Crossing Europe

Die glorreiche Sieben

| Alexandra Seitz |

Das Filmfestival Crossing Europe in Linz, immer eine Reise wert. Eine Nachlese zur siebten Ausgabe.

Einmal lässt der alte Mann einen der Hausbewohner, der zugleich als Verwalter fungiert, in seine Wohnung, um ihm einen Wasserschaden zu zeigen. Hm, ob es hier nicht ein wenig stickig sei, meint der Besucher, dem deutlich der Atem stockt. Nicht nur wegen des mangelnden Sauerstoffs, sondern auch angesichts der Fülle der Gegenstände, die sich bis auf Hüfthöhe an den Wänden bis unter die Zimmerdecke stapeln und nur noch schmale Pfade frei lassen, auf denen vorsichtige Bewegung durchs Dickicht möglich ist. Nein, die Luft sei gut, es sei alles so, wie es sein solle, gibt der Alte zur Antwort, der nicht versteht, wieso die Leute sich in seine Lebensweise einmischen, wo er doch nur einen Wasserschaden behoben haben will. Schon gar nicht versteht er, was seine „Sammlungen“, wie er seine Dinghaufen nennt, die Anderen überhaupt angehen, und wieso er aus einem perfekt stabilen Haus ausziehen soll, nur weil man an dessen Stelle ein moderneres und noch stabileres bauen könnte. Am Ende wird der alte Mann allein im Haus herumkrauten, ohne Strom, und sein Blick aus dem Fenster wird sich auf eine bedrohlich herumstehende Mülltonne richten.

Im Leben und in der Wohnung des Alten, dessen Geschichte in 11’E 10 Kala erzählt wird, bleibt die Herrschaft der Dinge über den Rest unwidersprochen und das ist beunruhigend; „things you own, end up owning you“, wusste schon Tyler Durden, der diese Weisheit allerdings wohl irgendwo im Fernen Osten geklaut haben dürfte. Der türkischen Regisseurin Pelin Esmer gelingt es in ihrem Film – der die Fortentwicklung ihrer 2002 entstandenen Dokumentation Koleksiyoncu: The Collector über ihren Onkel Mithat Esmer und dessen rege Sammlertätigkeit ist –, im Sonderlichen ganz behutsam und allmählich das Besondere sichtbar zu machen. Soll heißen: eine andere Art der Weltwahrnehmung. Mithat Esmer, der sich hier sozusagen selbst spielt, mag ein Besessener sein, einer, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die Zeitung von gestern doch noch einem seiner zahlreichen Papierstapel einverleiben zu können. Doch seine Besessenheit wird nicht als Verrücktheit diskreditiert, sondern als sorgfältige und aufmerksame Widmung von Arbeitsenergie gezeigt. Die Perspektive des Sammlers bleibt intakt, sein Leben inmitten der gesammelten Gegenstände bildet eine faszinierende, in sich geschlossene, friedvolle Binnen-Welt innerhalb des riesigen, lärmenden Istanbul. Ordnung und Unordnung reflektieren einander. Der fragile kleine Onkel mit den dunklen, wachen Augen wird zum Archivar einer vom Verschwinden bedrohten Dingkultur, zum Hüter unbeachteter Gegenstände, die in einigen Jahren Kristalle der Erinnerung sein werden. In seiner Wohnung stemmt sich das Analoge dem alles verschlingenden Digitalen entgegen, eine letzte Bastion der Entschleunigung und des Uneffektiven.

Crossing Giallo

Pelin Esmers 11’E 10 Kala war einer der zehn Beiträge im Wettbewerb Europäisches Kino der diesjährigen, siebten Ausgabe von Crossing Europe Linz und ein schönes Beispiel für die Aufmerksamkeit, die dieses Filmfestival dem Randständigen, dem Sperrigen, dem Komplexen und dem Zarten zuteil werden lässt. Die in Linz gepflegte, offene und neugierige Haltung der Filmkunst gegenüber stellt das nicht minder offene und neugierige Linzer Publikum immer wieder vor überraschende Herausforderungen.

Wenn es sich zum Beispiel in der dem europäischen Genre-Kino gewidmeten Schiene Nachtsicht mit einem 90-minütigen Experimentalfilm im Gewand einer Hommage an das italienische Genre des Giallo konfrontiert sieht. Die belgisch-französische Produktion Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani kommt nahezu ohne Dialog aus, webt stattdessen Farben, Geräusche, Bewegung, Details und fetzige Seventies-Musik zu einer ungeheuer expressiven Textur, deren Wirkmächtigkeit man sich kaum entziehen kann. Cattet und Forzani gelingt mit ihrem Film die Wiederbelebung eines weitgehend verloren gegangenen Inszenierungsstils, der zuvorderst ein visueller Stil, eine Sprache in Bildern via Montage war. Was Amer – der von sexueller Energie und erotischer Anziehungskraft freilich weniger handelt, als sie vielmehr fühlbar zu machen – nun so besonders macht, ist die Transformation der ausbeuterischen, frauenfeindlichen Züge, die die Original-Giallos aufweisen. Mit seiner Konzentration auf die sich verändernde Körperlichkeit und sinnliche Wahrnehmung eines Mädchens, einer Jugendlichen, einer Frau legt Amer nicht nur den psychotischen Kern der Giallos frei – die Wahrnehmung von weiblicher Sexualität als Bedrohung männlichen Kontrollwahns und daraus folgend deren unausweichliche Vernichtung –, er entreißt ihn zugleich der patriarchalen Definitionsmacht und eignet ihn sich postfeministisch an. Freilich verlangen die Genre-Regeln die Verknüpfung von Eros und Tod, und so nimmt dieser Akt der Selbstermächtigung denn auch kein gutes Ende – doch selten war ein Frauen-Opfer mit derart vielen Ambivalenzen aufgeladen.

