China / Taiwan

Glamour und Realismus

| Helmut Merker |
Von den Beijing Screenings zum Golden Horse Film Festival in Taipei: Neues vom chinesischen Film und eine Hommage an einen großen chinesischen Kameramann.

Den Weg in die Kinosäle der Filmfestivals in Korea, Japan, China oder Taiwan muss man sich gewöhnlich durch riesige Einkaufspaläste bahnen: an zahllosen Garküchen vorbei, durch halblegale DVD-Lager, darüber Klamottenbuden neben Nobelboutiquen, in einer labyrinthischen Architektur des entfesselten Kapitalismus.

Bis man erleichtert feststellt, dass in Taipei manches eine Nummer kleiner ist als in Shanghai, Hongkong oder Pusan. Kein Wunder bei einem Land, das man leicht auf der Landkarte übersehen könnte, einer Insel von der Größe Baden-Württembergs, mit kaum mehr Einwohnern als Beijing. Dort muss man sich mächtig anstrengen, um mitzuhalten, also hat man ins Zentrum der Hauptstadt den höchsten Turm der Welt gestellt – zumin-dest ist er das so lange, bis Dubai seinen Prestigeturm eröffnen wird, der noch etwas höher ist; und damit das trotz Finanzkrise gelingt, hat der Nachbar Abu Dhabi gerade mal eben zehn Milliarden Dollar rübergeschoben. Mit solchen Freundschaftsdiens-ten kann Taiwan nicht rechnen, da ist man schon zufrieden mit der wohlwollenden Duldung durch „Festlandchina“, wie der übermächtige Nachbar hier heißt. Von dort droht zwar weiterhin eine riesige Raketen-Batterie, aber schlimmer als in Hollywoods Katastrophenspektakeln sollte es hier auch nicht zugehen.

Mit den Plakaten von Roland Emmerichs 2012 ist hier jedes große Kino zugepflastert, gleich daneben machen sich aber zwei einheimische Produktionen auffällig bemerkbar. Beide setzen sich mit dem großen chinesischen Trauma der Neuzeit auseinander, der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. In The Message muss ein japanischer Offizier einen chinesischen Widerstandskämpfer innerhalb seiner Agententruppe entlarven. Fünf Verdächtige sind in einem dunklen Bergverlies eingeschlossen, darunter zwei attraktive Frauen, das verleiht dem Spionagethriller zusätzliche melodramatische Aspekte. Aber während sich die Figuren gegenseitig belauern und der Zuschauer herausfinden will, wer hier der Gute ist, der von Bösen gejagt wird, reduziert sich das eigentliche Spiel der Tricks und Täuschungsmanöver auf alptraumhaft sadistische Szenen: Man versucht nicht mit Finten und Fallen die wahre Identität zu verbergen oder zu enthüllen, sondern verfolgt sein Ziel nur noch mit ausgefallenen Foltermethoden.

City of Life and Death (Original: Nanjing, Nanjing!) von Lu Chuan behandelt das Massaker in der chinesischen Stadt Nanjing durch japanische Truppen, dasselbe historische Ereignis von 1937 wie Florian Gallenbergers John Rabe. In der Darstellungsweise liegen zwischen beiden Filmen kinematografische Welten: letzterer ein ausgewogener Fernsehfilm, ein „Feelgood-Movie“ zwischen vordergründigen Kriegs-Tableaux und dem guten Herrenmenschen voller Tatkraft, Pädagogik und Treuegefühlen für seine Ehefrau; da eindrucksvolle Schwarzweißfotografie mit der dokumentarisch anmutenden Darstellung eines unbarmherzigen Krieges, mit einer Armee, die als Tötungsmaschine funktioniert und dabei dennoch nicht dämonisiert wird.

Beide Filme, The Message und City of Life and Death, wurden beim Golden Horse Film Festival in Taipei im November 2009 mit einem „Goldenen Pferd“ ausgezeichnet, beide sind Ko-Produktionen zwischen der Volksrepublik und Taiwan: Auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet überwindet man die Berührungsängste offensichtlich eher als in den Sphären der hohen Politik.

