Mit seinem True-Crime-Roman wurde Truman Capote zu Lebzeiten eine Legende. Doch die fünf Jahre Recherche eines grauenhaften Verbrechens kosteten ihn seine Substanz – danach schrieb er nie wieder ein Buch.
Am Anfang stand ein Verbrechen, dessen Kaltblütigkeit selbst erfahrene Kriminalbeamte erschütterte. In der Nacht des 15. November 1959 wurden das Ehepaar Herb und Bonnie Clutter und ihre Kinder Kenyon und Nancy auf ihrer Farm in Kansas überfallen und brutal ermordet. Wenige Wochen später wurden die beiden Täter, Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock, gefasst, doch auch nach deren Geständnissen blieb es zunächst unerklärlich, warum ein einfacher Raubüberfall in einem eiskalten Vierfachmord mündete.
Als Truman Capote nach Kansas reist, um eine Reportage über die ermordete Familie Clutter zu schreiben, erkennt der Schriftsteller rasch, dass dieser Stoff über einen spektakulären Kriminalfall hinausgeht. Capote sammelt umfangreiches Material über die Ermittlungen der Polizei und den Prozess, macht ausführliche Interviews mit betroffenen Personen (mit den beiden Mördern ebenso wie mit dem Leiter der Ermittlungen, Alvin Dewey), die er schließlich zu dem 1966 veröffentlichtem Tatsachenroman In Cold Blood verarbeitet. Durch seine kongeniale Art und Weise, Fakten mit literarischen Stilmitteln zu kombinieren, gilt In Cold Blood als eines der wichtigsten Bücher des in den 1960er Jahren entstandenen „New Journalism“, zu dessen bedeutendsten Repräsentanten neben Truman Capote Hunter S. Thompson und Norman Mailer zählen.
In Cold Blood rollt detailgenau Vorgeschichte und Hintergründe des Verbrechens auf, porträtiert dabei die Opfer ebenso wie die Täter. Und indem Truman Capote im Zuge seiner Recherchen fast ein Vertrauensverhältnis zu Perry Smith aufbauen konnte, gelingt es ihm auch, die psychologischen Hintergründe der unfassbaren Tat aufzudecken. Denn nichts in den Biografien der beiden Täter, die davor nur wegen vergleichsweise geringfügiger Delikte straffällig geworden waren, schien den Gewaltausbruch hinreichend erklären zu können. Doch nach und nach enthüllt In Cold Blood, dass Smith und Hickock aus einer Reihe von Gründen immer mehr zu gesellschaftlichen Außenseitern wurden, denen die Türen zu den erfolgreichen Seiten des American Dream stets verschlossen blieben. Insbesondere die konfliktbeladene Kindheit und Jugend von Perry Smith, geprägt von den traumatischen Erlebnissen seiner zahlreichen Heimaufenthalte, scheinen für eine potenziell explosive psychische Disposition gesorgt zu haben, die sich auf tragische Weise in der Mordnacht entlud. Denn die hoch angesehene, allseits beliebte Familie Clutter repräsentierte genau jene gut situierte bürgerliche Gesellschaft, von der sich die Mörder stets ausgeschlossen sahen. In einem Moment, den Capote einen „psychologischen Unfall“ nennt, meinten Smith und Hickock, sich in einem einzigen Hassausbruch für alles vermeintliche Unrecht an der Gesellschaft rächen zu müssen. Perry Smith wird in dem Buch dazu zitiert: „Ich hatte nicht vor, ihm [Herb Clutter, Anm.] irgendetwas anzutun. Ich fand, dass er ein sehr netter und gebildeter Mann war. Das glaubte ich bis zu dem Moment, in dem ich ihm die Kehle durchschnitt …
Die Clutters haben mir nie etwas zuleide getan. Wie all die anderen, die mich ein Leben lang getriezt haben. Und vielleicht waren es einfach die Clutters, die dafür büßen mussten.“
Diese Dinge spielten im Prozess nur eine untergeordnete Rolle und änderten nichts am Todesurteil für die beiden Täter. Und auch die Phase des jahrelangen, quälenden Wartens auf die Hinrichtung dokumentiert In Cold Blood präzise, leidenschaftslos und gerade deshalb besonders eindringlich. Smith und Hickock wurden am 14. April 1965 gehängt.
1967 verfilmte Richard Brooks In Cold Blood unter dem gleichen Titel. In Schwarzweiß gedreht, was den semidokumentarischen Charakter noch unterstreicht, besticht der Film durch eine geradlinige, betont unaufgeregte Inszenierung, die mit ihrer präzisen, sachlichen Perspektive sehr dicht an der Atmo-sphäre und dem Erzählduktus des Romans bleibt. Besonders Robert Blakes brillante Darstellung von Perry Smith ragt dabei noch heraus. Der Stoff wurde 1996 als Fernseh-Zweiteiler von Jonathan Kaplan erneut adaptiert.
