Close Film

Filmstart

Close

| Ania Gleich |
Nähe zwischen Angst und Zärtlichkeit

Von Happy-go-lucky zur gnadenlosen Selbstreflexion: Lukas Dhont schafft es mit Close in knapp hundert Minuten eine solche Spannung aufzubauen, dass man gegen Ende fast schon gebrochen werden will. Dabei wird der junge belgische Regisseur in keiner Sekunde moralisierend oder pathetisch, sondern zeigt die Dinge lediglich wie sie sind – nur eben besonders „close“. Und wenn man in den letzten zwanzig Minuten die durchdringende Nähe nicht mehr erträgt, verhelfen funktionierende Tränendrüsen durchaus zur Entlastung.

Leó (Eden Dambrine) und Rémi (Gustav de Waele) verstehen sich ohne Worte. Die beiden Jungen teilen eine Liebe, die so selbstverständlich wie bedingungslos wirkt, dass man absolut nichts daran in Frage stellen würde. Und in ihrer kleinen Welt gibt es auch keinen Grund, warum die beiden irgendetwas an ihrer Verbundenheit hinterfragen sollten. Bis das Außen an die Türe klopft: Schulbeginn. Eine neue Schule, fremde Kinder und ein unterschwelliger Teppich an sozialen Wertvorstellungen, die Leó plötzlich ins Wanken bringen. Ohne mit einer Klischee-Keule zu schwingen, zeigt Dhont auf, wie sich Heteronormativität mit ihren unausgesprochenen Regeln als soziales Konstrukt schleichend in den Köpfen der Kinder etabliert. Nähe wird tabuisiert. Die Vertrautheit hinterfragt. Doch Rémi versteht das nicht. Seine Liebe zu Leó lässt sich nicht so einfach brechen. Dennoch stellen Leós Abweisungen seine gesamte Welt auf den Kopf. Und plötzlich kippt Close in eine Geschichte voller Trauer und vermeintlicher Schuld. Die Kamera bleibt trotzdem ganz nah an ihren Protagonisten. Man will wegschauen und bleibt trotzdem gebannt vom Thrill, den ein Blick auslösen kann. Es trifft tief, wenn jemand von einem Tag auf den anderen sein Gesicht verliert. Noch tiefer, wenn der Mensch ganz verschwindet.

Dhont spielt mit dem Gefühl und wir können nicht anders als mitzugehen. Bewiesenermaßen tut es weh, wenn man jemandem lange in die Augen schaut. Denn hinter jedem Lächeln liegt irgendwo doch auch Schmerz. Genau dann schaut Close nicht weg, sondern hält die Kamera noch näher hin. Das Spiel zwischen Kameramann Frank van den Eeden und den Darstellern ist ein sensibler Drahtseilakt: Man wird auch als Zuschauerin plötzlich ganz leise. Die Augen halten sich an dem Schweigen fest. Die Spannung bricht unbemerkt. Denn näher geht es nicht. Wirklich nicht.