Cemetery of Splendour

| Andreas Ungerböck |

Grandiose tropische Trance-Session von Meister Weerasethakul

„Rak ti Khon Kaen“, der Originaltitel, heißt nichts anderes als „Liebe in Khon Kaen“, also in jener Kleinstadt im Nordosten Thailands, in der der Arthaus-Favorit Apichatpong Weerasethakul, der – neben zahlreichen anderen Auszeichnungen – 2010 für Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives die Goldene Palme in Cannes erhielt, aufgewachsen war. Nun ist er dorthin zurückgekehrt. Seine Eltern waren Ärzte im hiesigen Krankenhaus, und Krankheiten, des Körpers und der Seele, spielen ja in fast allen seinen Filmen eine wesentliche Rolle. Das ist in seiner neuen Arbeit nicht anders, allerdings ist es hier eine ehemalige Volksschule, die zum Krankenhaus umfunktioniert wurde, und darin befinden sich mehrere Soldaten, die an einer rätselhaften Art Schlafkrankheit laborieren. Rund um sie: Angehörige, die nicht so recht wissen, was sie davon halten sollen, und Pflegepersonal, allen voran Jen (Apichatpongs Lieblingsdarstellerin Jenjira Pongpas Widner) und Keng (Jarinpattra Rueangram), eine Art Medium, die, so  sagt sie, mit den vor sich hindämmernden Männern Kontakt aufnehmen könne. Aber ach, die Angehörigen fragen dann solche Dinge, wie: Welche Farbe soll die neue Küche haben und ähnliches.

Darin manifestiert sich der hinlänglich bekannte verquere Humor des thailändischen Filmemachers, der sich von Fremden gerne „Joe“ nennen lässt, weil sein Name so kompliziert ist. Stille Lacher evozieren ja alle seinen Filme, also zumindest für ein Publikum, das sich auf das Geduldsspiel mit seinen lang dauernden Einstellungen, in denen nicht viel passiert und in denen sich die Zeit dehnt, einlässt. Aber, das ist die Überraschung: Gemessen an früheren arbeiten wie Tropical Malady oder Blissfully Yours ist Cemetery of Splendour geradezu ein Action-Spektakel. Die Handlung, wenn man sie so nennen kann, schreitet relativ zügig voran, und es passiert auch ziemlich viel. Zum Beispiel werden wunderschöne Leuchtsäulen neben den Betten aufgestellt, die den armen Soldaten angenehme Träume bescheren sollen. Und Apichatpong bringt einen gehörigen Schuss Mystery in seinen Film ein: Da werden Göttinnen lebendig – eine großartige Szene im übrigen, wenn die beiden sich vorstellen –, und es wird auch bald klar, dass unter der Schule / unter dem Krankenhaus Dinge vorgegegangen sein müssen, die mit der „Schlafkrankheit“ in Wechselwirkung stehen: „Könige benutzen die Energie der Soldaten, um eigene Schlachten zu schlagen“, sagt jemand.

Die Geister der Vergangenheit, das ist sozusagen der ernstere Teil von Apichatpongs Arbeit, sie ruhen nicht, auch nicht im Thailand des 21. Jahrhunderts, das, wie man weiß, gehörige Probleme hat – unter anderem eine strenge Zensur, weswegen der Filmemacher ernsthaft überlegt, auszuwandern. Längst ist er „international“ geworden, aber gerade in diesem Film merkt man, wie sehr er an seiner Heimat und vor allem an seinem Volk hängt – erkennbar auch an seiner Vorliebe für nichtprofessionelle Darstellerinnen und Darsteller. Wer jemals in Thailand war bzw. sich mit dem Land abseits seiner Touristenattraktionen beschäftigt hat, kann das ermessen, und in vielen Szenen, mögen sie noch so sonnendurchflutet und tropisch grünblättrig sein, schwingt eine leise Trauer mit, eine Schwere des Herzens, die den Film noch anrührender macht, als er ohnehin schon ist. Abgesehen davon ist Cemetery of Splendour ein Meisterwerk der Poesie, der Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, Stille (also „Stille“) greifbar zu machen. Bald fühlt man sich selbst wie in Trance, und es ist eine sehr angenehme Trance, von der man wünscht, sie möge ganz lange anhalten.

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