Mit seinem Schauerfilm „Crimson Peak“ kehrt Guillermo del Toro zu den Sensibilitäten seiner mexikanischen Filme zurück.
Guillermo del Toro hat seine Liebe für schaurig-schöne, beseelte Monster mit einer Leidenschaft für fantastische Literatur kombiniert, doch ist der mexikanische Regisseur trotz seiner prägnanten Handschrift erfrischend schwer einzuordnen. Er liebt all seine Kreaturen, aber der bleiche Pan in Pans Labyrinth (2006)ist in seinen Augen vermutlich sein schönstes Geschöpf. Seine Spielfilme – darunter das Regiedebüt Cronos (1993), der Hollywood-Kakerlaken-Schocker Mimic, die zarte Gespenstergeschichte El espinazo del diablo (Das Rückgrat des Teufels), die spanische Bürgerkriegsfabel El laberinto del fauno (Pans Labyrinth), die Comicverfilmungen Hellboy II: The Golden Army und das Monsterwerk Pacific Rim – verkörpern die zarte Seele eines Literaten, die Rentabilität eines Hollywoodstudio Chefs und die Fantasie eines Zehnjährigen.
Im Gespräch über Crimson Peak, eine moderne Interpretation der klassischen Gothic Romance, verweist del Toro auf ein beeindruckendes Konglomerat der Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte. Mit seinem üppigen Herrenhaus-Horrorfilm versucht er die Sensibilitäten von Pans Labyrinth und Das Rückgrat des Teufels mit einer größeren Besetzung und einem größeren Budget zu kreuzen. Besonders stolz ist er auf sein „Geisterschloss“, das er hat bauen und die Möbelstücke, die er in zwei Größen hat anfertigen lassen, um mit der Wahrnehmung der Zuseher zu spielen.
Im Kern der Geschichte steht die junge Schriftstellerin Edith Cushing (Mia Wasikowska), die – sehr zum Missfallen ihres Kindheitsfreundes Dr. Alan McMichael (Charlie Hunnam)- den charismatischen Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) heiratet und zu ihm und seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain) auf das Familienanwesen zieht. Dort angekommen muss die junge Gattin jedoch bald erkennen, dass die alt-englische Villa, die auf dem titelgebenden Hügel aus blutrotem Lehm thront, dunkle Geheimnisse birgt.
Der „Haunted House“-Film ist so etwas wie die Königsdisziplin im fantastischen Genre. Es sieht so aus als würden Sie ästhetisch in eine kühne Richtung gehen mit Crimson Peak.
Nun ja, ich wollte einen üppigen Mario-Bava-Technicolor-Film an die Oberfläche bringen, der sich satt anfühlt. Ich wollte schönen Horror mit einem erhöhten Sinn für Bilddesign kreieren, ähnlich einer Oper, aber gleichzeitig jene Dinge bewahren, die Gothic Romance so besonders machen. Für mich sind das Atmosphäre, Märchenelemente und eine Fabel mit einer starken, weiblichen Protagonistin im Kern. Das Haus selbst sollte sich wie ein Schloss anfühlen, im Speziellen wie jenes im Märchen „Der Blaubart“. Wenn Sie sich den Korridor in Crimson Peak ansehen, dann werden Sie erkennen, dass er die Silhouette eines Menschen hat.
Wo hat Crimson Peak für Sie begonnen?
Seitdem ich ein Kind war, lese ich Gothic romance. Die meisten Menschen heutzutage stellen sich darunter Fabio Lanzoni vor, wie er leidenschaftlich und ohne Hemd eine Frau auf einem Felsvorsprung umschlingt! (Lacht.) Tatsächlich aber war es eine enorm populäre Literaturbewegung im 18. Jahrhundert – es erschien ein Bestseller nach dem anderen, bis zum Punkt der Übersättigung. Es begann als Reaktion auf die akademische Welt, wie eine Punk-Rock-Bewegung von Menschen, die Emotionen für das Wichtigste hielten. Lord Byron pflegte zu sagen: „When everything fails, shock them!“ Die Bewegung entwickelte sich zu einem derart starken, kommerziellen Vehikel, dass jemand wie Ann Radcliffe eine Bestseller-Autorin wurde. All das kulminierte schließlich in dem schönen Roman „The Monk“ von Matthew G. Lewis, dem „Don Quijote“ der Gothic romance oder „Northanger Abbey“ von Jane Austen, die damit eine Satire auf das Genre der Schauerromane versuchte. Es begann also mit meiner Leidenschaft für diese Literatur, im Speziellen mit der etwas obskuren Novelle „Uncle Silas“ von J. Sheridan Le Fanu.
