Cassandras Traum

| Harald Mühlbeyer |

In Woody Allens Tragödie verstricken sich zwei Brüder in Schuld und Tod.

Terry (Colin Farrell) spielt gerne, phasenweise ist ihm auch das Glück zugetan – um ihn dann auch wieder zu verlassen. Terrys Bruder Ian (Ewan McGregor) hofft auf hohen Gewinn durch ein Investment in ein – ganz offensichtlich windiges – Immobiliengeschäft, für das er Geld auftreiben muss. Für die materielle Basis soll Onkel Howard sorgen, der Schulden tilgen und Kapital bereitzustellen verspricht. Dieser Howard vermag von der Parkbank aus Vergebung und Gnade verheißen, wenn Ian und Terry wie zwei kleine Sünder jammernd und bettelnd vor ihm stehen: Er ist von Beginn an als eine Art ferner, aber gütiger Gott etabliert, mit Geld und Kontakten nach Hollywood für Ians anspruchsvolle Schauspielerfreundin. Doch das Erbarmen hat seinen Preis, Howard fordert als Opfer das Leben eines Mannes, der ihn vom Himmelsthron zu stürzen droht. Und prüft damit seine Jünger, stellt die Gretchenfrage nach dem Gewissen. Dem moralischen „Das ist einfach falsch“ steht die eloquente Argumentation von Geld, Glück und Hoffnung auf ein besseres Leben gegenüber. Und hinter allem steht das „Enttäuscht mich nicht“ von Onkel Howard, das den Niedergang des Brüderpaares endgültig besiegelt.

Woody Allen hat sich an klassischen Vorbildern der Tragödie orientiert. Dabei interessieren Aufbau sowie der Ausgang weniger als der Ablauf des Dramas, das die Verstrickungen von Hoffnung, Gier und Gewissen vorführt. Allen huscht über die Etablierung der Figuren und ihrer Situation hinweg, wie er auch im weiteren Verlauf des Films konsequent alles Überflüssige wegschneidet – was durchaus dramaturgische Irritationen nach sich zieht. Doch wenn sich das Spiel um Schuld und Tod entfaltet, geht Allen unerbittlich und mit bitterer Ironie vor – und seine beiden Stars, Ewan McGregor und Colin Farrell, kommen ebenfalls immer mehr ins Spiel, je mehr Freiraum ihnen die Inszenierung einräumt. Dass Allens Handlungs- und Figurenkonstellation ein Konstrukt ist, leugnet der Film nicht. Und so mangelt es etwas an der erzählerischen Eleganz, die etwa Matchpoint auszeichnete. Doc Cassandra’s Dream ist ähnlich gnadenlos, wenn der von Anfang an vorgezeichnete Weg in den selbstverschuldeten Untergang beschritten wird.

Auch der Film wäre beinahe untergegangen: Kurz vor dem ursprünglich geplanten Kinostart im Januar gab der Verleih bekannt, den Film lediglich direkt auf DVD zu veröffentlichen – um erst nach massiven Protesten wieder zurückzurudern. Glücklicherweise.