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Jella Haase © Linda Rosa Saal

Gentle Monster

Cool und konsequent

| Pamela Jahn |
Bekannt wurde Jella Haase als Proll-Ikone Chantal im deutschen Kino-Phänomen „Fack ju Göhte“. In Marie Kreutzers „Gentle Monster“ ermittelt sie nun als Polizistin im Bereich Pädokriminalität. Im Mai feierte der Film an der Côte d’Azur Weltpremiere. Anlass für eine Begegnung mit der wunderbar wandelbaren Schauspielerin über den Dächern von Cannes.

Lässig schlendert Jella Haase durch die Hotel-Lobby des noblen Le Gray d’Albion in Cannes. An der Rezeption ein ständiges Kommen, kein Gehen. Die Filmfestspiele stehen unmittelbar bevor, am Abend wird an der Croisette große Eröffnung gefeiert. Die deutsche Schauspielerin ist zum ersten Mal dabei, und gleich mit einem Film im Wettbewerb: Gentle Monster von der Grazer Regisseurin Marie Kreutzer, die sich nach dem unkonformen Sisi-Drama Corsage (2022) in ihrem neuen Film mit den Komplexitäten von Kindesmissbrauch im Internet auseinandersetzt.

Léa Seydoux spielt darin eine erfolgreiche Pianistin, Ehefrau und Mutter, deren Leben aus den Fugen gerät, als plötzlich die Kriminalbeamtin Elsa Kühn (Haase) mit Verstärkung in ihrem gerade frisch bezogenen Zuhause außerhalb von München auftaucht, um ihren Ehemann über seine Beziehung zu dem gemeinsamen Sohn zu befragen. Laptops werden konfisziert, Dateien geprüft. Im Laufe des Verfahrens verdichten sich Beweise, Lügen und Geheimnisse. Doch einfach ist es mit der Wahrheit selten. Immer wieder verdreht und verschiebt Kreutzer das Mögliche und das Wirkliche, bis ein beunruhigendes Vakuum entsteht. Noch stärker als der Angeklagte rücken dabei die beiden Frauen in den Vordergrund, die sich jeweils in einem toxischen Abhängigkeitsverhältnis aus Pflichtbewusstsein, Fürsorge und Loyalität gegenüber den Männern in ihrem Leben gefangen sehen. 

Elsa Kühn, sagt Haase in ihrem Hotelzimmer mit Blick über die Stadt, übe ihren Beruf mit Stolz und Leidenschaft aus. Privat fällt es der gewissenhaften Polizistin umso schwerer, objektiv zu bleiben, wenn sie sich mit den Verfehlungen ihres kranken Vaters auseinandersetzen muss. Für die 1992 in Kreuzberg geborene Berlinerin liegt darin das Spannungspotenzial ihrer Figur. Die Rolle bedeutete für die Schauspielerin einen weiteren Schritt ins Ungewisse, Offene, auch Riskante. Seit Haase 2013 als prollige Zehntklässlerin Chantal in Fack ju Göhte der Durchbruch gelang, betritt sie mit fast jedem neuen Projekt unbekanntes Terrain. Davon zeugt ihr famoser Auftritt als Mietze in Burhan Qurbanis Kino-Adaption von Berlin Alexanderplatz (2020) ebenso wie ihre preisgekrönte Darstellung der jungen Katharina Thalbach in Lieber Thomas (2023) über das Leben des Ost-Berliner Schriftstellers Thomas Brasch. Von ihren Erfolgen spricht Haase unprätenzös und mit viel Bodenhaftung. Aus der frechen Göre in Lollipop Monster (2011) und dem Neonazi-Mädchen Svenja in Kriegerin (2011) sind längst komplexe Frauenrollen geworden. Manchmal ernst, manchmal ein bisschen verrückt, im besten Fall beides, wie ihre inoffizielle Stasi-Agentin in der Netflix-Serie Kleo, die nach dem Mauerfall mit Verve und Killerinstinkt auf Rache sinnt. Den Bogen muss man schauspielerisch erst mal schlagen können. Jella Haase will ihn zukünftig noch ein bisschen weiter spannen.

Das Interview lesen Sie in unserer Printausgabe 03/26.

Frau Haase, Sie spielen in „Gentle Monster“ eine Polizistin. Schlummert auch eine Tatort-Kommissarin in Ihnen?
Nein, momentan ist es nicht das, wonach ich suche.

Was hat Sie an dieser Figur Elsa Kühn gereizt?
Da muss ich ein bisschen weiter ausholen, weil sich mir durch Elsa eine komplett neue Welt eröffnet hat, mit der ich zuvor keine Berührungspunkte hatte. Aber schon sehr früh in der Recherche durften wir ins Kommissariat 17 in München gehen, das auch im Film zu sehen ist. Ich habe dort viel über die Polizeiarbeit gelernt, und gleichzeitig war es für mich erschreckend zu erfahren, was für eine ungeheure Dimension an Pädokriminalität es gibt, mit der wir uns in unserem alltäglichen Leben nicht auseinandersetzen, weil darüber viel zu wenig berichtet wird.

Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis?
Wie mit Kindern im Internet umgegangen wird, und wie groß die Gefahr tatsächlich ist, die von Cybergrooming ausgeht. Es hat regelrecht pandemische Ausmaße, und jedes Bild, das wir von einem Kind im Internet teilen, kann theoretisch in irgendeinem Forum landen, wenn man Pech hat. 

Sehen Sie nach dieser Erfahrung Männer, vielleicht auch Frauen, mit anderen Augen an?
In gewisser Weise schon. Es gehört sogar dazu, dass wir uns bewusst machen, dass die Täter eben auch Teil unseres unmittelbaren Umfelds sein können, beste Freunde, unsere Väter oder Ehemänner. Das ist eine schmerzliche Wahrheit, der wir alle uns potenziell stellen müssen, wenn wir wirklich präventiv agieren wollen. Aber klar, auch die Polizistin, die ich begleiten durfte, hat gesagt: Erstmal kann man keinem mehr trauen.

Sie haben früh in Ihrer Karriere eine junge Neonazi-Anhängerin und eine minderjährige Prostituierte gespielt, also auf der anderen Seite des  Gesetzes gestanden. Wo fühlen Sie sich vor der Kamera wohler?
Das Gesetz zu brechen macht natürlich mehr Spaß, aber die größere Herausforderung ist eine Figur zu spielen, die sich an die Regeln hält und dabei trotzdem eine extreme Eigenwilligkeit zum Ausdruck bringt. Jemanden, der sehr angepasst wirkt, irgendwie unangepasst zu machen. Elsa ist so ein Typ.

Von Ihrer schwierigen Arbeit lenkt sich Elsa im Auto mit lautstarkem Deutsch-Rap ab, um den Druck rauszunehmen. Anderen Menschen, auch ihrer Familie gegenüber wirkt sie dagegen sehr introvertiert. Wie haben Sie sich selbst diese Figur erschlossen?
Für mich sollte Elsa nicht nur Polizistin, sondern auch richtig cool sein. Ich habe großen Respekt vor den Beamten, die ich kennengelernt habe. Viele sagen, sie bleiben dabei, weil sie sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst sind, auch wenn es manchmal hart ist. Elsa formuliert es im Film so: „Der erste Job, der wirklich Sinn macht.“ Sie ist selbst moralisch vielleicht nicht einwandfrei, wenn man sich ihre private Situation genauer anschaut, aber sie kämpft für das Richtige. Diese Doppelbödigkeit in ihrem Charakter fand ich sehr spannend.
Sie haben die Ambivalenz der Figur bereits angesprochen. Elsas Vater belästigt seine Haushaltshilfe. Aber aus Angst, mit der Pflege allein dazustehen, versucht sie die Frau zum Bleiben zu überreden. Genau, die Fragen, die daraus entstehen, haben mich sehr beschäftigt: Wo drücken wir ein Auge zu? Wann verschließen wir wissentlich die Augen, weil es zu unbequem ist oder zu schmerzhaft? Wie können wir trotzdem unserem moralischen Kompass folgen?

Auch das Verhältnis zwischen Elsa und Léa Seydoux’ Figur der betroffenen Mutter ist angespannt. Wie haben Sie beide sich darauf vorbereitet?
Ich fülle meine Figuren gerne mit Empathie aus, die man zeigen kann. Diesmal war es jedoch hilfreich, dass Marie Lea und mich im Vorhinein nicht zusammenbringen wollte, um dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihnen länger aufrechtzuerhalten. Das war zusätzlich herausfordernd für mich, in eine Arbeit zu gehen, ohne sich vorher zu kennen oder zu proben. Auch dieses sehr reduzierte Spielen war eine neue Erfahrung. 

Sie sind sehr selbstkritisch, wenn Sie über Ihre Arbeit sprechen. Gehen Sie manchmal strenger mit sich um, weil Sie keine klassische Schauspielausbildung absolviert haben?
Als künstlerischer, kreativer Mensch geht man immer hart mit sich ins Gericht. Mein eigener Anspruch, mich nicht wiederholen zu wollen, in dem, was ich tue, führt unweigerlich dazu,  dass ich oft ins kalte Wasser springe, und mir Figuren erobern muss, die man vielleicht auf den ersten Blick nicht unbedingt mit mir in Verbindung bringt. In der Hinsicht bin ich Marie sehr dankbar, weil auch Elsa fast eine Anti-Besetzung ist, also definitiv gegen den Strich.

