ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Pünktlich zur ersten Pressevorführung haben sich die Schleusen des Himmels dann doch noch geöffnet, und der Regen prasselte auf die vorm Festivalpalais wartendende Journalistenschar hernieder. Die Saaldiener hielt das nicht von ihrem rigiden Zeitplan ab, man ließ die Akkreditierten im Regen stehen, erst wenige Minuten vor Beginn wurde man eingelassen. Pech, wer da nicht vorgesorgt und einen Regenschirm mitgebracht hatte. So mancher half sich mit einer der täglichen Ausgaben der Branchenblätter aus, die als Schutz vor dem Wasser von oben zweckentfremdet wurden. Dabei geht es bei „Variety“, einer dieser Branchenbibeln, wenn nicht gar der wichtigsten überhaupt, selbst gerade nassforsch zu. Die neuen Eigentümer haben einen scharfen Sparkurs verordnet, die Zahl der Kritiken wurde extrem zurückgefahren zugunsten von Überblickstexten, Reportagen und Porträts, und so mancher langjährige Filmkritiker des Blattes hat plötzlich viel Zeit. Wenn das führende Leitmedium sich vom Prinzip der richtungsweisenden Einzelkritik verabschiedet, stellen sich vermutlich bald auch andere Redaktionen die Frage, warum jeder Film zum Kinostart besprochen werden muss. Vielleicht wird man sich später einmal an Cannes 2013 als den Moment erinnern, der das Ende einer Ära einläutete.
Von einem solchen Gezeitenwechsel erzählt auch der Eröffnungsfilm des diesjährigen Festivals. Baz Luhrmann hat sich „The Great Gatsby“ vorgenommen, den quintessentiellen amerikanischen Roman über die wilden zwanziger Jahre mit den überschäumenden Parties und dem Kater danach, den F. Scott Fitzgerald 1925 nur wenige Kilometer entfernt von Cannes an der französischen Mittelmeerküste verfasst hatte. Luhrmanns Filmadaption ist mit Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire starbesetzt und als größtmögliches 3D-Spektakel inszeniert und damit ein kaum zu toppender Kandidat fürs Opening. Zumindest in der Theorie. Doch dann sitzt man doch nur durch knapp zweieinhalb Stunden hochgepeitschtes artifizielles Postmoderne-Kino, das vor allem laut und grell ist, aber selten berührt. Aber das Problem hatten die vorherigen Verfilmungen ja auch schon. Das Magische dieses Romans, in Bilder übertragen, verliert zwangsläufig seinen Reiz. Selbst wenn Baz Luhrmann seine gesamte Illusionsmaschine anwirft.
Die Aussichten sind in den nächsten Tagen, zumindest was das Wetter angeht, weiter trüb. Bis zum Wochenende soll es immer wieder regnen. Auf der Leinwand wird es dagegen erneut funkeln: Morgen stehen u.a. Sofia Coppolas Celebrity-Teeniegangsterfilm The Bling Ring und Ari Folmans Science-Fiction-Adaption The Congress auf dem Programm. Folman hatte 2008 mit Waltz with Bashir großes Aufsehen erregt, dem entsprechend hoch sind die Erwartungen.