Nicht weniger krass konzentriert und zugespitzt kam die als Nachtsicht-Überraschungsfilm gezeigte, dänisch-englische Produktion Valhalla Rising von Nicolas Winding Refn daher. Mads Mikkelsen spielt darin einen einäugigen Krieger im hohen Norden, der aus der Gefangenschaft entkommt, sich gemeinsam mit einem kleinen Jungen anderen Kriegern anschließt, in dickem Nebel mutmaßlich nach Amerika übersetzt und dort in weitere blutige Auseinandersetzungen gerät. Auch Valhalla Rising ist zuvorderst eine Seherfahrung; zu beobachten sind wilde Männer, die in wilder Natur wilde Dinge tun. Der tiefere Sinn ihres Treibens erschließt sich nicht unmittelbar und auch die raren, kargen Äußerungen der Figuren tragen wenig zur Stringenz bei. Wer sich aber einlässt auf die düstere Atmosphäre, gebildet aus dröhnendem Sound, brutalen Gewaltausbrüchen, statischen Totalen grandioser Landschaften mit riesigen Nahaufnahmen der Gesichter, der mag schließlich auf die spirituellen Implikationen von Entdeckung, Eroberung und damit einhergehender Kultkonkurrenz als grundlegendes Thema dieses seltsamen Films schließen. Eine Meditation über Landnahme und Transzendenz, möglicherweise.

Ordinary premium films

Allein wegen Filmen wie den beiden eben genannten lohnte sich die Reise nach Linz. Freilich gab es darüber hinaus noch jede Menge weitere gute Gründe. Die Preisträger-Filme beispielsweise: der mit dem Crossing Europe Award ausgezeichnete Crnci von Zvonimir Juric und Goran Devic, der mit dem „ray“ Publikumspreis prämierte Coeur Animal von Séverine Cornamusaz, sowie der mit dem erstmals ausgelobten European Documentary Award bedachte Videocracy von Erik Gandini. Alle drei keine Wohlfühlfilme, alle drei dezidierte Kommentare zum Stand der – (geschlechts)politischen – Dinge.

Der in Italien geborene, in Schweden lebende Gandini nimmt in seiner mit schwedischem Geld produzierten Dokumentation – die im italienischen Fernsehen nicht gezeigt werden darf (wen wundert’s?) – die von Silvio Berlusconi errichtete Mediendiktatur unter die Lupe. Er wählt den direkten Zugang aus der Menge der Konsumenten und Beteiligten heraus und lässt Macher, Opfer und Profiteure zu Wort kommen. Systemanalyse und metapolitischer Diskurs kommen dabei eher kurz. Doch die Einblicke in eine dem Celebrity-Kult und der Selbsterniedrigung verfallene Gesellschaft, die Videocracy vermittelt, lehren einen das Fürchten.

In der schweizerisch-französischen Produktion Coeur Animal steht das Verhältnis eines groben Bergbauern zu seiner Frau im Mittelpunkt, das durch einen Saisonarbeiter aus Spanien zur Eskalation gebracht wird. Cornamusaz schafft ein intimes und zugleich diskretes Beziehungsporträt, das wider alle Vernunft an einen Ausweg aus der Hölle glaubt, die Mann und Frau mitunter füreinander darstellen. Behutsam legt sie die Determinanten frei, die den Charakter dieses Bauern bestimmen, und zeigt die ganze Qual eines Menschen, der seine Gefühle nicht zu artikulieren weiß, weil ihm nie gestattet wurde, welche zu haben.

Aus den Schweizer Bergen in die kroatischen Wälder: Crnci – in dem sich die Titel gebende kroatische Spezialeinheit, den eben verkündeten Waffenstillstand nicht achtend, aufmacht zu einem Rachefeldzug, der in der Selbstzerfleischung endet – ist ein geradezu hermetisch abgeriegelter Film; voll verschlossener Figuren, aufs Äußerste verdichteter Szenen, und in seiner unerbittlichen Konkretheit ins Allgemeine weisend. Er lässt sich sowohl als überfälliger Beitrag zur Verarbeitung kroatischer Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg rezipieren als auch als symbolhafte Verhandlung der möglichen Wirkungen des aus der Kriegerpsyche nicht tilgbaren Schuldgefühls.

Vom Morden auf Befehl handelt auch die französisch-serbisch-schweizerische Koproduktion Ordinary People: Am Beispiel einer kleinen Einheit, die an einem heißen Sommertag dazu abgestellt wird, irgendwo auf dem Land offenbar illegale Hinrichtungen Oppositioneller durchzuführen, stellt sich Filmemacher Vladimir Perisic gemeinsam mit jungen Laiendarstellern dem komplexen Problem von Gehorsam, Gewissen und Verweigerung im militärischen Kontext.

In Linz war es möglich, Crnci und Ordinary People – die auf unterschiedliche Weise vom Gleichen handeln – an einem Tag unmittelbar hintereinander zu sehen und auf diese Weise einen erhellenden gegenseitigen Kommentar und faszinierende Querbeziehungen zu verfolgen. Dieses Gespür für das Potenzial gegenseitiger Film-Befruchtung sowie die Bereitschaft, ihr Raum zu geben: Auch das zeichnet das Crossing Europe Festival aus.