Crossing Europe

Der große Sprung

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In der intimen Doku "Les Sauteurs" erzählt Abou Bakbar Sidibé von seinem Jahr am Monte Gurugú in Marokko. Hunderte Migranten aus Sub-Sahara-Afrika versuchen von hier aus, die Barrieren der spanischen Exklave Melilla zu überwinden. Wer es schafft, europäischen Boden zu berühren, kann einen Asylantrag stellen. "Les Sauteurs" ist ein humanistischer Gegenentwurf zu europäischen Paranoia-Bildern, entstanden aus der Mitte der Migranten. Ein Interview mit Abou Bakbar Sidibé und seinen beiden Koregisseuren aus Berlin und Kopenhagen

Interview – Robert Weixlbaumer

 

Im Jahr 2014 begannen Moritz Siebert und Estephan Wagner ein Filmprojekt über die Situation der Migranten an der Grenze zu Melilla. Die spanische Exklave an der marokkanischen Mittelmehrküste ist ein Außenposten der Europäischen Union. Wer es in lebensgefährlichen Aktionen über die meterhohen Barrieren schafft, kann in Spanien Asyl beantragen. Sauteurs nennen sich die Migranten aus Mali, Kamerun, Niger oder dem Senegal, die diese schwer bewachten Zäune zu überwinden suchen. „Les Sauteurs“ ist als Film selbst ein Grenzgänger: Die Bilder stammen von Abou Bakbar Sidibé, einem jungen Sprachlehrer aus Mali, der wie hunderte andere Flüchtende und Migranten am Monte Gurugé auf einen Übergang nach Europa hofft. Sidibé wurde über ein Jahr hinweg für Siebert und Wagner zum Kameramann, Koregisseur und Chronisten des prekären Alltags in den Lagern am Berg. Jede Woche übergab er sein Material einem Mittelsmann, der es auf einen Server hochlud. Siebert und Wagner montierten damit parallel und im Austausch mit Sidibé ihre Dokumentation – eine kollektive Arbeit, entstanden zwischen Berlin, Kopenhagen und dem Lager am Monte Gurugé.

 

Herr Sidibé, wie sind am Monte Gurugú gelandet?

Abou Bakbar Sidibé: Ich habe in Mali Englisch studiert und als Lehrer an einer Schule gearbeitet. Ich bekam wie viele andere Probleme durch die Krise und den Krieg in meinem Land. Deshalb ich geflohen und habe anderswo eine Zukunft für mich gesucht. Ich bin über viele Stationen gewandert: Burkina Faso, Niger, Algerien. Als ich Mali verlassen habe, gab es schon die Idee, nach Europa zu kommen, aber es schien fast unmöglich. Ich wollte erst einen Weg über Libyen versuchen, aber es war zu gefährlich.

Auf welchem Weg sind Sie an die Grenze von Melilla gelangt?

Sidibé: Über Algerien. Ich habe dort versucht, mit kleinen Jobs das Geld für die nächste Etappe zusammen zu bekommen. Ein Bekannter zeigte mir ein Video der Exklave und ein paar Tage später habe ich mich mit Freunden auf den Weg gemacht. Es gibt Passeurs, eine Schlepper-Mafia, die einen über die Grenze zwischen Algerien und Marokko bringt. Aber das kostet 100 Euro pro Kopf und das Geld hatten wir nicht. Also haben wir beschlossen, es ohne Hilfe zu versuchen, nachts, am Mond orientiert. Man darf dabei nicht von den Passeurs erwischt werden, man riskiert sein Leben.

Wann kamen Sie am Monte Gurugú an?

Sidibé: Im September 2013, da waren bereits hunderte Menschen. Da wo wir ankamen, waren die Kameruner, die uns die Regeln erklärt haben, wie man hier lebt und was man als Neuankömmling bezahlen muss. Dann haben Sie uns die Aussicht auf Melilla gezeigt, die europäische Exklave, die von hohen Zäunen umgeben ist. Europa auf dem afrikanischen Kontinent. Um rüber zu kommen, muss man drei Barrieren überwinden.

Wo beginnt Europa?

Sidibé: Eigentlich zwischen der zweiten und dritten Barriere. Die rote Zone. Die Grenze. Wenn man es bis dahin geschafft hat, müsste man eigentlich nicht mehr fliehen. Die spanische Grenzpolizei müsste einem dann die Möglichkeit geben, einen Antrag in Sicherheit zu stellen, aber das wird so nicht praktiziert. Man muss es ganz rüber schaffen.

Wie sieht es auf der marokkanischen Seite aus?

Sidibé: Alle 50 bis 100 Meter gibt es einen Unterstand für einen marokkanischen Grenzpolizisten, alle 200 Meter ein Zelt mit einer Gruppe von 50 bis 60 Soldaten. An den Barrieren gibt es metertiefe Gräben, Stacheldraht-Hindernisse, an denen man sich schwer verletzen kann. Am Anfang dachten wir dennoch, es wäre einfach, rüber zu kommen. Es war nur zwei Kilometer weit weg!

Was haben Sie gemacht?

