellen Dame Anna Quadri in Bernardo Bertoluccis Der große Irrtum. Noch im selben Jahr wurde sie von Vittorio de Sica für Der Garten der Finzi Contini besetzt.  Mit Bertolucci drehte sie außerdem 1900 sowie mit Jacques Demy Ein Zimmer in der Stadt (1982) oder mit Mauro Bolognini den Film Das Erbe der Ferramonti, für den sie 1976 den Darstellerinnenpreis bei den Filmfestspielen von Cannes gewann. Seit den späten Achtziger-Jahren tritt Sanda nun überwiegend in italienisch-französischen Film- und Fernsehproduktionen auf und lebt in Buenos Aires, wo sie verstärkt Theater spielt.

Zur Aufführung von Une femme douce bei der Bresson-Retrospektive des Filmmuseums war sie in Wien zu Gast.

Wir treffen uns hier in Wien, nachdem Sie gerade aus Buenos Aires gekommen sind, wo Sie seit vielen Jahren leben. Fast klingt das nach selbst gewähltem Exil…
Das ist es irgendwie auch. Nun, es hatte rein logistische Gründe, warum ich nach Buenos Aires gezogen bin, nachdem mein Mann dort arbeitete. Aber auch, weil er zwei Kinder hat, die schizophren sind, und für die es sicher besser ist, wenn ihr Vater in der Nähe ist. Ich selbst habe den Rückzug aber auch gesucht, muss ich sagen. Ich bin sehr naturverbunden, und die Natur ist die perfekte Möglichkeit für mich, von Menschen wegzukommen, auch wenn ich Gesellschaft sehr liebe, aber ich brauche meine Rückzugszeiten. Das klingt sehr nach Sixties und nach Hippie-Spirit, ich weiß …

Die sechziger Jahre haben Sie ja sehr geprägt, und gerade da waren Sie ja wohl so gut wie dauernd von Menschen umringt…
Irgendwie habe ich immer in den Sechzigern gelebt, ja.

Ab dem Zeitpunkt, da Robert Bresson Sie in Une femme douce besetzte?
Das kann man so sagen, ja, es war eine unglaublich prägende Erfahrung für mich.

Man war auf Sie aufmerksam geworden, nachdem Sie einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatten. Heute sind solche Bewerbe inflationär und Schönheit ist ein knallhartes Geschäft – oder wie sehen Sie das?
Schönheit war schon immer ein Geschäft. Bresson und die Regisseure seiner Zeit haben nach jungen Mädchen gesucht, nach Models, die Frauen sollten gar nicht viel mehr sein als optischer Aufputz, das entsprach eine Frage von Geben und Nehmen, die im besten Falle mit Berühmtheit belohnt wurde. Ich weiß nicht, ob ich als junges Mädchen heute wieder an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen würde, aber damals ging es bei Frauen im Film hauptsächlich darum.

Hat Sie das gestört?
Nein. Bresson hat immer gesagt, er habe mich aufgrund meiner Stimme am Telefon ausgewählt. Das fand ich wundervoll. Jeder sprach damals über meine Schönheit, aber Bresson hat mich wegen meiner Stimme ausgesucht. Mich hat das auch deswegen so beeindruckt, weil ich persönlich der Meinung bin, dass nicht nur die Augen, sondern auch die Stimme das Fenster zur Seele sind.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Drehtag mit ihm?
Nicht an den ersten Tag speziell, aber ich erinnere mich an viele Details, viele Momente. Er suchte nach etwas, das ihn überraschen würde. Dafür war ich offen, und er konnte es einfangen. Er mochte professionelle Schauspieler aus dem Grund nicht besonders gern, weil er fand, alles, was sie machten, wäre aufgesetzt und nicht mehr pur. Das kann ich verstehen, auch wenn es nicht wahr sein muss.

Waren Sie als 17-Jährige nicht eingeschüchtert am Set?
Nein, denn ich wusste zum einen sowieso nicht, was da genau passiert, und ich war vollkommen ich selbst. Bresson mochte mich, weil ich keine Schauspielerin war, und in den Pausen strich er mir gern übers Haar. Das war allerdings gar nicht so angenehm, denn seine Hände waren immer furchtbar klebrig, weil er schwitzte.

Wie war es für Sie, den Film zum ersten Mal zu sehen?
Das war in einem Kino auf den Champs-Elysées, und es war unglaublich. Denn das, was ich auf der Leinwand sah, war exakt das, was ich erwartet hatte.

Das ist eher ungewöhnlich.
Ja, ist es. Aber genauso war es. Ich hatte mir den Film genauso vorgestellt.

Das zeugt von einem starken Verständnis und einer Verbindung mit dem Regisseur, oder?
Ganz sicher. Es war eine spontane, sehr tiefe Verbindung. Und mein erster Schritt in die Freiheit, denn wir dürfen nicht vergessen: Meine Eltern waren sehr katholisch, ich bin sehr restriktiv aufgewachsen. Als ich ins Teenager-Alter kam und rebellierte, hat sich meine Mutter von mir abgewendet. Auch vom Schauspielen hielt sie nichts.

