Ein Gespräch mit Sergei Loznitsa zu seinem Film „In the Fog“
Sergei Loznitsa, geboren 1964 in der damaligen Weißrussischen Sowjetrepublik, wurde vor allem als Dokumentarfilmer bekannt. Seine Arbeiten, darunter der mehrfach ausgezeichnete Blockade (2005, über die Belagerung von Leningrad), beschäftigen sich vor allem mit der sowjetischen Geschichte. 2010 entstand sein erster Spielfilm My Joy. Er lebt seit 2001 in Deutschland. Beim Interview wirkt Loznitsa, als müsste er seine Nervosität dadurch kontrollieren, sich möglichst nicht zu bewegen, aber das ist vor allem Ausdruck seiner Bedachtheit. Auf Fragen antwortet er in langen Sätzen, er erzählt viel von selbst, und in allem, was er sagt, klingt eine Art verletzliche Entschlossenheit durch – keine impulsive, sondern eine gewachsene, erprobte, für gut befundene.
In the Fog ist ein Film, der über den Krieg erzählt, ohne je Kriegsszenen zu zeigen.
Ja, weil mich das, was an der Front passiert, Szenen einer Schlacht zum Beispiel, nicht interessiert. Mich interessieren die Umstände, welche die Menschen dazu zwingen, an die Front zu gehen, und ich glaube, die Gründe dafür kann man in ihrem Alltagsleben finden.
Das kulturelle Umfeld der Post-Sowjet-Zeit hat nicht gerade viele Arbeiten hervorgebracht, die eine ausgewogene Darstellung der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs bieten würden …
Das ist richtig. Aus verschiedenen Gründen, seien es Unterdrückung oder zu wenig Distanz, hatten Künstler während der Sowjet-Ära nur begrenzte Möglichkeiten, auf diese Ereignisse zu reflektieren und sie zu analysieren. Nehmen wir nur diese lächerliche Tatsache: Wir alle wissen, dass der Zweite Weltkrieg 1939 begann. Aber in den russischen Geschichtsbüchern ist das Datum offiziell mit 1941 angegeben, als Deutschland in Russland einmarschiert ist. Natürlich beeinflusst das die Wahrnehmung der Menschen in einem Land komplett. In den Köpfen der Mehrheit der Russen hat der Krieg also 1941 begonnen, sogar heute noch. Weil dieser Krieg mit einem „Sieg“ geendet hat, ist diese verdrehte „Tatsache“ sehr wichtig für das russische, patriotische Selbstverständnis und die Aufrechterhaltung einer Ideologie. Es ist klar, dass dieses Kapitel der Sowjet-Geschichte noch nicht genügend reflektiert und aufbereitet worden ist oder gar verstanden wurde. Es gibt immer noch Lektionen daraus zu lernen, es ist immer noch an der Zeit, zu trauern, und es gibt hier bestimmt nichts zu feiern.
In nur 72 Takes entwickelt dieser Film einen bemerkenswert starken Sog. Seine Struktur erinnert dabei sehr an die Form eines klassischen Dramas.
Ich hatte das Gefühl, dieser Geschichte eines Mannes, der sich plötzlich in einem dramatischen Konflikt wiederfindet, nur mit einer epischen Kamera beizukommen, sie auch wie ein Epos zu erzählen. Er ist eine starke Figur, er schreit nach dieser Form, weil sie ihm viel Raum gibt. Es gibt im Film zudem einige Szenen, in denen ich mich für die klassische amerikanische Montage entschieden habe. Zuerst war ich etwas besorgt deswegen, aber ich fand, in den Schlüsselszenen hat sie am besten funktioniert. Aber die Tatsache, dass Sie die Form hier direkt ansprechen, freut mich auf eine Weise, denn es stimmt, dass ich mich zum Beispiel in My Joy viel mehr am Dokumentarstil orientiert habe. Aber das hat sich hierfür nicht richtig angefühlt. Ich fand es tatsächlich regelrecht befreiend, mich hier ganz in einer klassischen Form zu versuchen. Aber ich bin über die Zeit, in der ich für meine Dokumentationen durch ganz Russland gereist bin, sehr froh, denn das ist für immer eine wertvolle Erfahrung. Die Geschichten, die ich dort gesammelt habe, sind unvergesslich. Bestimmt beeinflussen meine Dokumentarfilme meine Spielfilme, aber auch umgekehrt.
Thematisch ist die politische Geschichte Russlands – und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart – immer ein prominentes Thema in Ihren Filmen.
