Vengeance

Crossing Europe | Vengeance

Roter Staub

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„Vengeance“ von Hongkong-Großmeister Johnnie To ist der brutalste der Crossing-Europe-Eröffnungsfilme.

Beim Kampf dreier chinesischer Mordprofis und eines französischen Gastronomen gegen ein weiteres Killertrio und ganze Scharen von schießwütigen Schurken erscheinen Hongkong und Macau als (fast) polizeifreie Zonen. Ungestört durch Einmischung uniformierter Gesetzeshüter liefern sich die Kontrahenten Feuergefechte im Dickicht der Städte, auf einem Müllplatz kommt es mit gewaltigem Schusswaffenarsenal zu einer regelrechten Schlacht.

Schon in früheren Krimis haben sich Johnnie To und sein Milkyway-Kreativteam wenig um realistische Szenarien geschert und stattdessen ihrer Fantasie freien Lauf gelassen bei der dezidiert stilisierenden Darstellung von Konflikten im kriminellen Milieu. Dabei hat der Hongkong-Kinoveteran To im Lauf seiner langen Karriere eine immer größere Kunstfertigkeit entwickelt, ohne jedoch in Routine zu erstarren. Dem in die USA emigrierten ehemaligen „König des kantonesischen Gangsterfilms“, John Woo, hat er längst den Rang abgelaufen. Während Woo seine Szenarien ernst nahm und melodramatisch auf die Spitze trieb, arbeitet To viel spielerischer und experimentierfreudiger. In Vengeance spritzt das Blut nicht, sondern wirbelt auf wie roter Staub. Meisterhaft komponiert ist die (von David Richardson geschnittene) Parallelmontage, welche den brutalen Mordüberfall auf eine Familie in ihrem Haus in Verbindung mit den später am Tatort ermittelnden Rächern zeigt. Eine Schießerei im Park ist inszeniert wie ein Western-Showdown, und mehrfach zitiert To aus seinem eigenen Oeuvre, die ballettartige Regenschirmszene aus Sparrow, oder die Mätzchen der Mordprofis während der Ruhepausen, wie in The Mission, einem von Tos besten, erzählökonomisch herausragenden Filmen.

Eine an Lakonie grenzende Abgeklärtheit ist die vorzugsweise zur Schau getragene Gemütsverfassung der vier Hauptfiguren. Francis Costello aus Paris will in Macau die Ermordung des Ehemannes und der Kinder seiner schwerverletzt überlebenden Tochter rächen, und da er sich vor Ort nicht ausgekennt, heuert er drei wortkarge Hongkonger Killer als Erfüllungsgehilfen an. Die erledigen den Job mit kaltblütiger Präzision, geraten dabei aber ins Visier des Gangsterbosses George Fung. Simon Yam stellt ihn mit Spielwitz als eitlen, ewig grinsenden Geck dar, der sich nur für Frauen, Delikatessen und Rotwein zu interessieren scheint und sich bei Schießübungen mit dem Präzisionsgewehr auf menschliche Ziele amüsiert – eine absurde Figur.

Eher als Nullmime erweist sich dagegen Johnny Hallyday in der Rolle des Costello. Mit maskenhafter Miene, Hut und Mantel, die winzigen Äuglein meist hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille verborgen (selbst bei Nacht), sieht er aus wie eine Comic-Heft-Figur. Die verlebte Physiognomie des 66 Jahre alten ehemaligen Gesangstars gleicht der verwitterten Visage der Country-Legende Merle Haggard. Ursprünglich war Alain Delon vorgesehen für den Part des Parisers, doch der mochte das Drehbuch nicht.

In gewohnt guter Form agieren dagegen Anthony Wong, Lam Ka-tung und Lam Suet als coole Killer mit charakteristischen Manierismen. Alle drei gehören zu den immer wieder eingesetzten Stamm-Schauspielern von Johnnie To. Kameramann Cheng Siu-keung hat bereits rund 30 Filme für To gedreht und liefert wieder exquisite Einstellungen, wobei das Breitwandformat manchmal zu zwei Dritteln dunkel bleibt und das Geschehen nur am Rande zu sehen ist. Die vorzüglich gewählten Drehorte, die stimmungsvolle Musik, der ganze Detailreichtum des Films erschließt sich erst bei wiederholtem Sehen, am Ende löst sich alles in Gelächter auf.