Clint Eastwood – Spektakel aus sicherer Entfernung

Spektakel aus sicherer Entfernung

| Michael Pekler |

Nur wenige Jahre nach der ersten Flaggenhissung hat Allan Dwan mit„Sands of Iwo Jima“ (1949) den legendären Moment im Kino nachgestellt.

Amerikas Hauptwaffen sind Strümpfe, Zigaretten und andere Waren“, wird Josef Stalin zitiert, und angesichts von Allan Dwans Sands of Iwo Jima müsste es einmal mehr heißen: und Unterhaltungsfilme. Vier Jahre nach Kriegsende kam der erste Iwo Jima-Film ins Kino, feierte Allan Dwans Inszenierung der Ereignisse auf der kleinen Pazifikinsel an Weihnachten 1949 seine Premiere – zu einer Zeit, in der die amerikanischen Militärausgaben kontinuierlich in die Höhe kletterten (und in erster Linie in Atombomben angelegt wurden). Während also die US-Streitkräfte vor dem Krieg in Korea auf einen Höchststand zu- und in den nächsten Krieg hineinsteuerten, hatte sich die kleine Republic Pictures die Unterstützung des US Marine Corps gesichert, John Wayne für die Hauptrolle engagiert und von den Autoren Harry Brown und James Edward Grant ein Drehbuch schreiben lassen, das die zu diesem Zeitpunkt bereits legendäre Flaggenhissung als großes Finale sehen sollte. Sogar die drei Überlebenden von 1945 bekamen kleine Gastauftritte.

Interessanter als die Frage nach einer genauen Rekonstruktion der Ereignisse, die Dwan natürlich ohnehin nicht vorhatte, ist aus heutiger Sicht an Sands of Iwo Jima der Zusammenschnitt von Spielszenen und dokumentarischem Material aus den Militärarchiven. Denn zwischen jenen Szenen, in denen US-Soldaten als Komparsen das Tarawa-Atoll im Jahr 1943 und am Ende des Films Iwo Jima stürmen, sterben in den Archivaufnahmen ebenfalls echte Soldaten, diesmal aber einen unsichtbaren Tod: Feuerwerfer, Granaten, Artillerie – das wirkliche und wirksame Schauspiel findet hier statt, in einer Wirklichkeit, wo die „Naturgesetze ihre Gültigkeit verloren haben.“ (Ernst Jünger) Und doch ist es ein Spektakel aus sicherer Distanz, noch sind die eingebetteten Kameramänner mehr Beobachter denn selbst Akteure.

Die Spielszenen, in denen John Wayne Briefe an seinen Sohn schreibt, die dieser nie beantwortet (wieder so ein Soldat, den seine Frau verlassen hat) oder in denen ein junger Rekrut – sozusagen als Gegenmodell –  die Nachricht erhält, Vater geworden zu sein, wirken dagegen wie Zwischenspiele vor dem Vorhang. „So hätte das sein können“, scheinen sie zu sagen, „was wir nicht gesehen haben.“ – „So war es wirklich“, behaupten die Archivaufnahmen, „und wir, die echten Soldaten, haben es gesehen.“

Der klügste Schachzug Dwans bleibt somit die Aufteilung in Akteure und Zuschauer: Denn es sind gar nicht John Wayne und seine Männer, die die US-Flagge hissen, sondern sie sind – wie wir – bloß Zuschauer. Doch es ist ihre Perspektive, die wir übernehmen und die im entscheidenden Moment zum Standbild gefriert. Bewunderung und Erstaunen schreiben sich in diesem Augenblick ob der Unfassbarkeit des Geschehens in ihren Gesichtern ein. Sie führen unseren Stellvertreterkrieg auf dem Schlachtfeld Kino.