Um zu verstehen, was in unserem Leben, was in diesem Land heute passiert, müssen wir verstehen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Die geschichtlichen Ereignisse zu analysieren, die diese Nation traumatisiert haben, ist einer der Schlüssel zum Gegenwartsverständnis. In Blockade war es etwa mein Ziel, die Atmosphäre einer gefallenen Stadt zu kreieren und den Zuseher direkt in diese Stimmung hineinzustoßen. In Revue wollte ich mit verschiedenen Arten von Propagandamaterial experimentieren und sehen, wie der Einfluss dieser Bilder sich ändert, wenn wir die Tonqualität ändern oder das Material auf bestimmte Art schneiden. Es gibt im heutigen Russland immer noch viele Menschen, die Revue als nostalgischen Film bezeichnen würden, der die Sowjet-Vergangenheit zelebriert. Sie sehen: Es ist einfach eine Frage der Repräsentation und der Wahrnehmung.
Doch man muss auch sagen: Die Geschichte von In the Fog könnte irgendwo, zu irgendeiner Zeit passiert sein. Und trotzdem erzählt sie uns etwas über Russland. Unsere Mentalität, unsere Einstellungen und unser Verständnis von der Welt, sind bestimmt von unserer Geschichtsauffassung. Die Auswirkungen jenes Krieges sind immer noch sehr präsent, zum Beispiel in der Region von Smolensk, Nowgorod und St. Petersburg. Die Landschaft dort gleicht einer Kriegskarte, voller Krater, voller Gebäude, die nie wieder aufgebaut wurden. Diese Wunden sind auch in den Menschen dort sichtbar. Ich glaube grundsätzlich, dass zwischenmenschliche Beziehungen erst vor dem Hintergrund eines Krieges einerseits wirklich zum Tragen kommen und andererseits erst richtig sichtbar werden. In gewisser Weise ist Krieg eine Art Katalysator, der uns hilft, Dinge klarer zu sehen.
Sie sagen, Krieg begünstigt Klarheit, aber Sie nennen Ihren Film In the Fog. Ist das ein moralischer Nebel? Gibt es einen Helden, der daraus hervortritt?
Es gibt keinen Helden im konventionellen Sinn. Ich zitiere da gerne Wassili Bykow, der gesagt hat: „Ein Mann kann nicht alles, und in manchen Situationen kann er gar nichts.“ Wenn wir also von diesem Standpunkt aus von Heldentum sprechen, sind die Helden jene drei Männer, die hier den Akt der Sabotage vollführen und die dann hingerichtet wurden. Aber: Man muss auch sehen, dass sie nicht über die Konsequenzen ihres Handelns nachgedacht haben. Es war ihnen egal, was mit den Dorfbewohnern passieren würde, wenn die Sabotage am Volk gerächt würde. Meiner Meinung nach ist das dumm und unverantwortlich. Aber trotzdem wurden sie zu Helden erklärt, und zwar von denselben Leuten, welche die Hauptfigur im Film einen Verräter nennen würden. Es gibt also immer einen unsichtbaren Chor von Menschen, der immer und überall verurteilt. Aber besonders in einem Krieg geschieht das oft in einem verschwommenen Zwielicht.
Das Wort „Zwielicht“ erinnert mich daran, dass zum Beispiel in My Joy die brutalsten Szenen nachts passieren. Ist der Mensch am Tiefpunkt, wenn es dunkel ist?
Nein, ich würde sagen, Gewalt passiert hauptsächlich, wenn man meint, irgendwie erleuchtet worden zu sein. My Joy beschreibt den Zustand einer Gesellschaft, während In the Fog sich auf das Individuum konzentriert. Mich hat die Frage interessiert, wie ein Individuum mit einer Gesellschaft umgeht, die auf bestimmte Weise strukturiert und organisiert ist. Welche Auswegmöglichkeiten hat er aus jener Situation, in der ihn die Dysfunktion genau jener Gesellschaft gebracht hat? Speziell Russlands Geschichte ist eine tragische Serie von Dysfunktionen. Darüber muss man sprechen.
Ihr Film Portrait ähnelt in dieser Hinsicht eher einem stummen Schrei gegen die Zerstörung …
Der Film kommt ruhig daher, aber er birgt das Gefühl, dass vor unseren Augen gerade eine Bombe explodiert.
Das Gefühl von Explosion hatte ich stark bei Landscape.
