Ungewöhnlicher Blick auf ein brisantes Thema
Bedrückende Filme zum Thema Abtreibung gibt es einige: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (Cristian Mungiu, 2007), angesiedelt in Rumänien zur Zeit von Diktator Ceaus,escu; Never Rarely Sometimes Always (Eliza Hittman, 2020), handelnd in den USA der Gegenwart; L‘événement (Das Ereignis, Audrey Diwan, 2021), verortet im Frankreich der frühen sechziger Jahre. Immer steht eine mit der Entscheidung hadernde und an den gegebenen Möglichkeiten leidende, auch nahezu daran verzweifelnde Frau im Mittelpunkt. Das ist nachvollziehbar. Aber ist es nicht vielleicht denkbar, einmal anders an die Sache heranzugehen? Beispielsweise eine Geschichte zu erzählen, die möglicherweise sogar mit einer Art Selbstermächtigung einhergeht und, ja, die tatsächlich auch gute Laune macht. Solches versucht Phyllis Nagy mit Call Jane, und ob man den Versuch geglückt findet, wird sehr stark damit zusammenhängen, welchen Stellenwert im moralischen Universum man einer befruchteten Eizelle beimisst.
Erzählt wird die Geschichte von Joy, gespielt von Elizabeth Banks, die in den Suburbs von Chicago im Jahre 1968 ein braves Hausfrauendasein lebt, bis sie sich eines Tages damit konfrontiert sieht, dass sie an ihrer (späten) Schwangerschaft, die eine Herzinsuffizienz ausgelöst hat, sterben könnte. Als der Klinikvorstand – unnötig zu sagen: Männer allesamt – eine Notabtreibung ablehnt, wendet sich Joy an eine unter dem Namen „Call Jane“ illegal operierende Initiative von Aktivistinnen, die den Eingriff unter einigermaßen würdigen Umständen anbietet. Nicht lange dauert es, da zählt die patente Joy zu den verdienten Mitarbeiterinnen der Organisation, doch die damit verbundene Heimlichkeit bringt ihr Leben und das ihrer Familie ziemlich durcheinander.
Auch wenn es sich bei Call Jane um einen recht konventionell inszenierten, Mainstream-kompatiblen Film handelt, der viele der darin angesprochenen Konflikte nur anreißt, so nimmt einen doch ein, mit welcher Konsequenz er den Vorgang einer Abtreibung aus den Abgründen der Hölle herausholt, in denen er gemeinhin angesiedelt ist. Dabei muss dieser Vorgang weder lebensgefährlich sein noch den Charakter einer Bestrafung haben, um vom patriarchal reglementierenden Instrument, das dem Abbruch einer Schwangerschaft den Nimbus der Sünde anheftet, mal ganz zu schweigen.
In Call Jane helfen Frauen Frauen dabei, das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper auszuüben, und es tut gut und ist erhellend, die ganze verzwickte Sache einmal zur Abwechslung aus diesem Blickwinkel zu betrachten.
