Die Filme der Produktionsfirma Koktebel Film zeigen Russland aus der Perspektive von Außenseitern. Im Nachhall kommen westliche Klischees über das russische Kino auf den Prüfstand.
2003 wurde Koktebel, das gemeinsame Spielfilmdebüt von Boris Khlebnikov und Alexei Popogrebsky, zum internationalen Festivalhit. Kurz darauf gründeten die beiden 1972 geborenen Filmemacher zusammen mit ihrem Produzenten Roman Borisevich die Koktebel Film Produktion, die sich zu einem der bekanntesten unabhängigen Arthaus-Produzenten in Russland entwickelt hat. Die Arbeiten der dort versammelten Regisseure verbinden Lakonie mit meditativem Ernst, analysieren die Gesellschaft von ihren Rändern her, wobei sie den Schattenwelten der kleinen Leute immer auch verhaltene Hoffnungschimmer abtrotzen. Im Wettbewerb des jüngsten russischen Filmfestivals in Sotschi war die Firma mit drei Filmen vertreten und bekam dafür fünf Auszeichnungen, darunter den Preis für den Besten Film für Vassily Sigarews Wolfy. Koktebel-Gründungsmitglied Alexei Popogrebsky im ray-Interview über aktuelle Tendenzen im russischen Kino.
Im Westen werden einige der Koktebel-Filme gern, aber ungenau mit Aki Kaurismäki verglichen. Werden Ihre Filme im Osten und Westen anders wahrgenommen?
Alexei Popogrebsky: Kaurismäki gehörte für Khlebnikov immer zu den wichtigsten Regisseuren, und ich habe seine Filme mit äußerster Freude gesehen. Ich kann aber mit Bestimmtheit sagen, dass wir uns bei keinem unserer Filme bewusst von seinem Stil beeinflussen ließen. Offen gesagt, ist es nicht besonders schön, wenn man mit seinem Lieblingsregisseur verglichen wird. Wenn irgendjemand sagt, dass Koktebel ihn an Tarkovsky erinnert, überkommt mich das Schaudern. Wenn du aus Russland kommst, ist es egal, was für einen Film du machst – das erste, was dem westlichen Publikum in den Sinn kommt, ist Tarkovsky. Derek Malcolm dagegen machte in unserem Debütfilm Spuren von Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn aus. Da ist durchaus etwas dran. Bei meinem nächsten Film dann, Simple Things, sah das russische Publikum eine Nähe zum sowjetischen Großstadtdrama der Siebziger und Achtziger Jahre. In der Tat waren Filme wie Georgi Daniyelas The Autumn Marathon oder Flying Asleep and Awake von Roman Balayan sehr wichtig für mich. Leider kennt das westliche Publikum diese Filme nicht. Eine Sache, die mir immer wieder auffällt, ist diese Suche des westlichen Publikums nach politischen Anspielungen, selbst dann, wenn sie überhaupt nicht da sind.
In welcher nationalen Tradition stehen die Koktebel-Filme?
Von uns bin ich derjenige, der am meisten in der Tradition des sowjetischen dramatischen Films gesehen wird. Ich würde das nicht völlig abstreiten, insbesondere, weil ich meines Vaters Sohn bin. Mein Vater, ein bekannter Drehbuchautor, steuerte in den Siebziger und Achtziger Jahren einiges zum so genannten „industriellen Drama“ bei, das sich auf das Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Arbeit fokussierte. Dieser Aspekt ist mir sehr wichtig. Boris und ich bewundern Alexei German. Wir beide, besonders aber Nikolay, sind große Anhänger von Otar Iosseliani, dessen franko-georgischer Touch der eleganten Melancholie sich in Nikolays Arbeit widerspiegelt. Dann gibt es eine starke Verbindung zwischen Boris, Nikolay und vor allem Vassily Sigarew mit dem „Neuen Drama“. Diese Bewegung, die sich in den letzten 15 Jahren im russischen Theater entwickelt hat, setzt, oftmals sehr rau und brutal, ihre Motive, Protagonisten und Dialoge aus dem realen Leben um. Es zeigt Leute außerhalb der Metropolen, ein Leben abseits der Suche nach Wohlstand. Zwei von Boris’ Filmen und Nikolays Tale in the Darkness wurden von bzw. in Zusammenarbeit mit Alexander Rodionov geschrieben, einer der zentralen Persönlichkeiten des „Neuen Dramas“, zu deren Säulen Sigarew selbst gehört.
Keiner der Koktebel-Filme entstand in Moskau …
Drei von uns haben in Moskau ihr ganzes oder den größten Teil ihres Lebens verbracht, aber ihre Filme woanders gedreht. Vassily kommt aus Jekaterinenburg, er ist der einzige, der an seinem Wohnort filmt. Dahinter stehen zwei Aspekte. Der eine hängt mit der Außenseiter-Thematik des „Neuen Dramas“ zusammen. Der andere ist sehr einfach. Weder Boris noch ich wollen in Moskau drehen. Wir müssen unseren normalen Alltag verlassen, brauchen frische Perspektiven, um arbeiten zu können. Um die Geschichte des weißrussischen Gastarbeiters in Moskau zu erzählen, filmte Boris in der Plattenbausiedlung von Jaroslavl. Um mein urbanes Kammerspiel zu machen, bin ich nach St. Petersburg gegangen. Ich muss allerdings noch herausfinden, warum Nikolay für seine Geschichte bis nach Vladivostok gegangen ist.
Gibt es ein neues russisches Kino?
Im Wettbewerbsprogramm des letzten Kinotavr-Festivals in Sotschi fanden sich die Namen zahlreicher Freunde und Kollegen. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass da einer neuen Generation der Durchbruch gelungen ist. Stilistisch waren die Filme sehr unterschiedlich und alle nicht perfektionistisch. Aber sie hatten etwas Gemeinsames: das Gespür für das Ungute, das unter der Oberfläche von zunehmender Stabilität und Wachstum brodelte – diese Filme wurden alle vor der Wirtschaftskrise 2008 gedreht, von der Russland später stark getroffen wurde. Das Schlagwort vom „jungen Kinotavr-Kino“ machte die Runde, und im Parlament wurden die „dunklen und negativen Perspektiven im neuen Kino“ thematisiert.
Interessanterweise sind Sie alle Quereinsteiger im Filmfach.
Nur Nikolay hat einen formalen Abschluss als Regisseur. Irgendwie sind wir alle Amateure, wir machen die Dinge mit Liebe.
