Calling Lady Lamarr

| Günter Pscheider |

Der Versuch einer ungewöhnlichen Annäherung an eine österreichische Diva.

Georg Misch nähert sich in seinem formal unkonventionellen Film einer der faszinierendsten Schauspielerinnenexporte Österreichs an. Hedy Lamarr, einst als „die schönste Frau der Welt“ beworben, erscheint in den Erinnerungen ihrer Familie und Freunde auch als eine der widersprüchlichsten.

Bei dieser außergewöhnlichen Biografie ist es kein Wunder, dass ihr mittlerweile 60-jähriger Sohn Anthony Loder, den die Kamera beharrlich auf seiner obsessiven Suche nach dem wahren Wesen seiner Mutter begleitet, davon träumt, ihr Leben als Hollywoodmelodram zu verfilmen: Als 18-Jährige entfacht die in Wien geborene Hedwig Kiesler in Extase als erste Nackte in einem Spielfilm einen Skandal, in den 40er Jahren erobert sie als Hedy Lamarr mit ihrem ebenmäßigen Gesicht vor allem die Klatschspalten Hollywoods. Nebenbei erfindet sie ein Verfahren zur Verschlüsselung von Funksprüchen, das die Grundlage der modernen Wireless-Technologie bildet. Nach etlichen Schönheitsoperationen zieht sie sich Mitte der 50er Jahre ins Privatleben zurück. Von Gerüchten um Medikamentenmissbrauch und einer schizophrenen Erkrankung begleitet, stirbt sie im Jahr 2000 arm und vereinsamt  in Florida.

Mit Hilfe einer exzellenten Montage von Filmausschnitten, fiktiven Telefonaten der Hinterbliebenen und Castingszenen für einen geplanten Spielfilm spürt der Regisseur einem Phantom nach, das sich Zeit seines Lebens selbst inszeniert hat, jedoch nichts von seinen Geheimnissen preisgibt.

Mit lakonischem Humor bricht Misch die eigentlich todtraurige Geschichte einer sechs Mal verheirateten Mutter wider Willen, die ihre Kinder in Feriencamps abschob und ihre angeblich Mutterliebe gleichzeitig in Talkshows schamlos ausstellte. In der beeindruckenden einzigen Originalinterviewszene betont sie, wie egal ihr das Filmbusiness und wie wichtig ihr doch die Liebe ihrer Kinder seien. Doch während die Worte aus ihrem wunderbar geformten Mund strömen, dreht sie gleichsam als Eingeständnis dieser offensichtlichen Lüge ihren Kopf schamhaft zur Seite. Calling Hedy Lamarr hebt sich sowohl im Tonfall als auch in seiner Komplexität wohltuend von Starlobhudeleien oder Skandalisierungsbiografien ab. Auch wenn der wahre Charakter von Hedy Lamarr völlig beabsichtigt ein Rätsel bleibt, schwebt ihr Geist in der Montage als The Face That Launched a Thousand Ships durch den Film, bis die Asche des Wiener Mädels fast kitschig am Ende im Wienerwald in den Wind gestreut wird.