Cannes Tag 3

| Thomas Abeltshauser |

ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.

Um eine Scheidung ging es in Asghar Farhadis Nader und Simin, der vor zwei Jahren zuerst den Goldenen Bären in Berlin und fast ein Jahr später schließlich auch noch den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film erhielt. Um eine Scheidung geht es auch in Die Vergangenheit (Le Passé) wieder, seinem neuen Werk, und um viel mehr. Erstmals drehte der iranische Filmemacher in Frankreich, mit einer Besetzung, zu der neben The Artist-Star Bérénice Bejo auch Tahar Rahim (Un Prophète) und der iranische Schauspieler Ali Mosaffa zählen. Man muss es ohne Übertreibung einen großen Wurf nennen, der Farhadi gelungen ist, ein souverän erzähltes Melodram um eine fünf Personen, ihre Verwicklungen, Gefühle und Motivationen, ein verzwicktes Geflecht familiärer Strukturen einer französisch-iranischen Patchworkfamilie im heutigen Paris. Dass er sich dabei ganz auf das zwischenmenschlichen Drama und seine Abgründe konzentriert und alle vordergründigen Fragen um religiöse und kulturelle Unterschiede außen vor lässt, verleiht seiner exakt bis ins Detail durchdachte Geschichte umso größere Sprengkraft. Die Enthüllungen, Vorwürfe und Konflikte kommen langsam, ganz langsam, aber umso gewaltiger.

Um die Vergangenheit geht es, die sich einfach nicht wegwischen lässt wie der Regen auf der Windschutzscheibe zu Beginn des Films. Ahmad kommt nach Jahren der Trennung noch einmal von Teheran nach Paris, um Maries Wunsch zu entsprechen, die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Und er muss erfahren, dass sie inzwischen einen Neuen hat, den sie auch heiraten will. Dessen kleiner Sohn lebt längst wie Maries zwei Töchter aus einer früheren Beziehung im Haus. Und diese Konstellation bietet über zwei Stunden lang immer wieder neuen Wendungen, die einen ohne Sentimentalitäten die Kehle zuschnüren und schließlich das Herz brechen.

Ebenfalls seine Heimat für einen Film verlassen hat der israelische Regisseur Ari Folman, der hier vor vier Jahren mit dem animierten Dokumentarfilm Waltz with Bashir über seine eigenen Traumata aus dem Libanon-Krieg begeisterte. Nun hat sich Folman den Science-Fiction-Klassiker „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem vorgenommen. Allerdings sehr frei: Die ersten gut 50 Minuten handeln von einer Hollywood-Schauspielerin namens Robin Wright (gespielt von Robin Wright), der von ihrem Produzenten ein Ultimatum gesetzt wird. Ein letztes Vertragsangebot, bei dem sie sich komplett scannen lassen soll, um schließlich als virtuelle „Robin Wright“ ewig jung zu bleiben und in jedem nur denkbaren Filmprojekt einsetzbar zu sein. Die reale Robin Wright dagegen darf dann nie wieder auftreten. Eine geniale, bitterböse Reflektion auf die Filmbranche ist das, über den technologischen Fortschritt und den Umgang vor allem mit Schauspielerinnen eines gewissen Alters.

Die zweite Hälfte spielt 20 Jahre später, Robin Wright ist mittlerweile Mitte Sechzig, hat sich schon zur Ruhe gesetzt und ist dank einer Blockbuster-Reihe mit „Robin Wright“ als Actionheldin der größte aller Kinostars. Erkennen tut die ältere Dame freilich keiner, als sieden Futurologischen Kongress besucht und dabei in eine voll animierte Welt eintaucht, in der dank chemischer Substanzen jeder sein kann, wer oder was er will. Da wimmelt es von Michael Jacksons, Tom Cruises und, ja, recht vielen Action-„Robin Wrights“. Was uns Folman da bietet, ist ein surrealistischer Trip voller (medien)philosophischer Fragen und euphorisierender Melancholie – nur scheinbar ein Widerspruch. Und erinnert dabei nicht selten an Leo Carax’ Holy Motors, der hier letztes Jahr viele ratlos zurückließ. Auch The Congress ist ein nicht leicht verständliches Hybrid, und wird vielleicht gerade deshalb „nur“ in der Quinzaine-Nebenreihe gezeigt.