Crossing Europe – Reisen in alle Richtungen

Reisen in alle Richtungen

| Elisabeth Huber :: Günter Pscheider |

Europa durchqueren: Ausgewählte Highlights aus dem umfangreichen Programm von Crossing Europe.

Die Erde ist der beste Platz im All“ (Mutter) und Europa zweifelsohne einer der besten Plätze der Erde, auch wenn dies durch den traditionell kritischen Blick europäischer Filmemacher auf den eigenen Lebensraum und die eigene Befindlichkeit stark in Frage gestellt wird. Obwohl die ökonomischen und weltanschaulichen Diskrepanzen zwischen einzelnen Nationen evident sind (was haben die Probleme von jugendlichen Alternative Bands aus dem Kosovo mit denen einer Ethik-Beauftragten des finnischen Mobiltelefon-Weltkonzerns Nokia zu tun?) und der Blick der meisten Filmemacher eher Vertrautes untersucht, kann man an Hand eines fokussierten Festivals wie Crossing Europe doch immer wieder zukünftige, nicht nur filmisch relevante Entwicklungen erahnen.

An den Rändern

Dem Titel des Festivals gemäß könnte man den Streifzug in Berlin beginnen, bei Mutter – für viele die beste unbekannte Band Deutschlands. Wir waren niemals hier ist der schöne Titel einer sensiblen Rockdokumentation von Antonia Ganz, schwankend zwischen Distanz und Glorifizierung der durchwegs interessanten Charaktere und ihrer beinahe mystischen Präsenz im pulsierenden Berlin der 80er Jahre. Schon seit 20 Jahren sind Mutter ein ewiger Geheimtipp mit einer seltsamen Mischung aus schweren Maschinensounds, emotionalen Ausbrüchen und kindlicher Naivität (über die Qualität der Musik lässt sich trefflich streiten). Das Warten auf den Erfolg und die gleichzeitige Suche nach Alternativen zehrt spürbar an den Nerven der Bandmitglieder. Mit schönen alten Super-8-Aufnahmen, den unvermeidlichen Interviews mit prominenten Fans wie Jochen Distelmeyer und „Experten“ wie Diedrich Diederichsen, Konzertausschnitten und vor allem dank der augenzwinkernden Selbstdarstellungen der Musiker zeichnet die Regisseurin ein adäquates Bild einer zerfallenden Gemeinschaft von starken Individuen, die sich neu orientieren müssen (der Schlagzeuger ist mit seiner Firma Schramm der Hausproduzent unter anderem von Christian Petzold).

Berühmt werden und einmal in MTV vorkommen, ist auch das wohl aussichtslose Ziel der Bands in Shuffle: Politics, Bullshit & Rock´n Roll, leben und arbeiten sie doch allesamt in Pristina, also nicht gerade am Nabel der Popwelt. Die Protagonisten wirken in ihrer Mischung aus Abgeklärtheit und Naivität wie die Bewohner eines weltumspannenden Jugendkulturdorfes, ihre Musik klingt auch nicht schlechter als der übliche Alternative-Einheitsbrei. Interessant wird der Film in den Momenten, wo die Politik und die tristen Lebensumstände (60 % Arbeitslosigkeit bei einer extrem jungen Population) sich oft gegen den Willen der Musiker ebenso ins Bild drängen wie die schnittigen Fahrzeuge der UNO-Kontrolleure. Trotz ihres trotzig zur Schau gestellten Individualismus eint die Underground-Akteure vor allem ihre Ohnmacht gegenüber den heftiger werdenden Kämpfen zwischen Albanern und Serben und ihre Abneigung gegen den im Kosovo äußerst populären „Turbofolk“.

