Es war ein entspannter Start in den diesjährigen Wettbewerb. Um so spannender zeigten sich die Beiträge in der Nebensektion Un Certain Regard.
Man weiß, dass man in Cannes ist, wenn man im Kino plötzlich neben Michael Fassbender sitzt und kurz darauf an der Ampel auf Ethan Coen trifft. Letzter ist an der Croisette, um ein Solo-Projekt vorzustellen: Eine kurzweilige und extrem unterhaltsame Dokumentation über den letzten lebenden Rock’n’Roller alter Schule, der heute 86 Jahre alt ist. Jerry Lee Lewis: Trouble in Mind basiert ausschließlich auf Archivmaterial von Auftritten, Konzertmitschnitten und Interviews mit dem Künstler, von seinen sensationellen Anfängen in den fünfziger Jahren über seinen Absturz im Jahr 1957 angesichts der Heirat mit seiner 13-jährigen Cousine Myra Gale Brown bis hin zu seiner Neuerfindung als Countrysänger. Die Konzentration auf seine Musik, die lang gespreizten Finger am Klavier sowie seine eigenen Worte und Erklärungen machen den Reiz des Films aus, der in nur 73 Minuten ein ganzes Legendenleben umreißt und einen am Ende mit Schwung aus dem Kino entlässt.
Nach einem gemächlichen Start Mitte der vergangenen Woche verspürte man in den letzten Tagen zunehmend auch im Hinblick auf den Wettbewerb mehr von der Euphorie, die ein Blick auf das Line-up vor Beginn des Festival ausgelöst hatte. Vor allem James Grays Armageddon Time liegt bei den Kritikern derzeit ganz vorne im Rennen, wohl aber auch, weil große Favoriten wie Park Chan-wooks Mystery-Crime-Drama Decisicion to Leave und Kore-eda Hiokazus Broker und die neuen Filme von Claire Denis und Kelly Reichardt erst in der zweiten Festivalhälfte laufen.
Der Titel von Grays sympathischer filmischer Novelle geht auf Ronald Reagan zurück. In Armageddon Time beschreibt der 1969 geborene Regisseur seine Kindheit im New York der frühen achtziger Jahre, die Zeit, in der Reagan als US-Präsidentschaftskandidat feierlich verkündete, dass den USA eine moralische Katastrophe oder, wie er es formulierte, ein «Armageddon» bevorstehe. Im Film heißt Gray Paul und wird von dem jungen Banks Repeta gepielt. Der schmächtige jüdische Junge hat es in der Schule schwer. Er ist in einer neuen Klasse, und sein unsympathischer Lehrer hat ein Auge auf ihn geworfen. Dass er sich ausgerechnet mit Johnny (Jaylin Webb) anfreundet, einem schwarzen Jungen, der seine Ambitionen als Klassenclown teilt, macht die Sache nicht einfacher. Aber Paul erkennt auch, dass Johnny die härteren Strafen bekommt und was Rassismus bedeutet. Zu Hause verbringt er viel Zeit mit seinem Großvater (Anthony Hopkins), der ihm liebevoll und spielerisch die Welt erklärt, während sein hitziger Vater (Jeremy Strong) oft die Nerven verliert und sich nicht anders als mit roher Gewalt zu helfen weiß. Mutter Esther (Anne Hathaway) steht irgendwo dazwischen, hat aber auch eigene Ambitionen, bis der Druck, ihren Jüngsten auf einer rigiden Elite-Privatschule unterzubringen, um ihn vor falschen Einflüssen zu bewahren, immer größer wird. Darius Khondjis Kameraarbeit mit ihren unzähligen Braunschattierungen kann manchmal ein bisschen schwergewichtig erscheinen, und auch Gray wechselt ein paar Mal zu oft zwischen verschiedenen Tonlagen, die den Film bisweilen aus dem Gleichgewicht bringen. Seine Stärke liegt dagegen in dem wunderbar leichtfüßigen Zusammenspiel zwischen Repeta und Hopkins sowie in der Art und Weise, wie sich Pauls Erwachsenwerden in der nationalen Geschichte widerspiegelt. Selten hat sich ein historisches Coming-of-Age-Drama so kraftvoll und zeitgemäß angefühlt.
Nach seinem Gewinn der Goldenen Palme für The Square im Jahr 2017 stellte der schwedische Regisseur Ruben Östlund nun sein englischsprachiges Debüt Triangle of Sadness in Cannes vor. Die bitter-schwarze Satire, nichts anderes hatte man von Östlund erwartet, beginnt als leichtfertige Kritik an der Modelbranche, baut sich jedoch langsam zu einem ausgereiften Demontage-Szenario auf, das mit Kapitalismuskritik und Steuerhinterziehung, Rassismus und Klassensystemen ebenso aufräumt wie mit Instagram-Influencern und feinem Essen. Wir begleiten ein Model-Paar zunächst durch ihren Alltag und anschließend auf einer Jacht mit den Superreichen. Dort tummelt sich die High-Society an Deck, man frönt dem schönen Leben, während sich der dauerversoffene Kapitän (Woody Harrelson in Höchstform) in seiner Kabine verschanzt und das Personal sämtlichen Wünschen der Gäste nachzukommen versucht. Die Gruppendynamik an Bord ändert sich im letzten Drittel des Films jedoch gewaltig, als Gäste und Crew unverhofft auf einer einsamen Insel landen und plötzlich jeder für sich ums Überleben kämpfen müssen. Schade, dass Triangle of Sadness vor allem an seiner ausschweifenden Laufzeit leidet und Östlund ausgerechnet im finalen Akt seinen Fokus zu verlieren scheint. Dennoch ist sein Film einer der prägendsten und aufregendsten Höhepunkte dieser ersten Cannes-Woche: Ein Mix aus Farce und Tragödie, Blut und Erbrochenem, Champagner und giftiger Satire.
