ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Ein stummer Schrei steht am Anfang von Amat Escalantes Heli, dem ersten offiziellen Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr, der seiner undankbaren Position im Spielplan (parallel zur Gala-Eröffnung im Grand Théâtre Lumière) dennoch trotzte. Heli, das ist der Name des Protagonisten, eines jungen Mexikaners, der gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn, seinem Vater sowie der zwölfjährigen Schwester Estella (Andrea Vergara) in einem winzigen Haus irgendwo im Nirgendwo wohnt. Wie sein Vater arbeitet auch Heli in der nahe gelegenen Autofabrik, allerdings die Nachtschicht, weshalb er stets etwas verschlafen dreinschaut und sich schon mal vertut, wenn es darum geht, für eine Volkszählung zu bestätigen, wie viele Personen im Haushalt wohnen. Man merkt schnell, auch das Glück ist dem verschwiegenen Einzelgänger nicht hold, und als der um einige Jahre ältere Militärkadett Beto (Juan Eduardo Palacios) eines Tages einen gefährlichen Plan schmiedet, um mit Estella durchzubrennen, ist es Helis panisch-unüberlegte Reaktion, die die komplette Familie kurzerhand ins brutale Unglück stürzt, aus dem es kein Zurück zu geben scheint. Dabei geht es natürlich um Drogen, Mafia und Mexikos vergeblichen Kampf gegen die Kartelle, allerdings verzichtet Escalante in seinem Film wohlweislich auf ausgewaschene sozial-realistisch verankerte Klischees und schafft vielmehr eine beklemmende Atmosphäre, die manchmal so schmerzhaft echt wirkt, dass man nicht selten den Blick abwenden möchte, wenn das Geschehen auf der Leinwand allzu brutal wird. Aber letztlich sind es weniger die einzelnen Folterszenen, die nachhallen, als vielmehr der allgemeine Wahnsinn, der dem Ganzen zu Grunde liegt und der letztendlich die Oberhand behält: ein Land im erbarmungslosen Kampf mit sich selbst, in dem für ein normales Leben wenig Spielraum bleibt.
Nach einem derartigen Schlag in die Magengrube musste einem François Ozons Young & Beautiful (Jeune & Jolie), der heute Morgen den Auftakt machte, geradezu wie ein Kinderspiel erscheinen. Und in gewisser Hinsicht ist es das auch, denn erzählt wird darin die Geschichte der bildschönen minderjährigen Isabelle, die aus einem undefinierbaren Gemisch aus Langeweile, Reiz und Neugier ein Doppelleben als Prostituierte zu führen beginnt, bis einer ihrer Freier einen Herzinfarkt erleidet und regungslos in und unter ihr zusammensackt. Es ist Ozons 15. Langspielfilm insgesamt, doch anstatt nach dem gewieften In Ihrem Haus (Dans la maison, siehe Rezension „ray“ 12/12) einen weiteren Schritt nach vorn zu machen, hat sich der Spezialist für verquere Beziehungen, kantige Charaktere und groteske Situationen aller Art, diesmal wieder auf relativ bekanntes Charakterstudien-Terrain begeben, was bei einem Ozon-Film nicht unbedingt etwas Schlechtes heißen muss. Dennoch verliert Young & Beautiful nach einem merkwürdig fesselnden ersten Teil leider gegen Ende hin zunehmend an Schwung – wäre da nicht Charlotte Rampling, die einer durchaus beeindruckenden Marine Vacth in der Rolle der Isabelle noch immer, wenn auch nur für wenige kostbare Minuten, die Show zu stehlen vermag. Ob das heute Abend auf dem roten Teppich ähnlich sein wird, bleibt abzuwarten.
