„Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“
Heba hat es irgendwie von Syrien nach Schweden geschafft; wenn sie raucht, dann raucht sie die Zigarette heiß, gierig, Zug um Zug um Zug. Wenn sie spricht, bleibt sie manchmal an Wörtern hängen, wiederholt sie wieder und wieder und wieder. Ruhelos wirkt sie und ihr Blick aus riesigen Pupillen bohrt Löcher in die schwedische Fremde, geht durch sie hindurch bis – wohin? Raja in Damaskus legt ihrem ermordeten Sohn täglich frische Kleidung aufs Bett, mit gemessenen Bewegungen, so als folge sie einem Ritual von größter Wichtigkeit, als könne sie so seine Rückkehr erwirken. Nach außen scheint sie ruhig und kontrolliert, doch sie ist gefangen in abgrundtiefem Kummer und rachsüchtigen Gedanken. Es gibt in ihrer Welt nichts mehr außer den Tod – und den Verlust, der auch Hebas Welt bestimmt.
Sara Fattahis preisgekrönter Film Chaos – er wurde unter anderem 2018 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden in der Sektion „Cineasti del Presente“ sowie 2019 in Graz mit dem Großen-Diagonale-Preis ausgezeichnet – handelt von Krieg und Vertreibung und Flucht. Nicht auf eine äußerliche, dokumentierende Weise, nicht, indem er Bilder der Zerstörung mit Schilderungen überstandener Strapazen verbindet und auf einen resultierenden empathischen Effekt setzt. Vielmehr, indem er sich bemüht, Bilder zu finden für das, was im Inneren angerichtet wird, und dafür, wie der Verlust der Heimat und von geliebten Menschen sich auswirkt auf die, die ihn erleiden und zurückbleiben. Tatsächlich ist es Sara Fattahis Ringen um den angemessenen visuellen Ausdruck für einen existenziellen Gleichgewichtsverlust, das Chaos seine Eindringlichkeit verleiht.
Diametral entgegengesetzt zu Filmtitel und -inhalt nämlich steht die Sorgfalt, die der Gestaltung der äußeren Form gewidmet ist, die wiederum das innere Chaos nach außen trägt und augenscheinlich macht: die Erschütterung von Identität spiegelt sich wider in wie verwischten, zittrigen, abschweifenden Bildern, denen das Zentrum fehlt, die ihren Fokus suchen, die sich überlagern, kippen, fallen. Es sind Bilder, die vom Bodenlosen und vom Unsagbaren handeln; und die uns in ihrer Sperrigkeit konfrontieren mit der Erkenntnis, dass der Krieg in den Traumata der Vertriebenen allerorten allgegenwärtig ist.
Wie durch Tränen richtet Chaos den Blick auf verlorene Seelen; eine Frau streift stumm durch Wien, an der Grenze zum Verschwinden, und Ingeborg Bachmann liest ihr Gedicht „Exil“.