Es sieht so aus, als hätten Sie das Ganze in eine Art „Jane Eyre“-Kleid gesteckt.
Auch wenn „Jane Eyre“, „Great Expectations“ oder „Wuthering Heights“ keine reinen Schauerromane sind, so haben sie doch Elemente davon. Ich wollte einen klassischen Gothic Romance-Film machen und keine postmoderne Pastiche. Wir geben Ihnen keinen Twist am Ende. Es gibt keine postmoderne Ironie in diesem Film. Crimson Peak ist ernst und simpel, aber ich gestalte die Beziehungen, die Gewalt und die erotischen Elemente etwas komplizierter als in der traditionellen Gothic Romance. Sie müssen diese Dinge an heutige Standards anpassen, aber wir zeigen Ihnen keine ungewöhnlichen Sexpraktiken. Sie werden sich nicht die Hände an Crimson Peak reiben (Lacht.), aber es gibt ein paar sehr brutale und ungeschönte Gewaltszenen.
Warum haben Sie sich dazu entschlossen, diesen Film jetzt in Ihrer Karriere zu machen?
Ich habe Crimson Peak nach Pans Labyrinth geschrieben und ich war sehr, sehr glücklich mit diesem Film und wie die Bildsteuerung allmählich Gestalt annahm. Dann habe ich die künstlerische Leitung von Hellboy II übernommen, aber weil es vom Ton her Pulp war, habe ich nicht dieselbe intime Befriedigung gespürt. Das gleiche passierte bei Pacific Rim. Ich kann zwar jedes Element kontrollieren, aber es fühlt sich nicht wie eine delikate Übung an. Ich wollte eine Produktion wie einen Berg „besteigen“.
War es hart grünes Licht für den Film zu bekommen?
Es hat acht Jahre gebraucht. Legendary (kalifornische Filmproduktionsgesellschaft Anm.) hat das Drehbuch geliebt und gesagt „Wenn du PG-13 machen willst, dann geben wir dir so und so viel Geld, aber wenn du eine R-Version machen willst, dann hast du weniger Budget, musst auf 30 Prozent deines Gehalts und Box Office-Bonus verzichten“. Ich habe mich natürlich für R entschieden! (Lacht.) Ich hatte seit Pans Labyrinth keinen Film für Erwachsene gemacht und ich habe das Bedürfnis verspürt, zu einem Film zurückzukehren, in dem die größten Spezialeffekte die Charaktere sind.
Wie wichtig sind Ihnen Details?
Alles ist Detail. Filmemachen ist wie das Erstellen eines Mosaiks, wie Pointillismus. Es gibt kein reines Rot. Da ist Lila und Zyan drinnen. Wenn auch nur irgendetwas nicht stimmt im Bild, besonders bei einem Film wie Crimson Peak, der so stark auf dem Sichtbaren beruht, quält mich das. Ich habe ihn zehnmal öfter farbkodiert als jeden anderen meiner Filme, aber nicht jedem muss das auffallen – Filmemachen ist eine streng persönliche Erfahrung. Wollen Sie wissen, wann meine Filme richtig gut sind? Wenn ich sie auf Blu-ray freigebe, weil mir Criterion die Zeit gibt, sie zu optimieren.
Wie schaffen Sie es, Menschen heutzutage noch in Angst und Schrecken zu versetzen?