Ja, der Film strahlt eine Härte aus, die mit einem Konzept der Aggression verbunden ist. Diese wird dadurch hervorgerufen, dass die sozialen Verbindungen in einer Gesellschaft nicht funktionieren. Generell sollte ja zwischenmenschliche Kommunikation, alles Zwischenmenschliche auf Vertrauen basieren können. Ich sollte Ihnen zum Beispiel den Rücken zukehren können, ohne etwas befürchten zu müssen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ich sollte in der Lage sein, Ihnen, obwohl ich Sie gar nicht kenne, zu vertrauen, allein auf Basis unausgesprochener, funktionierender zwischenmenschlicher Grundsätze.
Und, sind Sie dazu in der Lage?
Ich vertraue Ihnen natürlich, hier und jetzt, und bei dem, was wir hier tun. Aber für mich ist die Zeit des blinden Vertrauens noch nicht gekommen, wird sie vielleicht nie.
Ich erinnere mich an das Filmfestival Kinoforum in St. Petersburg vor zwei Jahren, bei dem die zahlreich eingeladenen Journalisten aus aller Welt natürlich gespannt waren, neue russische Filme sehen zu können. Sie wurden auch gezeigt, allerdings ohne jegliche Untertitel. Hat die russische Filmindustrie kein Interesse an Öffentlichkeit?
Das überrascht mich nicht im Geringsten, und ich will nicht einmal anfangen, das zu kommentieren, sonst sitzen wir morgen noch hier. Es gibt interessante junge Regisseure in Russland, aber die Finanzierungslage ist sehr, sehr instabil und nicht sehr transparent, um es so zu sagen. Viele versuchen, russische Blockbuster zu machen, weil da noch die größte Chance auf staatliche finanzielle Förderung besteht. Die Mehrheit der Filme, die unterstützt werden, sind so genannte patriotische Filme, man kann sie aber genauso gut Propagandafilme nennen. Vor kurzem erst kam ein mit zwölf Millionen Dollar geförderter Film heraus, über den Krieg in Georgien und natürlich hochgradig Russland-patriotisch. Ich weiß keine Zahlen, aber ich bin sicher, dass er nicht viel eingespielt hat. Das liegt auch daran, dass die Russen praktisch nicht ins Kino gehen. Jeder holt sich die Filme aus dem Internet.
Mir fällt da eine Anekdote ein, die mit My Joy zu tun hat. Der Film war nur in einem Kino gezeigt worden, vielleicht zwei- oder dreimal, und die russische Presse hat ihn furchtbar attackiert. Wohl auch deswegen wurde er extrem oft aus dem Internet runtergeladen. Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich war, als der offizielle russische Propaganda-Kanal vor einem Jahr die Ausstrahlungsrechte an diesem Film kaufte. Gezeigt haben sie ihn natürlich bis heute nicht, aber sie werden nicht müde, mich darum zu „bitten“, die „bösen Wörter“ aus dem Film zu nehmen. Ich soll ihn neu schneiden oder die Wörter über-biepen, ich weiß nicht, was sie sich genau vorstellen. Es ist einfach lächerlich.
Was erwarten Sie persönlich von einem guten FIlm?
Dass ich davon etwas lerne, etwas erfahre, das ich vorher nicht gewusst habe. Alles andere interessiert mich nicht besonders. Ob die Schauspieler gut sind oder die Kameraarbeit – das finde ich eigentlich langweilig. Mich interessiert, welche Gedanken der Film evoziert, provoziert. Denn wenn ich einen Film mache, versuche ich zu vermeiden, damit ein Urteil zu fällen. Für mich hat ein Film, eine kreative Arbeit die Funktion, vielleicht sogar die Aufgabe, Gedanken zu provozieren. Wird ein Publikum einem Film ausgesetzt, dann findet automatisch ein Gedankenprozess statt, und das will ich in einem Film sehen. Ich fühle mich selbst außerdem immer ein wenig verloren zwischen all den Kategorisierungen, die in Bezug auf Film gerne gemacht werden. Das erinnert mich immer an einen Witz aus Odessa: Ein Mann sagt zu seinem Freund: „Caruso ist ein schrecklicher Sänger.“ Fragt der Freund: „Woher weißt du das?“ – „Weil mir Rabinovich eines seiner Lieder vorgesungen hat.“ Es ist, wie Heraklit sagte: „Schlechte Zeugen sind den Menschen Augen und Ohren, wenn sie barbarische Seelen haben.“ Im Prinzip handelt In the Fog auch davon.
