Crossing Europe

Von Schlössern und Fischerinnen

| Oliver Stangl |
Crossing Europe hat wie immer Spannendes zu bieten.

Wie wohl kaum ein anderes österreichisches Filmfestival macht Crossing Europe (25. bis 30. April, Linz) die enorme Vielfalt des europäischen Filmschaffens sichtbar, wobei ein besonderer Schwerpunkt stets auf sozialen und politischen Brennpunkten liegt.

In der neuen Arbeit der italienisch-französischen Schauspielerin und Regisseurin Valéria Bruni Tedeschi, zu sehen in der Programmschiene Panorama Fiction,  steht Ersteres, verbunden mit einer Familiengeschichte, im Mittelpunkt: Intensiv und berührend erzählt die Tragikomödie Un château en Italie (Ein Schloss in Italien) von Ludovic, der an Aids erkrankt ist. Die Familie sieht sich daraufhin gezwungen, das Familienschloss zu verkaufen. Einmal mehr erweist sich Bruni Tedeschi als Regisseurin, die Krisensituationen differenziert und lebendig auf Film zu bannen vermag und der es gelingt, ihr Ensemble zu Höchstleistungen anzuspornen. Ebenfalls Hochkarätiges steht im Wettbewerb auf dem Programm, darunter etwa, um gleich in Italien zu bleiben, Emma Dantes Via Castellana Bandiera (A Street in Palermo), der mit einer scheinbar banalen Alltagssituation beginnt: Zwei Autos begegnen sich in einer engen Straße. Am Steuer zwei sture Frauen. Keine ist bereit, der anderen Platz zu machen. Die Situation eskaliert zum skurrilen Spektakel, das sich als bitterböse Sozialstudie interpretieren lässt.

Großes Kino findet sich auch in der Schiene Panorama Doc: Gonçalo Tocha macht sich in A Mãe e o Mar auf die Suche nach einem matriarchalisch geprägten Fischerdorf in Portugal, in dem die Frauen zur See fuhren und mit ihrem Fang das Dorf ernährten. Tocha gelingt dabei das spannende Porträt bemerkenswerter Frauen und der harten Arbeit, der sie nachgehen. Dass diese Tradition langsam dabei ist, zu verschwinden, macht diesen in langen Einstellungen gedrehten Film zu einem umso wichtigeren Dokument.

Immer wieder standen bei Crossing Europe Musikfilme auf dem Programm. Diesmal gibt es sogar einen eigenen Schwerpunkt, der „Focus on Music“ übertitelt wurde. Zu sehen gibt es ebenso innovative wie spannende, in vielen Fällen animierte Musikvideos aus allen Ecken Europas, darunter das von Andreas Nilsson inszenierte Video zu Miike Snows „The Wave“. Wen diese Videos in Feierlaune versetzen, der hat bei der feinen Nightline Gelegenheit zum Tanzen, etwa zur Musik des britischen Elektropop-Duos Tirzah & Micachu am 25. April. Wer Soul mit einem Schuss Punk bevorzugt, sollte sich King Khan & The Shrines am 25. April nicht entgehen lassen. Artist in Residence ist diesmal der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo, der sich mit Denkmälern und der jüngeren politischen Geschichte seiner Heimat auf ebenso ironische wie provokante Weise auseinandersetzt.

Verschweigen sollte man auch nicht, dass „ray“ – nach einigen Jahren Pause – wieder den Crossing Europe Audience Award vergibt. Der Filmemacher respektive die Filmemacherin wird mit einer Teilnahme am renommierten TorinoFilmLab belohnt; unter allen Abstimmenden verlosen wir eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl von Meisterwerken des europäischen Films. Mitmachen lohnt sich in jedem Fall.