Crossing Europe – Auf der Höhe der Zeit

Auf der Höhe der Zeit

| Andreas Ungerböck |

Im Mittelpunkt eines Spezialprogramms von Crossing Europe steht die HfG, die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe – genauer gesagt: die Klasse für Medienkunst/Film des renommierten deutschen Dokumentarfilmers Thomas Heise.

Die Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe hat gute Chancen, inmitten der allgemeinen Hochschulmisere eine Insel der Reformen zu werden.“ Diese Aussage stammt von Heinrich Klotz, dem Gründungsrektor der HfG, die heute tatsächlich einen Ruf genießt, der weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Ihren Betrieb nahm sie vor ziemlich genau 20 Jahren auf, am 15. April 1992. Von Anfang an dabei ist der Philosoph Peter Sloterdijk, 1947 in Karlsruhe geboren, also eine Art Local Hero. Seit 1992 ist er Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule, seit nunmehr auch schon wieder elf Jahren deren Rektor, eine Tatsache, die dem Interesse und dem Zustrom an Studierenden (heute sind es über 400) sicher nicht geschadet hat.

Eng verbunden mit der HfG ist das genauso knackig abkürzbare ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie), dem – eine weitere Parallele – ebenfalls ein sehr prominenter Mann vorsteht: Peter Weibel, Avantgardist und einst Bürgerschreck zu Wien, später hoch angesehener und dekorierter Kunst- und Medientheoretiker, ist bereits seit 1999 Leiter des ZKM. Mit diesen beiden Instituten und den äußerst präsentablen Herren an deren Spitze leistet sich die eher beschauliche 300.000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg ein hochwertiges künstlerisch-pädagogisches Gegengewicht zum Bundesgerichtshof und zum Bundesverfassungsgericht, die ebenfalls hier angesiedelt sind. (Nicht zu vergessen das Kino Schauburg, eine Pilgerstätte für 70mm-Freaks, von der schon öfter in „ray“ zu lesen war.)

15 Jahre nach der Gründung der HfG Karlsruhe evaluierte der Deutsche Wissenschaftsrat die Hochschule. Im Bericht des Rates heißt es, die HfG sei „eine attraktive und leistungsstarke Ausbildungsstätte mit außergewöhnlichem Studienangebot, die ihre Aufgaben hervorragend erfüllt.” Das außergewöhnliche Curriculum umfasst die fünf Studienrichtungen Medienkunst, Kommunikationsdesign, Produkt-Design, Ausstellungsdesign und Szenografie sowie Kunstwissenschaft und Medientheorie. Peter Sloterdijk, mit nicht unberechtigtem Stolz: „Das Programm der Hochschule ist nicht festgelegt auf bestimmte Tendenzen und Richtungen in der Praxis und in der Theorie der Künste oder gar auf einen Stilbegriff. Pluralistische Offenheit ist die Basis des Lernens und Lehrens an der HfG Karlsruhe.“

Gerade auf dem Gebiet des Films bzw. der Medienkunst ist man in Karlsruhe auf der Höhe der Zeit, sowohl auf dem Gebiet der Theorie und der Forschung (samt topmodernem 3D-Studio), als auch in der filmischen Praxis: „Erfolg heißt, dass Studenten mit ihrer künstlerischen Arbeit auch über sich hinaus gelangen, Entwicklung erfahren und mit ihren Arbeitsergebnissen neben der hochschulinternen oder stadtweiten Wahrnehmung nicht nur in Deutschland, sondern international Aufmerksamkeit erhalten.“ Das schreibt Thomas Heise, Professor für Medienkunst/Film, im Jahresbericht 2010/2011 der HfG Karlsruhe. Heise, spätestens seit seinem Film Stau – Jetzt geht’s los (1992) über die rechtsradikale Szene in Halle/Saale eine der wichtigsten Stimmen im europäischen Dokumentarfilm, unterrichtet seit Herbst 2007 an der HfG. Zu seinen Schülerinnen und Schülern, deren auch international ausgezeichnete Arbeiten nun in Linz zu sehen sind, zählen u.a. Nicolai Zeitler (Rastplatz), Serpil Turhan (Herr Berner und die Wolokolamsker Chaussee), Bettina Buettner (Kinder) und René Frölke, dessen mittellanger Film Führung zuletzt auch schon bei der Viennale zu sehen war. Darin dokumentiert Frölke das bizarr-staatstragende Zusammentreffen zwischen den beiden erwähnten prominenten Repräsentanten von HfG und ZKM und dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler anlässlich einer, ja, Führung durch die Institutionen. Apropos bizarr-staatstragend: Auch Thomas Heise hat sich in seinem neuen Film einer solchen Angelegenheit angenommen. In Schwarzweiß dokumentiert er in Die Lage die umfangreichen Vorbereitungen zum Papstbesuch im ostdeutschen Erfurt im Herbst 2011. Da wird defiliert und geprobt, was das Zeug hält, Sitz- und Aufstellordnungen entworfen, die Ministerpräsidentin gebrieft, damit sie sich dem Stellvertreter Gottes gegenüber nicht danebenbenimmt, Wege werden abgefahren und abgeschritten, Hubschrauber knattern, und die ganze Stadt, so kann man sagen, ist in Aufruhr. Doch hinter Heises scheinbar „harmlosen“, unkommentierten Bildern lauert, wie immer bei ihm, mehr: Ein bisschen Glanz und das ganze Elend moderner Event- und Repräsentationskultur sind hier in nuce zusammengefasst. Und wenn eine ganz „wichtige“ Dame aus dem Vorbereitungs-Tross den Dokumentaristen barsch auffordert, doch den Ton abzudrehen, tut sie sich und der Sache keinen Gefallen: Ohne Ton wirkt das Gehampel und Gezappel noch absurder und sinnfreier. Thomas Heises Arbeit und die seiner Studierenden: ein Höhepunkt bei Crossing Europe.