Confession of a creative mind

| Roman Scheiber |

Erzwungen, stillschweigend und erfunden: Verschiedene Arten von Geständnissen konjugiert „Breaking Bad“, S5E11 (Confessions). Spoiler-Alert.

It’s time for talking. Zeit zu reden, Zeit zu überreden, Zeit zu verhandeln, Zeit zu gestehen. Denn es ist immer noch Pay-Off-Zeit. Die Einlösung eines Hauptversprechens der monumentalen Erzählung „Breaking Bad“ dauert an: Wie gehen die Haupt-Figuren Hank und Marie, Schwager und Schwester der Whites, mit dem Einsturz des über 40 Erzählstunden Stockwerk für Stockwerk gebauten Lügengebäudes um? Genauer: Wie können sie jetzt noch beeinflusst werden, zum Teil der Lüge zu werden? Und wie geht Jesse damit um, dass er zusammen mit Walt aufzufliegen droht? Nicht nur geben Vince Gilligan und seine sechs Schreiber in dieser Folge (Credit: Gennifer Hutchison) darauf eine exzellente Antwort, sondern bieten Skript und Regie wieder, regelmäßig seit Beginn der letzten Halbseason, allen Haupt-Akteuren (diesmal auch RJ Mitte) die Gelegenheit, exorbitant emotionale Momente zu spielen – zum Teil im intimen Close-up. Wie die vorige nimmt auch diese Episode sich zumal in der ersten halben Stunde viel Zeit für die einzelnen Begegnungen und hält sich wenig mit Nebengeräuschen auf. Sie ist reich an „Oral History“, weniger in Form von Dialogen, vielmehr als Austausch von Monologen.

Wir skippen den Vorspann, in dem Nachwuchskoch Todd seinem Nazi-Onkel die gloriose Geschichte des Zugdiebstahls aus Episode 5 erzählt und dabei den Mord an dem Biker-Kid auslässt. Jesse ist von den vielen Verhörstunden (illustriert durch eine hübsche Zeitraffer-Szene) ein Bart gewachsen. Nach Anwalt Saul hat er im Unterschied zu früheren Festnahmen nicht gefragt. Hank will ihn zum Auspacken bewegen, scheitert aber zwangsläufig (noch einmal wird Hanks Auszucker nach dem fiesen Leger kurz vor seiner Enttarnung des Meth-Campers in Season 3 bestraft). Zur Abwechslung einmal nicht künstlich, sondern ehrlich aufgeregt poltert Saul, der in den Nachrichten von Jesses „little Charity“-Ausflug gehört hat, in den Verhörraum. „I won‘t chill out, cause this has gone nuclear.“ Kurz vor dem Ende der Folge wird Saul unter vorgehaltener Waffe Jesse gestehen, dass Walt ihn damals beauftragt hatte, von Jesse die Rizin-Zigarette zu stehlen (mit der Walt bekanntlich Brock, den Sohn von Jesses damaliger Freundin, vergiftet hat). Denn in letzter Minute vor der Flucht (nach Alaska!) hatte Jesse am geplanten Treffpunkt mit seinem Chauffeur in die neue Identität – vor dem Tableau eines wie ein Gräberfeld wirkenden Lärmschutzwalls – durch eine kleine Analogie des Taschenziehens einen Geistesblitz. Kurz vor dem Cliffhanger also, wenn der von Saul informierte Walt einen versteckten Revolver hervorholt und wenn Jesse das Haus der Whites in Rage mit Benzin vollspritzt, zieht das Tempo nach vielen emotional intensiven, aber relativ gedehnten Szenen wieder einmal ordentlich an. Wobei wir aus dem Opener der Halbseason wissen, dass das Haus zumindest nicht niederbrennen wird. (Walt im Flashback zu Beginn der Abschlussfolge von Season 3, als die jungen Whites das Haus gekauft haben: „Why be cautious? We got nowhere to go but up.“)

Das Zentrum der Episode hat es in sich. Davor kriegt Walt den arg gebeutelten Jesse in einer der legendären, heiklen Wüstenszenen der Serie noch einmal herum: Trotz Abscheu (weil ihm bewusst ist, dass er von Walt ständig belogen und manipuliert wird) und trotz Walts stillschweigendem Geständnis, dass er Jesses anderen Ersatzvater Mike ermordet hat, lässt Jesse sich tränenreich von ihm umarmen. Nach der zentralen Sequenz jedoch sehen wir Walt in einer kurzen Szene mit Skyler, die kaum Notiz von ihm nimmt, im Büro der Autowaschanlage in der Tür stehen: Herr Weiß ist nunmehr vollständig zu einer schwarzen Silhouette degeneriert. Denn was er im Beisein von Skyler in eine Videokamera „gestanden“ hat (da durften wir uns noch kurz erinnern an sein ehrliches Videogeständnis am Ende der Pilotepisode), ist schlicht unfassbar. Nach einem gescheiterten „Verhandlungs“-Treffen von Walt, Sky, Hank und Marie beim Disney-Mexikaner, aufgelockert durch einen übermotivierten Kellner, legt Walt ihnen das Video hin. Daheim schauen die Schraders es im Stehen, und es enthält, was sich in den gegengeschnittenen Gesichtern der beiden spiegelt: Eine durchgängig plausible Theorie, dass Hank der Drogenbaron und Walt sein Kochknecht war – während die Kamera immer näher auf das Videobild fährt, sodass Walter Whites mittlerweile zu einer perfektionierten Lügenmaske mutiertes Antlitz sich auf dem Schirm in seine Einzelteile auflöst. Dass Marie damals Walts angeblich beim Glücksspiel gewonnenes Geld für Hanks Behandlung angenommen hat, sei nun „the last nail on the coffin“, so Hank. Wer aus diesem ganzen Schlamassel nur im Sarg herauskommt, bleibt indes weiter offen. Theorien dazu gab es vorige Woche an dieser Stelle.