Children of the Prophet

| Andreas Ungerböck |

Vier Gruppen von Protagonisten bereiten sich in Teheran mit großer Hingabe auf das schiitische Trauerfest Moharram vor.

Moharram ist ein Fest, bei dem alljährlich des Märtyrertods von Imam Hossein, dem Enkelsohn des Propheten Mohammed, gedacht wird. Hossein wurde im Jahr 680 gemeinsam mit 72 Gefährten von den Schergen des Kalifen Yazid in der Schlacht von Karbala (heute im Irak) ermordet. Zu Beginn von Sudabeh Mortezais Dokumentarfilm und immer wieder zwischendurch erzählt ein alter Mann anhand einer in grellen Farben bemalten Leinwand die Geschichte Hosseins nach. Diese Art der traditionellen Erzählung hat etwas vom frühen Kino, dazu passend erfolgt die Übersetzung in Form von Zwischentiteln, wie man sie aus dem Stummfilm kennt.

Harte Schnitte führen uns immer wieder in die moderne Metropole Teheran, wo wir Menschen mit unterschiedlichem religiösem Engagement dabei beobachten, wie sie sich auf Ashura, den Tag des Festes, vorbereiten. Frauen (die meisten von ihnen, wie zu Hause üblich, ohne Kopftücher) kochen das traditionelle Essen, das am Festtag an Freunde, Bekannte und Bedürftige verteilt wird; streng gläubige Männer, Mitglieder von Trauervereinen, basteln das schwere Metallgerüst Alam, das während der großen Prozessionen herumgetragen wird, und eine Gruppe junger Slacker wartet besonders sehnsüchtig auf das Fest, das sie, wie viele andere junge Leute, vor allem dazu nützen wollen, soziale Kontakte, auch zum anderen Geschlecht, zu knüpfen. Was die Faszination des archaischen Festes ausmacht, das wenig mit der Staatsreligion zu tun hat und von Generation zu Generation weitergetragen wird, erschließt sich in Gesprächen, in denen selten frontal in die Kamera gesprochen wird, eher in Gruppen vor der Kamera – eine Darstellungsweise, die an den kambodschanischen Dokumentaristen Rithy Panh erinnert.

Sudabeh Mortezai, seit 13 Jahren in unterschiedlichsten Funktionen in der heimischen Filmszene tätig, fängt in ihrem Regiedebüt ein Stück Alltag ein – in einem Land, dessen Bild im Westen stark verzerrt und widersprüchlich ist. Man lernt warmherzige, witzige, schlagfertige Menschen kennen mit Wünschen und Träumen, aber auch mit handfesten religiösen und politischen Ansichten. Dennoch haben die Beobachtungen definitiv mehr Erkenntniswert als ein bloßes „die sind ja gar nicht so“. Mortezai, das kann man den Reaktionen der Menschen entnehmen, ist den Leuten mit Neugier und mit Offenheit begegnet – und es hat sich gelohnt. Dass man vom Fest selbst kaum etwas sieht, tut dem keinen Abbruch. Ohnehin ist der Weg dorthin für viele das Ziel.