Die drei Dinge, die Sie nicht kalibrieren können sind Humor, Erotik und Angst. Diese Dinge sind enorm persönlich. Was für Sie schlüpfrig ist, ist nicht unbedingt schlüpfrig für mich. Was für mich lustig ist, ist nicht notwendigerweise lustig für Sie. Ich weigere mich eine Suprastruktur zu schaffen, um Angst zu provozieren. Und ich spreche nicht von The Exorcist. Das ist ein perfekter Film, aber es ist einfach, Angst mittels eines religiösen Glaubenssystems zu erzeugen. Wenn Sie Ihren Horror in die jüdisch-christliche Idee von Gut und Böse verpacken und von einer faulen, satanistischen Quelle sprechen, dann bringen Sie die Menschen zum Zittern, weil es eine religiöse Angst bedient. Die Rettung kommt dann mit einem Priester, Weihwasser, Pietät oder einem Gebet. Ich will, dass der Film an sich unheimlich ist. Ich versuche überwiegend Horror zu kreieren, der auf Menschsein beruht. Das ist eine ehrliche Form. Ich bin moralisch mit mir im Reinen. (Lacht.)
Zum Beispiel die Angst vor einer verschlossenen Tür …
Die Mechanik von Angst ist sehr persönlich, aber am Ende des Tages ist sie sehr schlicht. Im Horror dreht sich alles um Kontext. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sie kommen nach Hause, Sie öffnen die Tür und sehen, wie Ihr Vater Frühstück macht. Das ist überhaupt nicht unheimlich – außer Ihr Vater ist seit sechs Wochen tot! Die natürliche Abwesenheit oder Präsenz von etwas ist unheimlich. Zum Beispiel die seelenlosen Augen der Kreatur in James Whales Frankenstein oder Christopher Lees erstaunliche Performance als Monster in Terence Fishers The Curse of Frankenstein. Da ist nichts hinter diesen Augen.
Mia Wasikowska hat erzählt, dass Sie ihr Mary Shelleys „Frankenstein“ zur Vorbereitung gegeben haben.
Das Schöne an „Frankenstein“ ist, dass es ein sehr femininer Roman ist, geschrieben von einer Frau, die eine sehr moderne Art hatte, Menschen nicht in Geschlechterkategorien, sondern als Einheit zu betrachten. Ich sage immer „Frankenstein“ ist „Paradise Lost“ (von John Milton, Anm.) geschrieben von Mary Shelley. Es geht um eine Kreatur, die von einem gleichgültigen Gott verlassen wurde.
Was macht denn Mia Wasikowska für die Rolle der Edith so geeignet?
Mia ist unglaublich modern auf eine ungekünstelte Art und Weise. Sie machen einen Fehler, wenn Sie als Filmemacher große Gesten verlangen und genauso verhält es sich mit Modernität. Je natürlicher Mia in der Rolle ist, desto besser. Ich fand sie erstaunlich modern in Tim Burtons Alice in Wonderland. Ich liebe es, dass sie eine gewisse Autorität ausstrahlt. Sie hat eine stille Kraft.
Haben Sie eine eigene Theorie zu Geistern?
Ich glaube an Geister, weil ich bereits zwei Mal die Erfahrung mit welchen gemacht habe. Ich bin ein Skeptiker und ich glaube ja eigentlich nicht an Dinge bis ich sie nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, aber ich bin Mexikaner und als solcher ein Magnet für bizarres Zeug. (Lacht.)
Sie sind einem Geist begegnet? Das müssen Sie jetzt doch ein wenig näher erklären.
Nun ja, ich war im Waitomo Hotel in Neuseeland und Sie können dort ein Zimmer buchen, in dem es angeblich spukt. Das Hotel war zu dieser Jahreszeit geschlossen, und weil wir die Gegend für The Hobbit auskundschaften wollten, hat es für uns geöffnet. Ich wollte das Gespensterzimmer, also habe ich das Gespensterzimmer auch bekommen. Eines Abends habe ich mir The Wire auf meinem Computer angesehen. Es war das unauffälligste Setting, das man sich vorstellen kann. Jedenfalls hörte ich plötzlich wie eine Frau umgebracht wurde. Ich habe die schrecklichsten Schmerzensschreie gehört. Dann war es still und ich hörte einen Mann schluchzen. Und dann habe ich meine verdammten Kopfhörer wieder aufgesetzt und fast die gesamte Staffel von The Wire angeschaut. (Lacht.)