Ebenfalls am Rande des wachsenden vereinten Europa und zusätzlich Am Rand der Städte haben sich viele „Deutschländer“ (Türken, die nach oft jahrzehntelanger Arbeit in Deutschland ihren Lebensabend in der Türkei verbringen wollen) angesiedelt. In bewachten Wohnsilos am Meer, deren schmucke Apartments für den Durchschnittstürken unbezahlbar wären, leben sie wie in einer Enklave, nirgends richtig zuhause. Wehmut und ein Gefühl der Einsamkeit dominieren den sensiblen Dokumentarfilm von Aysun Bademsoy. Viele vor allem jüngere Leute fühlen sich fremd, sie mussten erst mühsam wieder Türkisch lernen und sehnen sich nach Deutschland zurück, obwohl ihnen auch dort etwas fehlen würde: „Deutschland hat uns nur eins, nämlich Arbeit, und das sehr viel, gegeben“. Trotzdem wirken manche der Rückkehrer mit ihrer Kritik an den sorglosen Türken, die einfach ihre Sonnenblumenkerne irgendwo ausspucken, selbst schon wie schwäbische Häuslebauer. Etwas unstrukturiert, aber mit viel Einfühlungsvermögen wird uns vor allem durch die Offenheit der Protagonisten eine Welt zwischen den Werten näher gebracht, in der weder die Familie noch der Konsum eine bequeme Rückzugsmöglichkeit bedeuten.

Arbeitsplätze

Von schnell sprechenden Türken zu wortkargen Finnen ist es nicht nur geografisch ein weiter Weg. Im hohen Norden soll eine in spanischem Besitz befindliche Fabrik wegen der hohen Lohnkosten und der globalen Konkurrenz geschlossen werden. Ohne Interviews und Off-Kommentare erzählt Regisseur Erkko Lyytinen in The North Star wie in einem minimalistischen Thriller vom Kampf der Arbeiter und des Ortsvorstehers um die rettenden Aufträge der staatlichen finnischen Eisenbahn. Die Kamera hechelt der immer in Bewegung bleibenden Delegation nach, die in immer absurder werdenden Gesprächen beinahe das gesamte Parlament davon überzeugen will, mit Hilfe staatlicher Interventionen ihre Fabrik und die davon abhängenden Arbeitsplätze zu retten. Doch die strengen neoliberalen EU-Richtlinien, dass der mit dem niedrigsten Angebot den Auftrag kriegt, egal was das für die regionale Politik bedeuten mag, scheinen den Erfolg zu verhindern. Die sympathischen Don Quijotes gegen die europäischen Windmühlen vergessen übrigens nie, jedem Politiker, bei dem sie vorsprechen, ein Saunahandtuch aus ihrer Gegend zu überreichen.

Der lakonische Witz der Finnen zeigt sich auch in A Decent Factory. Diesmal führt die Reise von der finnischen Sauna direkt nach China. Nokia will angeblich wegen des wachsenden Drucks der Konsumenten die sozialen Standards in ihren Zulieferbetrieben in China erheben. Mit der Ethik-Beauftragten des Konzerns sehen wir 90 Minuten lang die Versuche der Fabriksmanager, die miserablen Arbeitsbedingungen zu vertuschen oder, wenn es gar nicht mehr anders geht, zu beschönigen. Die Kamera des Dokumentarfilmteams wird nur geduldet, weil die chinesische Firma glaubt, das Material werde nur Nokia-intern verwendet. Ob der gewissenhafte Bericht der Kommission darüber, dass den Arbeiterinnen ein großer Teil des ohnehin durch buchhalterische Tricks unter dem staatlichen Mindestlohn liegenden Salärs für minderwertiges Essen und eine gefängnisähnliche Unterkunft abgezogen wird, etwas an der Auftragsvergabe durch Nokia ändern wird, wird nicht nur von der Ethik-Beauftragten selbst bezweifelt.

Von China ins Weltall ist es jetzt nur mehr ein kleiner Schritt. The Wild Blue Yonder ist ein etwas undurchschaubares Mockumentary. Ein Mann starrt auf Windräder in der Wüste,
dann trippelt er vor verlassenen Hütten hin und her. Etwas seltsam ist er, kein Wunder, er ist ja ein Außerirdischer. Und auch was er uns zu erzählen hat, ist – wie könnte es bei Werner Herzog anders sein – weitab der Normalität: Er und seine Freunde verließen vor Jahrhunderten ihren unwirtlich gewordenen Planeten und landeten auf der Erde. Umso schlimmer, dass nun die Erdbewohner, selbst auf der Suche nach neuem Lebensraum, just auf ihrem Planeten strandeten. Doch die Handlung ist Nebensache. Man verliert sich in NASA-Found-Footage-Material oder in Unterwasseraufnahmen einer unwirklichen Meereswelt unter einer Eisdecke. Untermalt mit eigenwilliger Musik zwischen Cello, sardinischen Männerchören und afrikanischem Gesang, fließt alles zusammen zu einer bizarren Fantasy-Weltraumstory.