Es klingt fast so, als hätten Sie Angst davor, zur sehr in der eigenen Komfortzone zu verharren?
Vielleicht eher so: Ich will mich in meinem Beruf nicht langweilen. Wenn ich merke, ah, jetzt spiele ich meinen Stiefel, da werde ich schnell sauer auf mich selbst. Ähnlich geht es mir, wenn ich ein schlecht geschriebenes Drehbuch lese, da werde ich manchmal richtig wütend, weil ich mir vorstellen kann, wie schwer es ist, ein gutes Buch zu schreiben, und das Talent ist natürlich nicht jedem gegeben, aber ich bin echt überrascht über die Qualität von gewissen Dingen. Natürlich ist es immer einfacher, sich in dem auszuruhen, was man gemacht hat. Das wäre nach Chantal definitiv möglich gewesen. Danach kamen viele Anfragen in dem gleichen Tenor. Aber das wollte ich eben genau nicht.

Sind Sie heute manchmal genervt, dass man Sie immer noch so eng mit der Rolle verbindet?
Nicht mehr, ich mag die Figur mittlerweile. Ich kann sie annehmen und weiß, wieviel mir dadurch geschenkt worden ist im Leben, insbesondere von den jungen Menschen, die bis heute mit klopfendem Herzen vor mir stehen, wenn sie mich auf der Straße treffen. 

Können Sie nachvollziehen, warum die Figur einen derartigen Nerv unter Jugendlichen getroffen hat?
Damals habe ich den Hype nicht verstehen können. Das passiert plötzlich um einen herum, aber man ist trotzdem noch die gleiche Person. Was ich immer gehofft habe, ist, dass die Mädels und vielleicht auch die Jungs Chantal witzig finden, mutig und empowernd. 

War Ihre Rolle der Kleo in der gleichnamigen Netflix-Serie für Sie eine Art Befreiungsschlag?
Nein, damals kam ich gerade aus einem zweijährigen Engagement an der Volksbühne und hatte mittlerweile ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich verspürte in der Zeit eine unfassbar große, morbide Spiellust. Durchs Theater habe ich noch einmal auf eine ganz andere Art gelernt, mich zu trauen, mich anzubieten, Sachen im Spiel mitzunehmen, auch den Raum einzunehmen – und gleichzeitig aber auch wieder in eine filmische Form des Erzählens zu finden. Kleo ist insofern das Ergebnis dieses Prozesses.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, sich für einen längeren Zeitraum ans Theater zu binden?
Ich wäre damals vielleicht länger geblieben und würde das auch für die Zukunft nicht ausschließen. Aber grundsätzlich, muss sich das Theater in der Hinsicht ein bisschen reformieren – Dreharbeiten und Bühne, das muss sich nicht unbedingt immer kategorisch ausschließen. Und es funktioniert ja auch an manchen Häusern. 

Worin liegt das Problem?
In den nach wie vor sehr hierarchischen Strukturen, und dass man als Ensemblemitglied fast eine Leibeigenschaft eingeht. Dafür bin ich persönlich viel zu unabhängig, als dass ich mich so komplett verpflichten lassen wollen würde. Aber grundsätzlich kann man sich immer irgendwo treffen. Und dass es funktionieren kann, zeigen Kolleginnen und Kollegen wie Sandra Hüller, Nina Hoss oder Lars Eidinger, die selbst auch immer wieder zum Theater zurückfinden beziehungsweise beides parallel laufen lassen. Ich würde mir nur wünschen, dass es mehr Leuten, die nicht diesen Bekanntheitsgrad genießen, möglich gemacht werden würde.

In „Kleo“ spielen Sie eine fiktive Auftragsmörderin, die für die Stasi arbeitet, bis sie vom eigenen Regime verraten wird, und die sich nach dem Mauerfall auf einen Rachefeldzug gegen die Verantwortlichen begibt. Wird man da nicht erst mal stutzig, wenn man das auf dem Papier liest?
Ja, definitiv, und ich habe lange gezögert, ob ich das machen will und kann und darf. Ich bin in der Nachwendzeit aufgewachsen, im westlichen Teil Berlins, aber irgendwie ist der Osten zu mir gekommen. Und in dem Fall kann ich sagen, dass wir uns mit einer enormen Hingabe und so explizit mit der Thematik beschäftigt haben, dass es mir am Ende die Angst genommen hat, auch die Zweifel, den Part zu übernehmen. Eben weil in der Serie kein Ost-Bashing betrieben wird, sondern man trotz der Überhöhung die Liebe zu den Figuren und zu der Zeit spürt.

Verstehen Sie durch die Auseinandersetzung mit der Rolle ein Stück weit besser, was sich gerade politisch und gesellschaftlich in Deutschland verschiebt?
Dass die Politik in den neuen Bundesländern versagt hat, ist keine Frage. Es lässt sich sicher nicht pauschalisieren, aber da sind ganz große Fehler gemacht worden, und ich bin bestürzt darüber, dass so wenig Verantwortung übernommen wird von den heute regierenden Parteien für das, was damals passiert ist. Dazu kommt: Es gab Gegenentwürfe, um den Osten besser anzubinden, und generell hätte es mehr Zeit gebraucht für den Strukturwandel. Natürlich kann man damit nicht alles rechtfertigen, aber vieles schon.