Danach erscheint Three Thousand Years of Longing gleich noch ein bisschen sympathischer und märchenhafter, als der neue Film von George Miller ohnehin ist. Das Fantasy-Epos markiert einen exzentrischen Karrieresprung für den australischen Oscar-Preisträger, der vor allem für die actionreichen Mad-Max-Klassiker sowie die Happy Feet-Franchise bekannt ist. Dieses persönliche Herzensprojekt, für das er Idris Elba und Tilda Swinton in den Hauptrollen gewinnen konnte, ist eine bewundernswerte filmische Kuriosität für einen Mainstream-Regisseur, auch wenn sein Plan am Ende nur bedingt aufgeht. Das Drehbuch, das der Regisseur jahrzehntelang hütete, bevor er sich an die Umsetzung wagte, basiert auf der gleichnamigen Novelle von A.S. Byatt, die erstmals in seiner Anthologie „The Djinn in the Nightingale’s Eye“ von 1994 erschien. Miller und seine Tochter und Ko-Autorin Augusta Gore behalten zwar den Kern von Byatts spielerischer metatextuellen Ironie bei, aber sie können nicht widerstehen, sich auch der Leidenschaft für eine gute altmodische Romanze hinzugeben, was den Film bisweilen in eine schwierige Schieflage bringt. Am schönsten sind die Szenen, in denen sich Elba als übergroßer Djinn in zu kleine Hotelsuiten quetscht oder Tilda Swintons verstockte britische Akademikerin mit ihren Wünschen ringt – immerhin drei darf sie sich von dem Geist aus der Flasche erfüllen lassen. Zwischendurch zoomt Miller zurück durch die Jahrhunderte, um die zum Scheitern verurteilte Liebe des Djinns zur Königin von Saba (Aamito Lagum) wieder aufleben zu lassen. Jahrhunderte später versucht er vergeblich, Gülten (Ece Yüksel) zu beschützen, eine Kurtisane, die in das blutrünstige politische Kreuzfeuer des Osmanischen Reiches geraten ist. Miller ist ein großartiger visueller Stilist und in diesen Flashback-Sequenzen ganz in seinem Element, anders als in den Szenen, in denen es um die Romanze zwischen seinem ungleichen Liebespaar geht. Das Mad-Max-Epos Furiosa ist bereits in Arbeit und soll 2024 erscheinen. Als kleine Abwechslung zwischendurch ist Three Thousand Years of Longing sicherlich ein passables Werk, wenn auch insgesamt kein hinreichend nachhaltiges.
Auch in der Reihe Un Certain Regard laufen in diesem Jahr äußerst spannende Werke, die es zu erwähnen gilt. Vor allem The Stranger von Thomas M. Wright überzeugte in den ersten Tagen und wirkt seitdem immer hartnäckiger nach. Joel Edgerton spielt darin einen wortkargen Undercover-Cop, der sich mit einem Mordverdächtigen (Sean Harris) anfreundet, um ihm in einer ausgefeilten Polizeiaktion ein Geständnis zu entlocken. Der Ton des Films reicht von düster bis finster, ist mal ironisch, und oft beobachtet die Kamera einfach nur das Geschehen. Vieles wird lediglich angedeutet, wie etwa das Trauma, das Edgertons Figur hinter sich herzieht, oder seine Doppelbelastung, denn nebenbei kümmert sich der Polizist auch noch um seinen kleinen Sohn. Dennoch behält Wright sein Ziel stets klar vor Augen: The Stranger ist ein Thriller, der von der ersten bis zur letzten Minute fesselt – störrisch, klug und mit einer bedrückenden Wahrhaftigkeit inszeniert.
Das zweite Highlight der Sektion ist unzweifelhaft Vicky Krieps, die gleich in zwei Filmen die Hauptrolle spielt: Zum einen rebelliert sie in Marie Kreutzers alternativem Porträt Corsage als Kaiserin Elisabeth gegen die Zeit wie gegen die herrschenden Normen und erhielt dafür bei der Premiere minutenlange Standing Ovations. Zum anderen kämpft sie in Emily Atefs Mehr denn je mit vollen Körpereinsatz gegen eine seltene Krankheit und für ein Leben, das den Tod erträglich macht. In beiden Fällen ist die geborene Luxemburgerin mit ihrer ganzen darstellerischen Kraft am Werk und beweist in diesem spektakulären Doppelspiel einmal mehr, das sie zu den aufregendsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört.
Und was hat Fassbender im Kino geschaut? Der deutsch-irische Schauspieler hatte seine Frau Alicia Vikander zur Premiere von Olivier Assayas‘ Irma Vep begleitet, einer neuen HBO-Miniserie, die im September auch hierzulande auf Sky ausgestrahlt wird. Vikander spielt darin eine Schauspielerin, die nach Paris reist, um dort die Hauptrolle in einem Remake des französischen Stummfilm-Klassikers Les Vampires zu übernehmen. Für alle, die das Original nicht kennen, changiert der Regisseur geschickt zwischen alt und neu, Realität und Fiktion, Kunst und Leben und hat so eine unterhaltsame Neuauflage geschaffen, die Vikander – ganz ähnlich wie ihre Kollegin Vicky Krieps in Corsage – mir ihrer so eleganten wie geheimnisvollen Präsenz zu einem besonderen Ereignis macht.
