Wie aus einer unterhaltsamen Affäre ein großes Liebesunglück wird
Immer kommt etwas in die Quere, schiebt sich davor, stellt sich in den Weg, verhindert die freie Sicht und den direkten Zugang. Vordergründig ist es das Dekor, sind es Ausstattung und Kostüme, in Wahrheit ist es die Konvention, sind es die Normen, die für die Gefühlsäußerungen, und die Regeln, die für die Handlungen gelten.
Stephen Frears’ Chéri erscheint wie eine optische Täuschung, während er von der Täuschung erzählt; er scheint den Zuschauer um einen tieferen Sinn zu betrügen, während er den Selbstbetrug der Figuren zelebriert. Das ist eine gefährliche Gratwanderung und der Film kippt denn auch immer wieder ins rein Ornamentale, verliert sich in Schnörkeln und Verzierungen, die sich zur Ablenkung verdichten vom Wesentlichen: Vom großen Unglück zweier Liebender, die, obzwar Randfiguren der Gesellschaft, von deren Zwängen nicht frei sind. Die einander leidenschaftlich verbunden sind, doch einander nicht vertrauen. Die für sich allein nicht sein können – doch das dem anderen gestehen? Um keinen Preis!
Wie so oft beginnt das Verhängnis mit der Selbstüberschätzung, mit der Verkennung der Kontrollierbarkeit von Emotionen: Die in die Jahre gekommene Pariser Kurtisane Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer) soll Chéri (Rupert Friend), den schönen 19-jährigen Sohn ihrer Kollegin Madame Peloux (Cathy Bates), zu einem tauglichen Mann ausbilden. Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes verlieben sich die beiden ineinander und bleiben sechs Jahre zusammen. Bis Madame Peloux beschließt, Chéri müsse die gleichaltrige Edmee (Felicity Jones) ehelichen – und Chéri sich nicht wehrt und Léa sich nichts anmerken lässt. Vielfaches langwieriges Unglück ist die Folge.
Colette, Skandalautorin der Pariser Belle Epoque, kannte das luxuriös-dekadente Milieu gut, über das sie schrieb, und Regisseur Frears steht nicht an, eben dies getreu ins Bild zu setzen. Opulenz ist also gar kein Ausdruck für den verschwenderischen Detailreichtum der Interieurs, in dem Figuren agieren, die wie kostbar verzierte Patisserien wirken. Geringere Schauspieler als Pfeiffer (die während der Dreharbeiten ihren fünfzigsten Geburtstag feierte), Friend und Bates wären in diesem Rausch der Farben und Formen sang- und klanglos abgesoffen. Dank der Besetzung dieser drei jedoch lugt immer wieder das Charakterdrama hervor, künden Blicke, Gesten, Tonlagen von einem sehr viel ernster zu nehmenden Film, halb verborgen im Schatten blendender Kulissen.
