ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Der Donnerstag-Morgen begann deprimierend. In Schwarzweißbildern, die im Grunde nur aus verschiedenen Grautönen bestehen, erzählt Alexander Payne in Nebraska seine Version einer Straight Story. Ein Low-Budget-Roadmovie und eine Vater-Sohn-Geschichte, die in der ersten Hälfte viel über die Misere der amerikanischen Provinz erzählt und dabei auch gnadenlos die Beschränktheit seiner Figuren zeigt – und sie auch vorführt.
Am Anfang steht ein Werbebrief, den der von Bruce Dern gespielte, halbsenile Woody Grant erhalten hat und der ihn glauben macht, eine Million Dollar in der Lotterie gewonnen zu haben. Immer wieder büchst der Alte aus, um das Geld persönlich in Nebraska abzuholen, der Post ist bei einer solchen Summe nicht zu trauen. Und immer wieder muss er von seinem Sohn David aufgesammelt werden, wie er stur wie ein Esel eine Straße entlang schlurft. Gegen den Willen der Mutter beschließt er schließlich, den Vater von Montana nach Nebraska zu fahren, damit er kapiert, dass es gar keinen Gewinn gibt. Sie landen jedoch nach einem kleinen Unfall in Woodys alter Heimatstadt Hawthorne, Nebraska, und hier wird das Roadmovie zum Porträt einer sterbenden Kleinstadt und ihrer Bewohner, die nicht viel mehr zu tun haben als stoisch vor dem Fernseher oder in der Kneipe die Zeit totzuschlagen. Das ist über weite Strecken deprimierend anzuschauen, auch wenn Payne immer wieder komische Momente und Dialoge einbaut, oft allerdings auf Kosten seiner Figuren. Bruce Dern dürfte jedenfalls Michael Douglas’ stärkster Konkurrent im Rennen um den Darstellerpreis sein.
Am Abend lief dann ein weiteres Beispiel paneuropäischen Arthousekinos. Der Franzose Arnaud des Pallières nahm sich in Michael Kohlhaas der vor 200 Jahre erschienenen deutschen Novelle von Heinrich von Kleist an, verlegte sie nach Frankreich, besetzte die Hauptfigur mit dem Dänen Mads Mikkelsen und die Nebenrollen unter anderem mit den Schweizern Bruno Ganz und David Bennent, den Franzosen Denis Lavant und Swann Arlaud, dem Spanier Sergi Lopez und dem Deutschen David Kross. Klassisch erzählt und mit düsterer Atmosphäre inszeniert, beginnt darin der Rosshändler Kohlhaas als eine Art Robin Hood einen Rachefeldzug, nachdem ihm ein korrupter Baron zwei Pferde als Pfand abgenommen hatte, als er dessen Ländereien passieren wollte. Herausragend ist der Film vor allem auf der Tonebene, durch das Sounddesign und die Filmmusik von Martin Wheeler. Doch als (Anti-)Held bleibt dieser europäische Michael Kohlhaas letztlich doch recht blass.