Die „Beijing Screenings“ im Oktober sind kein Festival für Presse und interessierte Zuschauer, sondern ein Markt für Einkäufer und Produzenten. Ihnen zeigt die staatliche China Film Group einen Querschnitt durch die chinesische Jahresproduktion mit Filmen, die sich durchaus kritisch mit Problemen von Minderheiten auseinandersetzen, sei es die Armut von Individuen, sei es die Unterdrückung gesellschaftlicher Randgruppen. Da weiß man freilich nie, ob die Filmemacher ihre Ideen der Zensur abtrotzen mussten oder ob die Aufpasser inzwischen clever genug sind, sie gerade als Zeugnisse staatlicher Toleranz fürs eigene Image einzusetzen. So wehrt sich in Red River von Zhang Jiarui ein illegal eingewandertes vietnamesisches Mädchen gegen Vor-urteile chinesischer Dorfbewohner und die Willkür der Polizei; in Jiang Taos Eagle Flute kämpft eine Gruppe Tibeter gegen die Widrigkeiten der Natur und für die Traditionen ihrer Familie; in Good Earth setzt sich ein störrischer Wissenschaftler gegen engstirnige Rote Garden mit seiner Agrarreform durch, die die Getreideernte zu neuer Blüte führt. Herausragend schließlich der Film Judge des Regisseurs Liu Jie, der 2001 als Kameramann bei Wang Xiaoshuais Beijing Bicycle tätig war, der einen Silbernen Bären bei der Berlinale gewann. In Lius neuen Film kämpft ein Richter erst mit sich, dann mit den Autoritäten gegen ein Todesurteil.

Schon lange gehören Filme aus der Volksrepublik auch zum Programm des Golden Horse Festivals in Taipei. Die Annäherung zwischen den beiden ungleichen Ländern auf dem Festland und auf der Insel personifiziert Hou Hsiao-Hsien, der nicht nur als großer Vorsitzender und Schutzpatron über dem Festival schwebt, sondern sich unter die Fans mischt und bei zahlrei-chen offenen Empfängen wie König Artus mit seinen Rittern der Tafelrunde zu Tisch bittet. Nach der letzten Vorstellung kann man dann schon mal einen volkschinesischen und einen taiwanesischen Regisseur beobachten, wie sie losziehen und sich Arm in Arm auf einer Karaoke-Bühne produzieren.

Neben dem Wettbewerb war die Hommage an den Kameramann Mark Lee Ping-Bing der unbestrittene Höhepunkt des Festivals. Zwei Filme ragen heraus. Der erste beginnt mit einer berühmten Dorfszene. Die starre Kamera schaut in verwinkelte Innenräume, auf schäbige Hinterhöfe, über staubige Straßen mit ärmlichen Hütten, dazu hört man aus dem Off den traurigen Monolog mit Kindheitserinnerungen. Am Anfang des nächsten Films steht eine schwarze Leinwand, auf der allmählich ein heller Fleck zu erkennen ist, der zum Licht am Ende eines Tunnels wird. Dann erscheint ein Zug, im Abteil sieht man die beiden Hauptpersonen auf der Reise aus ihrem Heimatdorf in die Hauptstadt.

Die beiden Filme stammen von Hou Hsiao-Hsien und gelten als Meilensteine für das neue taiwanesische Kino. Hou wurde gerade noch in Festland-China geboren, ehe sich seine Familie 1948 dem Exodus nach Taiwan anschloss. The Time to Live and the Time to Die (1985) ist eine autobiografische Reflexion seiner Jugend und der historischen Umbrüche seines Landes; Dust in the Wind (1986) zeigt ein junges Paar bei seinem Aufbruch in die Welt der Erwachsenen. Von Anfang an sind bei Hou Bewegung und Licht auf ein Minimum reduziert, es scheint, als wolle man aus den im Dunkel verborgenen Schichten Fragmente hervorholen, die sich erst nach und nach zu einem sinnvollen Ganzen fügen.

