The Lighthouse von Robert Eggers

Cannes Blog 11

Horror im Leuchtturm

| Pamela Jahn |
Ein Blick in die Nebenreihen von Cannes: „The Lighthouse“ von Robert Eggers ist der Festivalhit schlechthin.

Große Namen ziehen nicht unbedingt immer auch große Werke nach sich, nicht einmal in Cannes. Man sieht es jedes Jahr wieder, heuer etwa an dem Wettbewerbsbeitrag der zweifachen Palme d’Or-Gewinner Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne oder dem neuen Film von Abdellatif Kechiche, der 2013 für La vie d’Adèle / Blue Is the Warmest Colour die Goldene Palme erhielt. Die Werke, mit denen diese Filmemacher heuer an die Croisette gereist waren, ließen einiges zu wünschen übrig. Und ein Blick in die Nebenreihen wirft da rasch die Frage auf, warum Cannes nicht mehr Mut für Neues und vor allem für kleinere Filme beweist, die sich auch auf der großen Leinwand des Grand Theatre Lumière durchsetzen würden. Für Filme nämlich, die sich trotz eines geringeren Budgets aufgrund ihrer Originalität und Kunstfertigkeit gegenüber den etablierteren Namen behaupten.

Ein Film, der die Diskussion darüber in diesem Jahr besonders erhitzte, war The Lighthouse von Robert Eggers. Gezeigt in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs, sorgte er für die längsten Warteschlagen vor den Kinos – länger sogar, als die vor der Pressevorführung zu Tarantinos neuem Streich Once Upon a Time in Hollywood, und das will in Cannes schon was heißen. Der Nachfolger von Eggers’ The Witch wurde bereits vor dem Festival als Insidertipp gehandelt; als nach der ersten Vorstellung die jubelnden Kritiken ihre Runde machten, gab es bald kein Halten mehr. Dazu muss man sagen, dass Eggers in seinem neuen Horrorszenario nicht nur filmkünstlerisch Fingerspitzengefühl beweist, sondern auch bei der Besetzung alles richtig gemacht hat: Willem Dafoe gibt den grimmig-verschrobenen Thomas Wake, einen alten Seebären mit viel zu viel Seemannsgarn im Gepäck, der sich mit Robert Pattinsons Ephraim Winslow einen neuen Protegé auf seinen Leuchtturm geholt hat, um die tägliche Drecksarbeit nicht allein verrichten zu müssen. Schnell muss Winslow lernen, dass der Alte im Grunde keinen Finger zu rühren beabsichtigt, sondern sich lieber die Hucke vollsäuft. Also ist er kaum zu mehr fähig als nachts Wache zu schieben und seinem Helfer das Leben schwer zu machen. Doch es dauert nicht lang, da wendet sich das Blatt, denn ein Sturm zieht auf. Er wird die Männer zusammenschweißen, durchschütteln und wieder auseinander werfen, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, nichts Menschliches und Hoffnung schon gar nicht. The Lighthouse ist roh, kalt und grau, ist beengend und beängstigend und so fesselnd und abstoßend zugleich, wie es schon lange kein Film mehr gewesen ist. Und Dafoe und Pattinson geben alles, um Eggers’ ästhetische Virtuosität kongenial zu unterstützen.

Bleibt zu hoffen, dass Eggers sein Können mit seinem dritten Film endlich im Wettbewerb von Cannes unter Beweis stellen darf. Vielleicht war Thierry Frémaux und seinem Auswahlteam diese düstere Horrorvision mit Leuchtturm einfach zu wild und krachend, um es auf den roten Teppich zu schaffen. Dem Buzz um die Genialität des Werks hat freilich auch die Platzierung in der Nebenreihe nicht geschadet. Wenn man zumindest einen Film außerhalb des Wettbewerbs gesehen haben sollte, dann den, hieß es im Festival-Small-Talk. The Lighthouse strahlte sein grelles Licht so sehr über die Croisette und zog seine tiefschwarzen Schatten so schwer hinter sich, dass dem Film ein sicheres Festivalleben beschieden sein dürfte – und hoffentlich auch ein Nachleben im regulären Kinobetrieb.