Film-Galerien

Curated by_vienna

| Helene Sorger |

Curated by_vienna vereint im Rahmen der Viennafair zwanzig Wiener Galerien und unterschiedlichste künstlerische Positionen unter dem gemeinsamen Titel art&film. Kuratiert werden die Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern.

Die Viennafair, Wiens internationale Messe für zeitgenössische Kunst, lockt im Mai zum sechsten Mal kunstinteressiertes Publikum, Galeristen und Sammler in die Stadt. Bei dieser Gelegenheit auf die heimische Galerienszene aufmerksam zu machen und gleichzeitig neue Wege der Zusammenarbeit zwischen Galerien und Kuratoren zu erproben, ist der Anspruch von curated by_vienna. Schon im Vorjahr wurde das ambitionierte Projekt von Departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, erfolgreich durchgeführt. Heuer ist das international einzigartige Konzept auf zwanzig beteiligte Galerien und ebenso viele Künstlerinnen und Künstler angewachsen, die erstmals parallel laufende Ausstellungen zu einem gemeinsamen Thema konzipiert haben. Als Fokus wurden künstlerische Positionen an der Schnittstelle zum Film gewählt, für Christoph Thun-Hohenstein, Geschäftsführer von Departure, eines der momentan interessantesten Beziehungsgefüge im kulturellen Feld: „Die Verschränkung von filmischen und künstlerischen Arbeits- und Präsentationsformen hat vor allem in den letzten zehn Jahren neue Dimensionen eröffnet, die aus dem internationalen Kunstbetrieb nicht mehr wegzudenken sind. Ebenso angesichts der aktuellen und vergangenen österreichischen Leistungen auf dem Gebiet des Films ist dieses Thema auch für den Filmstandort Wien von besonderem Interesse.“ Unter den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern finden sich vor allem österreichische, aber auch internationale Größen mit ganz unterschiedlichem Bezug zum Thema Film. Dem entsprechend vielfältig sind die Ausstellungskonzepte, die von dokumentarischen Ansätzen über Experimentalfilme und raumgreifende Installationen bis zur völligen Absorption des Kinos in künstlerische Objekte reichen.

Film als kollektive Blindheit

So beschäftigt sich beispielsweise Martin Arnold, der mit Arbeiten wie pièce touchée und Alone. Life Wastes Andy Hardy als Experimentalfilmer international bekannt wurde, für seine Ausstellung in der Galerie Martin Janda mit einem für das Kino typischen kollektiven Moment des Nicht-Sehens, dem Blinzeln. Anregung dazu war die Situation des als Kunstwerk präsentierten Films: „Vom Kuratorischen her bin ich zunächst vom Thema Loop ausgegangen, weil Filme in Galerien und Museen nur als Loops gezeigt werden können. Eine Geschichte des Loops zu skizzieren wäre natürlich spannend, falls man Ausstellungshallen füllen kann. Galerien sind aber keine Museen und deshalb musste ich weitere Einschränkungen vornehmen. ,Blinzeln‘ war dann die beste Idee, weil hier ein sehr spezifisches Loop geschlossen wird, nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Publikum.” Wie Untersuchungen zeigen, blinzelt etwa ein Drittel des Publikums im Kino synchron, und bei wiederholter Vorführung des Films sogar an denselben Stellen; in einer Minute werden so durchschnittlich 6 Sekunden kollektive Blindheit erzeugt. Die drei von Martin Arnold ausgewählten Filme stehen paradigmatisch für künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Übersehen und Nicht-Wahrnehmen: Arnold selbst widmet sich dem sehenswerten Moment des Lidschlags in Cartoons, Runa Islam dem blinzlerischen Tagträumen und Owen Land den sogenannten China Girls, jenen anonymen Schönheiten, die – für den Bruchteil einer Sekunde und vom Publikum unbemerkt – zum Farbabgleich am Beginn von Filmrollen erschienen.

Film als Kehrseite der Kunst

Pierre Bismuth, der als Kurator für die Christine König Galerie verantwortlich ist, hatte als umtriebiger Künstler verschiedener Disziplinen nie besonderes Interesse am Film, bis er durch seine eher zufällige Mitarbeit am Drehbuch zu Michel Gondrys Eternal Sunshine of the Spotless Mind zum Oscar-Preisträger wurde. Tatsächlich schätzt er an der Kunst im Gegensatz zur auf ein Massenpublikum ausgerichteten Filmindustrie vor allem ihre Tendenz zum Intimen und Esoterischen. Als Kurator nahm er mit etwas ironischen Hintergedanken weder auf die beträchtliche Anzahl der mit Film arbeitenden Künstler Rücksicht, noch auf die übliche Art, Film in Galerien zu präsentieren: „Für Filmprojektionen verdunkelte Galerien mochte ich nie, und ich mag es auch nicht, als Zuschauer zum Ausharren gezwungen zu sein. Das erste Kriterium der Auswahl war einfach, dass ich die Werke interessant fand, noch bevor ich ein gemeinsames oder koordinierendes Konzept definieren konnte. Dabei bemerkte ich zwei Tendenzen: Die eine ist ‚Appropriation‘, das heißt, bereits existierende Filme werden verwendet, um etwas Neues zu schaffen. Die andere habe ich die ‚strukturelle Dekonstruktion des Kinos‘ genannt – das heißt, dass jedes Werk sich nur auf einen Aspekt des Kinos bezieht. Zum Beispiel hat man dann eine Arbeit, die sich auf ‚Bewegung‘ bezieht; eine andere mit statischen Bildern von Schauspielern; eine andere verwendet Lichtprojektion, und wieder eine andere eine Leinwand. Am Ende ergeben alle Arbeiten zusammen buchstäblich ‚Bewegte/Bilder/mit Schauspielern/projiziert/auf Leinwand‘.“

Pierre Bismuth ist auch zu einer der Paneldiskussionen im Rahmenprogramm der Viennafair eingeladen, ebenso wie etwa die Regisseurin Jessica Hausner oder der österreichische Künstler Mathias Poledna. Dessen Ausstellung in der Galerie Meyer Kainer ist eine großräumige Installation, die sich mit den Geschichten von Architektur, Ausstellungsgestaltung und kommerzieller Bildproduktion befasst. Schon die genannten Beispiele lassen also die Bandbreite der unter dem Titel art&film vereinten Positionen erkennen, eine Eigenschaft des Projekts, die es auch inhaltlich einem größeren Publikum zugänglich macht. Christoph Thun-Hohenstein ist jedenfalls überzeugt, dass der medienübergreifende Fokus das Interesse an den Ausstellungen auf beiden Seiten steigern wird: „Die Schnittstellenthematik von curated by_vienna ist ein zentrales Anliegen von Departure, um stärkere Querverbindungen zwischen einzelnen Kreativdisziplinen herzustellen und hier über das Medium Film auch ein neues Publikum für zeitgenössische Kunst zu erreichen – und umgekehrt.“