Mark Lee Ping-Bing fotografiert in der Folge die meisten Filme Hous und trägt unvergessliche Bilder und Szenen zur Filmgeschichte bei: von der Wiederbelebung chinesischer Malerei und des Figurentheaters in The Puppet Master (1993) über Flowers of Shanghai (1998) bis hin zu Hous französischer Produktion Flight of the Red Balloon (2007). Das Festival ehrte den bedeutenden Kameramann mit einer Retrospektive von zehn seiner über 40 Filme und mit der Premiere eines Films über seinen Stil und seine Arbeitweise, Let the Wind Carry Me. Dem westlichen Betrachter erscheint Mark Lee als ein Mischung aus einem Samurai-Kämpfer und dem jungen Charles Bronson; in der Dokumentation über ihn nennen ihn die beiden Autoren Chiang Hsiu-Chiung und Kwan Pun-Leung einen „Dichter von Licht und Schatten“, und Hou Hsiao-Hsien beschreibt ihre Zusammenarbeit so: Im Gegensatz etwa zu Hitchcock, der immer mit einer festen Konzeption, mit der fertigen Einstellung im Kopf auf den Set kam, ändere er, Hou, seinen Plan andauernd. Er erklärt nichts genau, die Darsteller proben nicht viel, keiner weiß vorher, wohin er sich zu bewegen und wie er die Geschichte zu interpretieren hat. So ist es Sache des Kameramannes, den richtigen Platz für die beste Einstellung und den besten Blick auf die Figuren zu finden. Er verwirklicht seine eigene Vision, die in der Dokumentation mit „glamorous realism“ beschrieben wird.

Glamour und Realismus könnten das Motto des ganzen Festivals sein. Mit dem eigentlichen Wettbewerb hat es eine besondere Bewandtnis: Aus allen chinesischsprachigen Filmen werden die Kandidaten für die Golden Horse Awards bestimmt – in denselben Kategorien wie bei den Oscars. In dem bekannten Ritual mit berühmten Präsentatoren und glücklichen Gewinnern übergab natürlich Mark Lee Ping-Bing den Preis für die beste Kamera, und zwar an Cao Yu für City of Life and Death.

Die melodramatischen Höhepunkte der Zeremonie rankten sich um den Film No puedo vivir sin ti („Ich kann nicht leben ohne dich“), trotz seines spanischen Titels eine rein taiwanesische Produktion. Seine Entstehung ist eine Story für sich, die an den ehemaligen Zeitungsreporter Sam Fuller erinnert. Ein realer Fall: Ein Mann lebt mit seiner Tochter zusammen und gerät in das Räderwerk von Justiz- und Verwaltungsbestimmungen, die der Mutter das Sorgerecht übertragen wollen. Als der Vater in seinem Kampf um das Kind gegen die Paragraphen keinen Ausweg mehr sieht, stellt er sich mit der Kleinen auf eine Brücke und droht, sich in die Tiefe zu stürzen. Radio, Fernsehen, Presse greifen den Fall auf, darunter der Reporter Chen Wen-Pin. Der Vater kommt kurz ins Gefängnis, die Tochter in ein Internat, der Reporter ist der einzige, der an dem Fall dranbleibt. Aus seinen dokumentarischen Berichten macht er ein Drehbuch, der Regisseur Leon Dai dreht danach den Film, in Schwarzweiß, für wenig Geld und mit Chen Wen-Pin in der Hauptrolle des Vaters.

Der Film wird für neun Kategorien nominiert und bekommt zunächst die Preise für Bestes Drehbuch und für den taiwa-nesischen Film des Jahres. Da ist der Jubel schon groß, dann aber steht mit Hou Hsiao-Hsien, Stanley Kwan, Ang Lee und Du Chi-Feng die geballte Regisseurs-Prominenz auf der Bühne und übergibt den Golden Horse Award für den Besten Regisseur an Leon Dai. Der ist überwältigt, zu Tränen gerührt, bringt kaum noch ein Wort heraus. Kurze Pause, dann der Beste Spielfilm: Diesmal kommt Leon Dai mit seiner ganzen Crew auf die Bühne. Den Preis übergibt niemand Geringerer als Maggie Cheung, die glänzendste Personifizierung filmischen Glamours.