Sie selbst haben bereits mit 21 Jahren ein Kind bekommen, ganz bewusst, wie Sie immer sagten. Für viele würde das in diesem Alter, gerade mitten in der Karriere, eine Einschränkung bedeuten.
Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, ein Kind zu haben, weil ich nach einem Anker suchte. Sicher auch, weil ich mir eine eigene Familie schaffen wollte, unter all den Menschen. So gern ich Gesellschaft habe, so gern ziehe ich mich auch zurück. Ich hatte Angst, dass man mir die Seele stehlen würde. Mein Sohn sollte der Anker sein.

Und war er dieser Anker?
Absolut, auch wenn die Liebe zwischen Mutter und Kind immer auch Leid bedeutet. Aber es ist die reinste Form der Liebe, meiner Meinung nach.

Sie haben, ganz gemäß dem modernen Karrierefrauen-Prinzip weitergearbeitet.
Ich fühlte mich immer stark. Aber ich bin nicht unbesiegbar. Man muss immer darauf achten, seinen inneren Kompass nicht aus dem Auge zu verlieren, dann kann man stark sein. Ich bin aber auch sehr mütterlich und gluckenhaft, da war die Arbeit eine gute Therapie. Allerdings glaube ich, Kinder sind speziell unglücklich mit einer Schauspielerin als Mutter.

Warum das?
Schauspieler, Männer wie Frauen sind, glaube ich, eitler als andere Menschen. Und selbstbezogener. Ein Kind zu haben, war ja auch etwas, das ich für mich selbst getan habe.

Bleiben die Rollen, die Sie spielten, in Ihnen zurück? Welche davon am stärksten?
Die stärkste Beziehung habe ich immer noch zu Une femme douce, aber auch zu der Lou Andreas-Salomé in Jenseits von Gut und Böse. Ich versuche immer, zwischen der Figur und mir selbst eine Verbindung zu finden, aus etwas, das ich kenne. Diese beiden Rollen waren mir immer am nächsten. Am schlimmsten war für mich die Arbeit an First Love, und das lag allein an Maximilian Schell. Mehr möchte ich gar nicht sagen.

Ein wenig überrascht es mich, dass Sie die Anna Quadri in Bertoluccis Il Conformista (Der große Irrtum) gar nicht als prägende Rolle genannt haben.
Warum, weil ich da eine Bisexuelle spielte? (lacht)

Eher, weil diese Rolle Sie international richtig bekannt machte.
Aber darauf habe ich nie geachtet. Danach habe ich auch keine Rolle ausgesucht.

In Ihrer Karriere wurden ja immer Sie für die Rollen ausgesucht, nicht wirklich umgekehrt, oder?
Nein, tatsächlich nicht (lacht). Ich bin nie auch nur zu einem einzigen Casting gegangen. Von einem Film zum nächsten wurde ich weitergereicht, die Regisseure traten immer an mich heran.

Darunter Jacques Demy, Vittorio de Sica, Bernardo Bertolucci … Wie erlebten Sie denn den Wechsel vom französischen zum italienischen Kino?
Italien hat mich geliebt, und ich liebte Italien. Das war wie eine Symbiose, dort passte ich hin.

Das italienische Kino hat seitdem einen großen Wandel durchgemacht.
Es ging bergab, das muss ich leider sagen. Aber ich verfolge die Entwicklungen im Kino gar nicht, muss ich sagen.

Sie haben auch viel fürs Fernsehen gedreht, spielen Theater und waren in US-Produktionen in Nebenrollen zu sehen. Wie wichtig ist Ihnen die Filmarbeit heute noch?
Ich spiele sehr gerne Theater, denn der Austausch mit dem Publikum während der Vorstellung ist mit nichts zu vergleichen, das liebe ich sehr.

Gehen Sie denn viel ins Kino?
Fast gar nicht. Aber erst vor kurzem habe ich mir einen Film angesehen, Amour von Michael Haneke, denn ich werde bald wieder einmal Isabelle Huppert treffen, und da will ich mitreden können.

Auch Sie selbst haben ja an der Seite von Jean-Louis Trintignant gespielt – wie haben Sie ihn in diesem Film erlebt?
Jean-Louis ist immer unglaublich. Ein wahnsinnig guter Schauspieler. Ebenso wie Emmanuelle Riva. Den beiden zuzusehen ist eine Bereicherung.

Wie hat Ihnen der Film selbst gefallen?
Nicht so sehr, denn ich fand ihn zu kalt, zu klinisch. Allerdings: Wir haben noch Tage später über diesen Film gesprochen. Das zeichnet ihn wohl aus.

Das Interview fand am 4. April im Sofitel Vienna statt.