Matthias & Maxime (Xavier Dolan)

Cannes Blog 9

Liebe, Wut und Schmerz

| Pamela Jahn |
Xavier Dolan rettet die letzten Festivaltage vor der Ermattung.

Cannes liebt „seine“ Regisseure. Natürlich will es keiner zugeben, dennoch ist die Auswahl jedes Wettbewerbs immer auch davon bestimmt, wie gut Festivalleiter Thierry Frémaux sich mit den einreichenden Filmemachern versteht, die sich wiederum gern einen Premierenabend im Grand Théâtre Lumière sichern möchten. Dabei sind vormalige Palmengewinner selbstverständlich im Vorteil. Die Dardenne-Brüder zum Beispiel gehören mit insgesamt acht Filmen im Wettbewerb nicht nur zu den alten Hasen an der Croisette, sie dürfen sich außerdem zu den wenigen Glücklichen zählen, die bereits zweimal den Hauptpreis entgegennehmen durften: 1999 für Rosetta und 2005 für L’Enfant. In diesem Jahr gehen sie nun mit dem Coming-of-Age-Drama Young Ahmed ins Rennen, allerdings ist zu bezweifeln, ob sie damit bei Alejandro González Iñárritu und der von ihm angeführten Jury ausreichend punkten können, sodass es für einen dritten Sieg reicht.

Der Film erzählt von einem 13-jährigen Moslem (Idir Ben Addi), der sich vom Imam seiner Moschee radikalisieren und schließlich dazu bringen lässt, seine Lehrerin zu attackieren. Es ist ein schmaler Film, mit dem das belgische Brüderpaar auf die islamistischen Anschläge in ihrem Heimatland reagiert, und überraschend schwach fällt die Wirkung aus. Bei aller Wut und trotz allem Gespür der Regisseure für Figuren, Charakterzeichnung und Details, läuft das Drama irgendwann ins Leere, bleibt das Bild unscharf und wirft am Ende mehr Fragen auf, als der Film beantworten kann – oder will.

Auch Arnaud Desplechin kann mit seinem insgesamt sechsten Film im Wettbewerb wenig überzeugen. Der Franzose steht für eine neuere Generation des französischen Kinos, doch von großer Kunst kann bei seinem Kriminaldrama Oh Mercy! keine Rede sein. Immerhin hat er einige charismatische Schauspieler um sich versammelt, allen voran Lea Seydoux und Roschdy Zem, die sich redlich mühen, aus der fadenscheinigen Geschichte um zwei Polizisten und den Mord an einer älteren Frau im nordfranzösischen Roubaix irgendetwas herauszuholen. Im Gegensatz zu den Dardennes, die ihrer Handlung nicht die nötige Zeit und den nötigen Raum geben, sich zu entfalten, zieht Desplechin die Ermittlungen der Polizei derart unnötig in die Länge, dass man spätestens ab der Halbzeit kaum noch Lust verspürt zu erfahren, wie was wirklich geschehen ist.

Am Ende des Tages verstand es lediglich der jüngste und mit bislang „nur“ drei Nominierungen noch relativ neue Wettbewerbsliebling von Frémaux, echte Gefühle auf die Leinwand zu zaubern. Die Rede ist von Xavier Dolan, der mit Matthias & Maxime erneut ein bewegendes, stimmungsvolles Drama inszeniert hat, welches beweist, dass er aus den Fehlern seiner vorigen beiden Werke (It’s Only the End of the World, The Death and Life of John F. Donovan) gelernt hat. Sein neuer Film beschreibt einen entscheidenden Augenblick in der langjährigen Freundschaft der titelgebenden Protagonisten, der alles auf den Kopf stellt. Max (gespielt von Dolan selbst) will sein bisheriges Leben und die Probleme mit seiner entmündigten Mutter hinter sich lassen und nach Australien gehen. Doch die Veränderung, die seine Entscheidung nicht nur für ihn, sondern auch für den engen Freundeskreis um ihn herum mit sich bringt, ist größer als erwartet. Vor allem Matthias (Gabriel d’Almeida Freitas), der mit Job und Freundin bereits mitten im Leben steht, hat mit dem Abschied zu kämpfen, und zwar so sehr, dass er das emotionale Durcheinander nur schwer vor den anderen verbergen kann – am wenigsten vor Max. So entwickelt Matthias & Maxime seine besondere Energie aus dem Wechselspiel zwischen ausgelassener Partystimmung, schnellen Dialogen und perfekt getakteten Musikeinspielungen auf der einen Seite, und ein paar wenigen so kostbaren wie sensibel inszenierten Momenten der Zweisamkeit auf der anderen. Besonders originell mag dieser Ansatz, wenn man Dolans frühere Filme kennt, nicht sein. Doch macht es immer wieder Freude, sich mit ihm auf die emotionale Berg- und Talfahrt zu begeben, die seine Filme erzeugen. Gerade in einem Wettbewerb, in dem bislang nur vereinzelt wahre Gefühle auf die Leinwand projiziert wurden, ist Matthias & Maxime ein kleiner Glücksfall.