Animationskünstler Henry Selick über Coraline und 3D in Verbindung mit Stop-Motion-Tricktechnik.
Er lernte das Trick-Handwerk in den Disney-Studios, inszenierte für Tim Burton den Puppenfilm Nightmare before Christmas (1993) und danach James and the Giant Peach (1996). In Coraline, der Verfilmung des Beststellers von Fantasy-Autor Neil Gaiman, erzählt Henry Selick von einem mutigen Mädchen, das auf der anderen Seite einer geheimnisvollen Tür eine wundersame Welt erlebt. Selick erweckt seine Figuren dabei mit der guten alten Stop-Motion-Technik zum Leben, jener Einzelbildschaltung, mit der einst King Kong, die Kreaturen von Ray Harryhausen oder die Plastilinfiguren von Aardman Animations in Bewegung kamen. Bahnbrechend bei Coraline ist die erstmalige Anwendung der 3D-Technik für einen Stop-Motion-Film.
Kennen Sie die deutsche Trickfilm-Pionierin Lotte Reiniger?
Ich bin mit den Arbeiten von Reiniger aufgewachsen, allerdings wurden immer nur Ausschnitte ihrer Filme gezeigt. Später an der Universität habe ich erfahren, wer sie ist, und wir konnten ihr gesamtes Werk anschauen. Diese Frau war großartig, sie hat den ersten abendfüllenden Trickfilm geschaffen.
Was würde Animations-Pionier Ray Harryhausen zu Ihrer Coraline sagen?
Ich habe Ray Harryhausen einige Male getroffen. Er ist ein sehr großzügiger und freundlicher Mensch. Er würde den Film wohl schon allein deswegen mögen, weil er sich über jedes Werk freut, in dem Stop-Motion-Technik zur Anwendung kommt.
In Nightmare before Christmas hatten Ihre kleinen Helden eine Bandbreite von 150 verschiedenen Gesichtsausdrücken, Coraline bringt es inzwischen auf mehr als 200.000.
Coraline ist ein Mensch, sie benötigt also wesentlich mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Wenn man 100 verschiedene Möglichkeiten für die Augenbrauen mit 120 Varianten für den Mund multipliziert, steigt rein rechnerisch die Zahl der Möglichkeiten natürlich sehr schnell – aber man sollte diese Zahlen letztlich nicht überbewerten.
Wie weit ist technische Perfektion eine Bedrohung für den Charme der Stop-Motion-Technik?
Das ist tatsächlich ein ständiger Kampf. Wir suchen immer nach den besten Lösungen bei der Umsetzung, aber mit purer Perfektion würde der Film seine Seele verlieren. Ganz abgesehen davon, dass wir beim Rennen gegen CGI, also gegen die computergenerierten Effekte, ohnehin keine Chance hätten. Wir besinnen uns lieber bewusst auf das Handwerk. Es macht also überhaupt nichts, wenn einige Stellen ruckeln – so spürt jeder, dass diese Effekte von einem Künstler mit der Hand gemacht wurden.
Sind diese handgemachten Filme durch den enormen Personalaufwand nicht wesentlich teurer als die Trickfilme aus dem Computer?
Erstaunlicherweise kosten unsere Filme nur ein Drittel einer Produktion von Pixar oder Dreamworks. Richtig erklären kann ich das auch nicht, die höheren Kosten hängen sicher damit zusammen, dass die großen Animationsstudios in starker Konkurrenz zu einander stehen. Die sind die großen Jungs, wir spielen in unserer Nische.
Finden Sie überhaupt noch genügend Künstler, die die Stop-Motion-Technik beherrschen?
Ein Drittel des Teams stammt noch von Nightmare, hinzu kommen sehr viele internationale Mitarbeiter: von England über Deutschland und Kanada bis nach Neuseeland. Die Welt der Stop-Motion ist klein, da weiß jeder sofort, wenn ein Projekt geplant wird.
Coraline ist der erste Stop-Motion-Film in 3D – welche zusätzlichen Probleme bringt dieses Verfahren?
Es macht die Arbeit natürlich nicht leichter! In den ersten vier Monaten wollten wir uns jeden Tag erschießen! (lacht) Aber nach ein wenig Übung lief alles wunderbar. Entscheidend finde ich, dass man das neue Werkzeug nicht als bloße Spielerei verwendet, sondern dass es immer im Dienst der Handlung steht. Die Zuschauer sollen in die Handlung hineingezogen werden, so wie auch unsere kleine Heldin immer mehr in die Geschichte gezogen wird.
Knöpfe statt Augen, spitze Nadeln – ist das alles nicht etwas brutal für Kinder?
Da kann ich nur auf die Brüder Grimm verweisen. Im Märchen haben solche düsteren Elemente eine sehr lange Tradition. Kinder werden davor gewarnt, zu große Wünsche zu haben oder sich an dunkle Orte zu begeben. Die Vorlage von Neil Gaiman ist eine Mischung aus Alice im Wunderland und Hänsel und Gretel. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder sich gern bei Geschichten fürchten – solange am Ende das Gute gewinnt.
Wie kommt Teri Hatcher als Synchronstimme der Mutter in den Film? Sind Sie ein Fan von „Desperate Housewives“?
Fans von Desperate Housewives sind wohl eher meine Frau und meine schwulen Freunde (lacht). Als erstes hatten wir Dakota Fanning als Stimme von Coraline gefunden. Darauf habe ich mir für die Stimme der Mutter sehr viele Schauspielerinnen angehört – und bei Teri war ich sofort begeistert. Die Stimmen spielen eine sehr große Rolle bei Animationsfilmen, deswegen betreiben wir dafür einen sehr großen Aufwand.
Noch einmal zu 3D: Welche Rolle spielt für Sie, dass Raubkopieren damit kaum noch möglich ist?
Für mich als Künstler spielt das keine besondere Rolle, für die Verleiher ist es natürlich ein schöner Bonus. Allerdings weiß niemand, wann auch solche 3D-Filme illegal kopiert werden können – die Piraten sind schließlich ziemlich clever.
Nicht jedes Kino hat die 3D-Technik, auch auf DVD wird das wohl schwierig werden.
Auf Blu-ray wird man ein exzellentes Bilderlebnis bekommen – aber ich gebe zu, dass es zum 3D-Erlebnis auf der großen Leinwand keine Alternative gibt. Philips entwickelt ein Verfahren für 3D-Darstellung ohne Brille, aber das ist wohl noch Zukunftsmusik. Für die nächsten fünf Jahre kommt man wohl nur im Kino in den wirklich vollen 3D-Genuss.
