Crossing Europe – Gruppenzwang

Gruppenzwang

| Roman Scheiber |

Regiedebüts oder Zweitfilme in Konkurrenz: Eine kleine Einstimmung auf den Wettbewerb des Linzer Crossing Europe Festivals.

Ein Buslenker entdeckt eine kleine Beschädigung im Klo seines Fahrzeugs. Obwohl der Bus voll besetzt ist, weigert er sich weiterzufahren, bis der „Täter“ gestanden hat. Stunden vergehen, Spannung baut sich auf.

Zwei blonde Backfische posieren vor einer Digicam, um Fotos von sich ins Netz zu stellen. Sie stacheln einander gegenseitig bis zum Striptease an, um immer noch aufreizender auszusehen.

In einer Schulklasse soll ein Mädchen entscheiden, welcher von zwei Strichen auf der Tafel der kürzere ist. Zweimal korrigiert die gesamte übrige Klasse ihr richtiges Ergebnis. Beim dritten Mal wählt das Mädchen bewusst den längeren Strich.

Diese drei und zwei weitere Episoden aus dem Film De Ofrivilliga (Involuntary) beschäftigen sich mit dem Phänomen des Gruppenzwangs. Wer bei solchen konzeptuellen Versuchsanordnungen an manche Filme Michael Hanekes denkt, liegt nicht allzu weit daneben. Auch der junge schwedische Regisseur Ruben Östlund ist Perfektionist, wie Haneke, und auch er hat einen tendenziell didaktischen Zugang in seinem dezidierten Interesse, filmische Fragen über die menschliche Natur zu stellen. Östlund, Sohn einer Lehrerin, konzentriert sich bei seinem Regiedebüt in formaler Strenge auf Momente zwischen Menschen, in denen entschieden wird, ob man sich dem Druck der Umwelt beugt oder eigenwillig genug ist, allein zu gehen.

Involuntary ist einer der interessantesten Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs beim Linzer Festival Crossing Europe.

Von Cannes 2008 bis Berlin 2009 war Intendantin Christine Dollhofer wieder im Festival-Circuit unterwegs, um ihrem Publikum junges, ambitioniertes europäisches Kino nahe zu bringen. Ein bei Crossing Europe über die vergangenen Jahre konsequent bearbeitetes Thema, die Krisenbewältigung nach dem Balkankrieg, gerinnt etwa in Snijeg (Snow) zu einer humorvollen autobiografischen Variante. Das Regiedebüt von Aida Begic, eine bosnisch-deutsch-französische Koproduktion, gewann den Großen Preis der Semaine de la Critique in Cannes 2008 und findet sich fast schon selbstverständlich im Linzer Programm: Im bosnischen Dorf Slavno suchen überlebende Frauen nach vermissten und tot geglaubten Angehörigen, während der Kampf ums eigene Überleben unter anderem mit selbst gemachter Zwetschkenmarmelade und gegen Grundstücksspekulanten geführt wird.

Zwei niederländische Beiträge erzählen von einer Wanderzirkuskrise, die wie von Brecht aus dem Hut gezaubert scheint (Calimucho, Eugenie Jansen) beziehungsweise vom einsamen Trauma einer nur knapp entgangenen Vergewaltigung, das der Paranoia die Schleusen öffnet (Kan door huid heen/Can Go Through Skin, Esther Rots). Den Suchbewegungen zweier Teenager in der Londoner Partyszene folgt der Argentinier Alexis Dos Santos in der britischen Atmo-Szenenfolge Unmade Beds; die 30-jährige Bergman-Spezialistin Anna Novion schickt in Les Grandes personnes (Grown Ups) eine 17-jährige Französin auf Bildungsurlaub mit ihrem Vater auf eine schwedische Insel, wobei der emotionale Mehrwert letztlich überwiegt. Und der Genfer Vincent Pluss lässt eine gebildete Anfangdreißigerin (mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet: Céline Bolomay) auf einen obdachlosen Youngster mit heikler Vergangenheit treffen (Du bruit dans la tête/ The Noise in my Head).

Mit dem Preis für den besten Debütfilm in Venedig im Gepäck, quasi veredelt mit der Auswahl in die Reihe Kulinarisches Kino bei der Berlinale, kommt schließlich der appetitanregende Pranzo di Ferragosto (Mid-August Lunch) von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Gianni Di Gregorio – eine autobiografische Tragikomödie um einen in die Jahre gekommenen Mann, der noch immer mit seiner Mutter zusammenlebt. Zu den wolkenarmen Ferragosto-Feiertagen gesellen sich ein paar weitere ältere Damen zu Gianni und bringen ihren eigenen Lebensrhythmus mit. Produziert wurde das gelassene Laienstück von Gomorrha-Regisseur Matteo Garrone.

Der inoffizielle Sieger des Linzer Wettbewerbs stand freilich schon vor dem Festival fest: Alle anderen, der großartige zweite Langfilm von Maren Ade, wird nach der preisträchtigen Premiere in Berlin bei Crossing Europe fairerweise nur noch im Panorama gezeigt (siehe Besprechung auf der rechten Seite).