Cannes – Ausnahmezustand

Ausnahmezustand

| Andreas Ungerböck |

Das berühmteste Festival der Welt zieht nicht nur Millionen Filminteressierte in seinen Bann, sondern auch Tausende, die in dieser Branche ihr Dasein fristen. Wie lebt es sich also die zwölf Tage in Cannes, umgeben von Glanz und Glamour? Ein Ratgeber.

Ankunft: Idealerweise am Flughafen von Nizza. Dann mit dem Taxi ins 30 km entfernte Cannes. Tipp: Ein Hubschrauberflug kostet nur unwesentlich mehr als ein Taxi und macht mehr her.

Bars: Keine ist so berühmt wie das Petit Majestic, tagsüber eine unter Hunderten. Abend für Abend aber drängen sich drinnen und draußen Massen von Akkreditierten (selten, aber doch, auch Stars), um bei warmem Bier zu fachsimpeln. Warum gerade hier? Weiß man nicht, war schon immer so.

Croisette: An der Uferpromenade stehen die großen Hotels (Majestic, Carlton, Martinez) und das Palais des Festivals. An Wochenenden gibt es zwischen Touristen und Festivalbesuchern kaum ein Vorwärtskommen.

Debussy, Salle: Zweitgrößter Vorführraum des Festivals, 1000 Plätze. Beherbergt die Sektion Un Certain Regard und die abendlichen Pressevorführungen des Wettbewerbs.

Einlass: Nach Lust und Laune des Personals. Mal strenger, mal weniger streng, mal mit Taschenkontrolle, mal ohne. Manche Leute kommen mit Uralt-Festivalpässen durch (schauen Jahr für Jahr gleich aus), manche nicht einmal mit einem aktuellen.

Feueralarm: Bis zu 5.000 Personen halten sich zu Spitzen-zeiten im Palais auf. Bei Feueralarm gilt die Devise: wahrscheinlich ein Fehlalarm.

Geld: Seit 2002 der Euro. Einfache Umrechnung: Was früher 1 Franc (= ca. 2 Schilling) kostete, kostet jetzt einen Euro.

Hotels: Offener Strafvollzug. Frühstück aufs Zimmer, weil kein Frühstücksraum, immer eine halbe Stunde zu spät. Ein Klassiker: Hotel du Nord (vor dem Umbau) mit WC mitten im Zimmer.

Interviews: Meist Gruppen zu zehn Personen, die 20 Minuten Zeit pro Star oder Regisseur haben. Wenn Ihnen eine Zeitung, die Sie noch nie gesehen haben, ein „Exklusivinterview“ aus Cannes andrehen will, dann lügt sie.

Jambon Beurre: Baguette mit Schinken und Butter. Hauptnahrungsmittel für Festivalbesucher, weil halbwegs erschwinglich – zumindest bis zur Euroumstellung.

Kipferl: Heißt hier Croissant. Nach 8 Uhr früh meist ausverkauft. Kostete früher 3 Francs.

Lumière, Salle: Größter Vorführraum des Festivals, 2.400 Plätze. Beherbergt die morgendlichen Pressevorführungen (8.30 Uhr!) und die Gala-Vorstellungen des Wettbewerbs. Trotz der Größe immer voll.

Madonna: Spektakulärster Auftritt ever auf dem Roten Teppich: Madonna öffnete ihr Kleid und ließ die Gaultier-Unterwäsche sehen. Ein kollektiver Aufschrei der Menge, der das Palais erzittern ließ.

Noga Hilton: Hotel an der Croisette, steht an der Stelle des alten Palais, das 1989 abgerissen wurde. Schaut so aus, wie es heißt: noga. Beherbergt die Sektion Quinzaine des Réalisateurs.

Organisation: Fremdwort, aus dem Lateinischen.

Pünktlichkeit: Das große Plus von Cannes. Nach den Beginnzeiten zumindest der Pressevorführungen kann man die Uhr stellen.

Quinzaine des Réalisateurs: Vom offiziellen Festival unge-liebte Veranstaltung, die aber doch irgendwie dazugehört. Eher durchwachsene Filmauswahl.

Roter Teppich: Hauptsächlich sieht man Polizisten, Festivalfunktionäre und Fotografen, in der Früh auch Journalisten. Trotzdem Tag für Tag von tausenden Menschen umlagert.

Starlets: Zahlreich vorhanden. Erkennbar an der spärlichen Kleidung und an den gebleckten Zähnen.

Taschendiebe: Halten parallel zum Festival alljährlich ihre Generalversammlung in Cannes ab. Tipp: Wertsachen im Hotel lassen – falls es gepanzerte Fensterscheiben hat.

Un Certain Regard: Sammelbecken der Filme, die es nicht in den Wettbewerb geschafft haben. Trotzdem oder gerade deshalb oft die interessantere Sektion.

Verkehr: Zahlreich vorhanden. Die Idee, wenigstens die Innenstadt während des Festivals zur Fußgängerzone zu machen, setzt sich nicht durch: Man staut lieber.

Wettbewerb: Das Herzstück des Festivals. Vorhersehbar die Filme, vorhersehbar die Regisseure, und trotzdem in manchen Jahren eine geradezu unglaubliche Ansammlung an erstklassigen Produktionen.

Xxx: Die wahren Könige von Cannes: Die Pornoproduzenten, die alljährlichen in ihren riesigen Yachten im Hafen von Cannes residieren. Die tollsten Partys, das meiste Geld, der größte Umsatz.

Yachthafen: Eine Sehenswürdigkeit von Cannes. Reserviert für Leute, denen es egal ist, ob sie in Francs oder in Euro zahlen müssen.

Zorn: Die falsche Reaktion, wenn man in einen Film nicht hineinkommt. Alljährlich gibt es legendäre Wutausbrüche von Kollegen, die „unbedingt“ dabei sein müssen. Die Wahrheit ist: Man muss nicht.