Cannes Tag 8

| Pamela Jahn |

ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.

Es gehört mittlerweile zu den undankbaren Aufgaben des Filmkritikers, auf Festivals unmittelbar nach der Pressvorführung erste Reaktionen und Minirezensionen in die Welt hinauszutwittern. Allerdings teilen sich die hier die Lager: Da gibt es einerseits die sogenannten selbsterklärten Dauertwitterer, die gern mehr als nur ihr Filmwissen sekundenschnell und rund um die Uhr unters Volk bringen, und dann gibt es die eher mürrischen Zwangstwitterer, die den soeben gesehenen Film eigentlich lieber erst einmal einsickern lassen würden, als leichtfertig vorschnelle Urteile abzugeben. Mittwoch morgens allerdings, als Nicolas Winding Refns Only God Forgives die Leinwand in messerscharfen, tiefroten Bildern erglühen ließ, steigerten sich selbst in Social Media ungeübte Kollegen bereits während des Abspanns via Twitter in wilde Diskussionen darüber, ob die mit größter Spannung erwartete zweite Zusammenarbeit des Drive-Duos Winding Refn und Gosling tatsächlich ein visuelles Fest für die Gewalt erprobten Sinne sei, oder doch nur ein extrem brutaler, inhaltloser Schuss in den Ofen. Geklärt scheint die Frage noch lange nicht, und wer die Muße hat, kann unter @OGF_Movie den aktuellen Stand der Dinge mitverfolgen.

Der Film selbst erzählt die Geschichte des schweigsam-coolen Julian (Ryan Gosling), der in Bangkok lebt und einen Thai-Box-Club als Fassade für die Drogengeschäfte seiner Familie betreibt. Nachdem sein Bruder getötet wird, weil der angeblich eine minderjährige Prostituierte umgebracht hat, verlangt seine Mutter (teuflisch gut gespielt von Kristin Scott Thomas) von ihm, den Mord zu rächen und damit die angeknackste Familienehre zu retten. Dass das arme Mädchen gerade mal 16 Jahre alt war, ist ihr, im Gegensatz zu Julian, dabei ziemlich egal: „Er wird schon seinen Grund gehabt haben.“ Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt, was den Plot angeht, den der dänische Regisseur kompromisslos in seiner undramatischen Minimalkonstruktion belässt. Dafür konzentriert er sich umso mehr darauf, seinen Frontmann Gosling zu den düsteren Orgelklängen, die im Soundtrack von Cliff Martinez den Ton angeben, trotz blauem Auge möglichst cool in die Kamera gucken zu lassen, wenn der nicht gerade in Slow-Motion seine Fäuste oder wie seine Gegner zur Abwechslung auch gern mal Samurai-Schwerter schwingt. Dass Gosling es trotz der engen Freundschaft, die ihn angeblich mit seinem Regisseur verbindet, dennoch vorzog, nicht zur Premiere nach Cannes  zu kommen, sorgte über das Twitter-Universum hinaus für Spekulationen. Vielleicht war er tatsächlich zu beschäftigt mit den Dreharbeiten zu seinem ersten eigenen Film, wie es in der offiziellen Version hieß. Vielleicht hat er aber auch geahnt, dass Only God Forgives eine Menge Fragen aufwirft, die, wie Winding Refn in der Pressekonferenz schnell bemerken musste, selbst für die Macher schwer zu beantworten sind.

Nicht weniger kontrovers wurde auch der neue Film von Caire Denis aufgenommen, der überraschenderweise „nur“ in der Nebenreihe Un Certain Regard läuft. In Les Salauds muss der Frachtschiffkapitän Marco (Vincent Lindon) plötzlich erfahren, dass der Mann seiner Schwester angesichts ausufernder finanzieller und familiärer Probleme Selbstmord begangen hat. Schuld an dem Unglück sei Edouard Laporte (Michel Subor), dessen Geliebte Marco verführt, um dadurch den diversen korrupten Machenschaften des Geschäftsmannes auf die Schliche zu kommen. Auch Denis zelebriert in ihrem Film auf ihre eigene düster-spartanische Weise den Sieg des Bösen über uns, allerdings weniger verspielt, farbintensiv und mystisch, als es bei Winding Refn geschieht. Ihr Blick in die Untiefen der menschlichen Seele ist ein konsequent nüchterner, der sich akribisch an der Realität orientiert, aber deshalb nicht selten noch schmerzhafter ist.