Sidibé: Gegen den Rat der Leute, die schon länger da waren, haben wir beschlossen, es in der ersten Nacht zu zweit zu versuchen. Aber beim ersten Versuch, den wir machten, wurden wir sofort erwischt. Die Polizei nahm uns fest und hat uns schwer misshandelt. Es wurde uns klar, dass es für uns nur in einer der Gruppenaktionen klappen würde.

Wie viele Menschen waren auf dem Monte Gurugú zu diesem Zeitpunkt?

Sidibé: Vielleicht 300 Kameruner, und etwa 1300 aus Mali und noch andere mehr. Es hatte im August 2013 einen Ansturm gegeben, bei dem es 200 Leute rüber geschafft hatten. Das hatte mehr Menschen angezogen.

Gab es Unterstützung durch marokkanische Gemeinden vor Ort?

Sidibé: Es gibt einen Jesuiten-Priester, Père Esteban, der hilft. Als wir ankamen, bekamen wir Decken und Plastikplanen, gegen die Kälte und den Regen. In diesen Tagen hat es ein Freund von mir tatsächlich alleine geschafft. Er ist in die Nähe der Hafenanlagen gegangen, hat dort den Zaun überwunden, und wurde dann erst auf der anderen Seite von einer spanischen Polizistin aufgegriffen. Sie hat ihn mit ihrem Wagen ins Stadtzentrum gebracht, von wo er uns später anrief. „Ich bin in Melilla!“

Gab es auch Frauen auf dem Mont Gurugú?

Sidibé: Ja, solche, die es auf anderen Wegen schon vergeblich versucht haben. Sie kommen mit Verwandten oder Freunden. Die meisten von ihnen waren in der Gruppe der Kameruner und Nigerianer. Aber sie sind nicht zu beneiden. Sehr selten gab es Frauen aus Mali oder dem Senegal.

Wie hat sich das Filmprojekt ergeben?

Sidibé: Für mich hat sich alles mit einem Interview gewendet, dass ich einem spanischen TV-Journalisten gegeben hatte und dem ich meine Telefonnummer und meine Facebook-ID aufgeschrieben hatte. Danach meldete sich eine nordkoreanische Reporterin, die mich porträtieren wollte und mich fürs Übersetzen auch bezahlte. Aber in den Monaten danach, war es nicht einfach. Ich wurde krank. Bei einem Ansturm, bei dem ein paar hundert Menschen die Grenze überwunden haben, habe ich mich verletzt. In den Wochen danach, habe ich Moritz und Estephan kennen gelernt, das war Ende 2014. Ein spanischer Fotograf hatte die Verbindung hergestellt: Ich sollte mit einer Kamera den Alltag filmen und im Austausch für das gedrehte Material sollte ich jede Woche Geld bekommen. Eine Woche später kamen die beiden und haben mir Grundlagen erklärt.

Estephan Wagner: Das waren eher technische Hinweise: Nicht zu viel Zoom zu nutzen, nahe an ein Geschehen heranzugehen, nicht zu früh abzuschneiden …

Moritz Siebert: Und wir haben Listen gemacht mit Szenen, die uns interessant schienen, aber Abou hat selbst entscheiden, ob er das drehte.

Warum haben Sie beiden das Material nicht selbst oder mit einem professionellen Kameramann gedreht?

Siebert: Wir haben uns vorher angesehen, was es an Filmen schon gab, und dann entschieden, dass die Produktionsweise die Bedeutung der Bilder stark bestimmt – und dass die Bilder von jemandem aus dieser Gemeinschaft gemacht werden sollten.

Wagner: Die Entscheidung war, Macht zu übergeben. Nicht jemanden anzusehen, sondern ihn zu uns sprechen zu lassen. Die Rollen zu verändern. Es war klar: Die Kamera wird ihnen gehören.

Herr Sidibé, hat die Arbeit am Film Ihren Weg konkret verändert? Sie leben nach einer Odyssee durch halb Europa im Augenblick in Süddeutschland.

Sidibé: Der Kontakt zu den beiden hat einen Unterschied gemacht. Als ich in Marokko war, hat es diese Verbindung leichter gemacht, zu glauben, dass ich es rüber schaffen würde.

Haben Sie weiter gefilmt, seit Sie in Europa sind?

Sidibé: Am Anfang ja, einiges Material, über meine Ankunft in Europa und die Fragen, die sich für mich damit stellten. Moritz und Estephan haben aber entschieden, es nicht in den Film aufzunehmen und ich respektiere diese Idee.

Im Film sind Bilder der Überwachungskameras von Melilla zu sehen, die man im Internet finden kann, mit Wärmebildkameras von der spanischen Seite der Grenze aufgenommen: Ströme von Menschen, die beginnen, die Barriere zu stürmen.

Wagner: Das, was wir in diesem Material sehen, ist etwas ganz anderes, als das, was die Guardia Civil, die die Bilder ins Netz gestellt hat, darin sieht. Sie sehen Horden. Tausende Afrikaner, die unser gutes Leben durcheinander bringen. Das sind die Bilder eines kalten Roboters, ohne jede Persönlichkeit, entindividualisiert. Wir setzen die humanistischen Bilder dagegen, die Abou gedreht hat. Das ist der denkbar größte Kontrast.