ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Gestern gab es, wie schon aus den Tagesnachrichten bekannt, den ersten Zwischenfall in Cannes. Für Aufregung sorgte ein Mann, der bei einer Veranstaltung des französischen Senders Canal+ zwei Schüsse aus einer Schreckschusspistole abfeuerte. Zu den Gästen gehörten unter anderem auch Christoph Waltz und Daniel Auteuil, die bei der Gesprächsrunde die diesjährige Jury vertreten sollten. Zwar lief am Ende alles glimpflich über die Bühne, aber natürlich wurden die Sicherheitsvorkehrungen trotzdem entsprechend verschärft, was für den gemeinen Festivalbesucher heißt, dass man nicht erst vor dem Kino, sondern bereits am Haupteingang zum Palais seine Taschen kontrolliert und jegliche Getränke (selbst die flughafenüblichen 100 ml) sowie Lebensmittel aller Art entzogen bekommt. Immerhin könnte der nächste Terroranschlag mit Hilfe einer Banane angezettelt werden.
Die gestrige Pressevorführungen blieben von den Geschehnissen entlang der Croisette jedoch unberührt. Am späten Nachmittag stand diesmal Koreeda Hirokazus Babyverwechslungsdrama Like Father, Like Son auf dem Programm. Koreeda beschreibt darin mit dem üblichen Feingefühl für die Tiefen und Abgründe zwischenmenschliche Beziehungen das Schicksal zwei Paare, deren Neugeborene in der Klinik vertauscht worden. Erst nach sechs Jahren wird der Fehler, der sich als krimineller Akt herausstellt, aufgedeckt, dennoch sollen die Kinder getauscht werden. Like Father, Like Son folgt der Chronologie der dramatischen Ereignisse, ohne dem Geschehen zusätzlich dramaturgische Seitenhiebe oder emotionalen Kicks zu versetzen. Entstanden ist ein Film, der so gut und so klug ist, wie man ihn von Koreeda erwartet hatte – das heißt in dem Fall aber leider auch: so konventionell.
Vielversprechender schien demgegenüber Arnaud Desplechins Jimmy P. (Psychotherapy Of A Plains Indian), mit Benicio Del Toro in der Rolle eines Blackfeet-Indianers, der nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimat zurückkehrt. Nach einer Verletzung leidet er an unerklärlichen medizinischen Symptomen, doch vor Ort vermag ihm niemand zu helfen, und so beschließt seine Schwester kurzerhand, eine Spezialklinik in Kansas aufzusuchen. Doch auch hier scheinen die Ärzte zunächst ratlos und holen daraufhin den Anthropologen Georges Devereux (Mathieu Amalric) zu Hilfe, der mit Jimmy eine intensive Gesprächstherapie beginnt, um ihn von seinem Leiden zu befreien. Das Ganze ist so wortlastig, wie es klingt, und hat mitunter einschläfernde Wirkung, dennoch ist es Desplechin gelungen, ein beeindruckendes Drama zu kreieren, das selbstsicher durch eine authentische Atmosphäre gleitet.
Lobende Erwähnung, wie es in Festivalkreisen so schön heißt, soll an dieser Stelle noch ein Wettbewerbsfilm vom Vortag finden: Jia Zhangkes episch anmutendes Fragmentarium A Touch of Sin. Nicht umsonst gilt Jia als der derzeit wichtigste und zugleich eigenwilligste chinesische Filmemacher sowohl auf stilistischer Ebene als auch in Bezug auf die politische und kulturelle Dimension seiner Werke. Sein neuester Film wurde unter anderem von Kitano Takeshis Produktionsfirma produziert und trägt unübersehbar auch dessen Handschrift, zumindest was die brutaleren Szenen angeht, von denen A Touch of Sin verblüffend viele aufweist. Was allerdings nicht heißen soll, dass dem Film dadurch etwas von der stillen Poesie oder jener melancholische visuellen Kraft einbüßt, die Jias Filme grundsätzlich auszeichnen. Auch hier finden sich unglaublich schöne Bilder von fast mystischer Intensität, gepaart mit brachialer Gewalt und Energie zu einem äußerst unterhaltsamen Episodenstück chinesischer Gegenwartsbewältigung zusammen.
