Jeanne du Barry
Jeanne du Barry

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Cannes Kontroversen

| Pamela Jahn |
Der 76. Jahrgang der Internationalen Filmfestspiele von Cannes startet mit großen Stars und einigen Empörungen.

Johnny Depp lässt auf sich warten. Erst bei der Pressekonferenz zum diesjährigen Eröffnungsfilm Jeanne du Barry, in Anwesenheit der Regisseurin und Hauptdarstellerin Maïwenn. Dann bei den Interviews mit Journalisten am Nachmittag, wo er erneut über das Kostümdrama und seine Rolle als König Ludwig XV. sprechen soll. Man wurde zuvor angewiesen, dass die Fragen sich streng auf dem Film konzentrieren sollten; Privates gehöre nicht auf ein Festival, bei dem es laut Festivalleiter Thierry Frémaux in erster Linie um die Filme geht, sonst nichts. Doch Depp hatte scheinbar Redebedarf und sprach das Thema, das alle beschäftigte, von ganz alleine an – nur eben zu seinen Bedingungen und, wie gesagt, etwas zu spät.

Man hatte den Hollywoodstar seit dem zu seinen Gunsten entschiedenen Gerichtsprozess um häusliche Gewalt an seiner Ex-Frau Amber Heard nicht mehr auf der großen Leinwand gesehen. Cannes ist sein Comeback. Und sein Auftritt könnte überraschender kaum sein: Als königlicher Dandy schlendert er durch die prunkvollen Säle von Versailles: die rosig geschminkten Lippen ironisch gespitzt, das Gesicht fahl gepudert, der Rücken durchgedrückt. Er spielt den alternden Monarchen, dessen Gang schon etwas träge geworden ist. Seinen Text säuselt er auf Französisch, viel zu sagen hat er Gott sei Dank nicht.

Die Bühne gehört Madame Jeanne du Barry, der niedrig geborenen und betörend sinnlichen Mätresse, in die Ludwig XV. so vernarrt war, dass er ihr alle möglichen Vertraulichkeiten und Intimitäten gestattete. Am dekadenten Hof sorgte ihre langjährige Anwesenheit deshalb regelmäßig für Empörung, ihre Beziehung zum König war einen Skandal. Maïwenn, die nicht nur Regie führt, sondern auch zusammen mit Teddy Lussi-Modeste und Nicolas Livecchi auch das Drehbuch geschrieben hat, ist großartig als Jeanne, eine schöne, kluge Kurtisane, die mit ihrer bloßen Existenz permanent aneckt und die mit ihrer Kleidung und ihren Ansichten obendrein viel zu modern ist für diese Welt.

Der Film selbst bleibt jedoch trotz Jeannes rebellischer Natur seltsam träge. Alles sieht hübsch aus, die Kostüme sitzen perfekt. Auch die Besetzung ist bis in die Nebenrollen perfekt. Dennoch will nicht so recht Leben aufkommen, obwohl auch Depp seine Sache durchaus gut macht und offensichtlich Spaß hat an Verkleidung und Spiel. Aber vielleicht wäre ein weniger prominenter Darsteller in dem Fall ratsamer gewesen, einer, der es Maïwenn ermöglichst hätte, den freien Geist ihrer Figur noch mehr im Vordergrund stehen. Zudem wirkt die Liebe zwischen Louis und Jeanne immer weniger glaubwürdig je länger sie sich hinzieht. Für einen passablen Eröffnungsfilm mag es reichen, Jeanne du Barry bietet ein unterhaltsames Spektakel. Und zumindest am Eröffnungsabend erschien auch Johnny Depp pünktlich auf dem roten Teppich. Das war zumindest ein guter Start.

Eigentlich schade, dass der erste Wettbewerbsfilm durch den Auftritt des kontroversen Hollywoodstars ein wenig im Schatten stand. Auch Kore-eda Hirokazu ist zurück in Cannes. Und der japanische Regisseur, der für Shoplifters (2018) vor fünf Jahren mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, hat auch heuer wieder ein dichtes, feingewobenes Drama im Gepäck. Es geht um Mobbing, üble Gerüchte, Homophobie und dysfunktionale Familienverhältnisse, sowie Autoritätsversagen und den Missbrauch von sozialen Medien – Kore-eda packt viel in seinen Film. Wenn man so will, hat er ein Ungeheuer geschaffen, das Monster, das dem Werk seinen Namen gibt.

Aber Kore-eda wäre nicht der Meisterregisseur, der er ist, würde er sich nicht mit größter Sorgfalt und Behutsamkeit an seine Geschichte annähern. Im Mittelpunkt stehen zwei Fünftklässler, die sich in ihrer eigenen Welt, in einer engen, geheimen Freundschaft eingerichtet haben, für die sie nicht viele Worte brauchen. Und es geht um einen Lehrer, der sich angeblich gewalttätig verhält. Für seinen Film hat Kore-eda mit dem erst kürzlich verstorbenen Komponisten Sakamoto Ryuichi zusammengearbeitet, dessen Musik den Bildern eine bedeutungsvolle Dimension verleiht. So wird aus Monster (Kaibutsu) ein Film, der sein Inneres nicht leicht preisgibt und dessen Kunst darin besteht, dieselben Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Ob er damit bei der Jury des diesjährigen 76. Wettbewerbs punkten kann, wird sich zeigen. Unter dem Vorsitz von Ruben Östlund, der selbst zweifach mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, entscheiden heuer unter anderem der französische Schauspieler Denis Menochet, seine amerikanische Kollegin Brie Larson, die Titane-Regisseurin Julia Ducournau, sowie US-Schauspieler und Regisseur Paul Dano und der afghanischer Schriftsteller Atiq Rahimi, wem am Ende die große Ehre gebührt. Die Auswahl ist groß, die Filme klingen – zumindest auf dem Papier – allesamt vielversprechend. Wir sind gespannt.

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