ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Der Sonntag macht seinem Namen alle Ehre, zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit prasselt mal kein Regen auf die Croisette hernieder. Sofort steigt nicht nur die Laune, sondern auch die Fan-Präsenz vor dem Festivalpalais und den Nobelhotels. Zuvor hatte man angesichts langer Warteschlangen aus Hunderten Regenschirmen, unter denen die Festivalbesucher mit aufgeweichtem Schuhwerk sichtbar mürbe wurden, den Eindruck, sich gar nicht am ersten Wochenende des wichtigsten Festivals zu befinden. Doch jetzt sind sie alle wieder da, die Autogramm- und Ticketjäger, die Selbstdarsteller und die gehetzten Profis mit ihren iPads und Blackberrys. Business as usual, also. Bis zum nächsten Platzregen.
Auf den Kinoleinwänden lassen sich erste rote Fäden quer durch die Sektionen erkennen. Von der Celebrity-Kultur und der Integrität von Künstlern handelten in gewisser Weise bereits Ari Folmans Kino/Science-Fiction-Satire The Congress und Sofia Coppolas The Bling Ring (und mit Abstrichen auch der Opener The Great Gatsby). Gestern Abend gesellten sich die Coen Brüder zu dieser Gruppe mit ihrem Film Inside Llewyn Davis, einer gute Laune machenden Deprikomödie über einen erfolglosen Folkmusiker, der sich Anfang der Sechziger in New Yorks Greenwich Village mit sporadischen Auftritten in einem kleinen Club namens Gaslight durchschlägt und dann bei Bekannten auf dem Sofa pennt. Der Film basiert lose auf dem Leben von Dave Van Ronk, einem Musiker, der vor allem von Kollegen verehrt wurde, aber nie wirklich erfolgreich wurde.
Im Film heißt er eben Llewyn Davis, ein Folkbarde mit einer Gitarre, der nach dem Selbstmord seines Duo-Partners eine Solokarriere versucht und sich stattdessen eher mit privaten Problemen rumschlägt: die Freundin eines Musikerkollegen, die vielleicht von Llewyn schwanger ist, die Katze eines befreundeten Paares, die ausbüchst, wenn er unachtsam ist. Llewyn macht sich auf eine Odyssee, in der Hoffnung auf einen Durchbruch, und begegnet dabei uramerikanisch-skurrilen Gestalten. Die Coens bewegen sich auf bekanntem Terrain: Americana, merkwürdige Charaktere, staubtrockene Dialoge. Auch die Detailliebe zur Musik ist nicht neu, doch hier singen erstmals alle Darsteller live on camera, vom herausragenden Hauptdarsteller Oscar Isaac bis zu Justin Timberlake und Carey Mulligan (arrangiert einmal mehr von T-Bone Burnett). In bleibender Erinnerung wird bei dieser Charakterstudie vor allem Oscar Isaac bleiben, der nicht nur grandios singen kann, sondern es auch schafft, dass man eine im Grunde wenig sympathische Figur ins Herz schließt. Wer Katzen mag, kann kein ganz schlechter Mensch sein.
