Censor Film

Filmkritik

Censor

| Pamela Jahn |
Atmosphärisch dichter Retro-Horror mit Psycho-Twist

Eigentlich ist Enid (Niamh Algar) ziemlich hart im Nehmen. Immerhin wird ihr als Mitarbeiterin des British Board of Film Classification (BBFC) Mitte der achtziger Jahre tagtäglich ganz schön was zugemutet. Von Cannibal Carnage bis Rat Brothel, Gewalt und Folter, Sex und Porno, gespaltene Köpfe und ausgestochene Augen, der ganze filterfreie Horror der „Video-Nasties“-Ära prasselt auf sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Prüfstelle ein, die dem schlimmsten Grauen mit wohlüberlegten Schnitten ein Ende bereiten sollen. Doch Enid, so aufgeräumt und abgebrüht sie nach außen hin erscheint, hat selbst eine „Leiche“ im Keller. Noch immer fühlt sie sich für das Verschwinden ihrer Schwester Nina verantwortlich, die seit ihrer Kindheit verschollen ist. Als die Hauptdarstellerin in dem ihr zur Beurteilung vorgelegten Nazi-Horror-Schocker Don’t Go to the Church eine unverkennbare Ähnlichkeit zu Nina aufweist, wird Enid derart aus der Bahn geworfen, dass sie nicht anders kann, als sich auf die Suche nach der schmerzlich Vermissten zu begeben – mit erwartungsgemäß nicht unblutigen Folgen.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Prano Bailey-Bond hat mit ihrem ersten Spielfilm einen Nerv getroffen. Seit der Weltpremiere von Censor beim diesjährigen Sundance Film Festival hat er weite Kreise gezogen. Erst nahm die Berlinale den auf Retro gestylten Gruselfilm mit ins Programm, anschließend spielte er auf diversen Filmfestivals dieser Welt, und zwar nicht nur im Genrebereich. Die Gründe für die intensive Aufmerksamkeit liegen einerseits in der nostalgisch anmutenden Textur des Films, andererseits in seiner emotionalen Ambivalenz: Das Gefühl von Horror, das die 39-jährige Waliserin in ihrem Film vermittelt, ist eng verknüpft mit der Zeit, in der ihre Geschichte spielt, ist geprägt von der allgemeinen Hysterie um die fatale Wirkung der brutalen VHS-Schocker, die Anfang der Achtziger unter und über dem Ladentisch jeder besseren Videothek gehandelt wurden, ebenso wie von dem repressiven Geist der Thatcher-Jahre, mit dem die Iron Lady ihr Volk so lange erfolgreich unter dem Pantoffel hielt. Aber auch die schiefen Geschlechterverhältnisse im Büro und auf der Leinwand lässt Bailey-Bond in ihrem Rückblick nicht unbeachtet und schon gar nicht ungestraft durchgehen. Optisch setzt die Regisseurin dabei zunächst auf eine klaustrophobische Kammerspiel-Atmosphäre und verlässt diese erst zum Ende hin für einen folgeschweren Ausflug in die Nacht. Je mehr sich Enid in die Überzeugung hineinsteigert, ihrer Schwester auf der Spur zu sein, um so intensiver rückt immer mehr Farbe ins Bild, treffen ausgebleichte Gelb- und Brauntöne plötzlich auf Neonlicht in Grün und Blau, und ergießen sich im finalen Akt in einem ergreifenden Rot.

Bailey-Bonds Begeisterung für die großen Psycho-Horror-Klassiker von The Shining über Carrie bis hin zu Peeping Tom trägt Censor mit Stolz und Respekt vor sich her und offenbart gleichzeitig sowohl eine thematische als auch ästhetische Verbundenheit mit Peter Stricklands Berberian Sound Studio, auch wenn letzterer nachhaltiger in Erinnerung bleibt. Es ist die Auflösung des Rätsels am Schluss, bei der der Film mit seiner Hauptfigur aus dem Gleichgewicht gerät, sich im Delirium zwischen Wahn und Wahrheit verstrickt und in Ekstase entlädt, anstatt nach einem Moment angemessen zwiespältiger Katharsis zu suchen. Für Enid und für uns. Ein vielversprechendes Horror-Debüt bleibt Bailey-Bonds atmosphärisch dichte Horror-Hommage trotzdem allemal.