Filmkritik

Dämonen und Wunder - Dheepan / Dheepan

| Roman Scheiber |
Jacques Audiards goldpalmengekröntes Flüchtlingsfamiliendrama

In Zeiten erhöhten Terroralarms und schwer zu kanalisierender Immigrationsbewegungen nimmt sich so eine Geschichte vordergründig politisch brisant aus: Der Tamil-Kämpfer Dheepan flieht aus Sri Lanka und versucht mit seiner zusammengewürfelten Scheinfamilie in Europa Frieden zu finden. Mit der jungen Yalini als widerwilliger Ersatzmutter der verwaisten Illayal landet er in einem tristen Wohnblock der Pariser Banlieue. Trotz zunächst massiver Sprachprobleme findet das Paar erstaunlich rasch Arbeit, Illayal wird in die Schule gesteckt, man versucht sich zu assimilieren und nicht weiter aufzufallen. Dass die neue Heimat von einer Drogenhändlerbande beherrscht wird, scheint Dheepan zunächst wenig zu irritieren. Derweil er sich bemüht, aus der Scheinfamilie eine richtige zu machen, baut sich jedoch eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre auf. Deren Entladung wuchtet Jacques Audiard schließlich mit einer Intensität auf die Leinwand, die im Fach des affektbetonteren Autorenkinos derzeit ihresgleichen sucht.

Der heute 63-jährige Audiard, zunächst vor allem als Drehbuchautor erfolgreich, etablierte sich erst spät als Regisseur von Filmen wie De battre mon coeur s‘est arrêté / Der wilde Schlag meines Herzens (2005), die den Auteur zugleich als versierten Genre-Experten (Noir, Krimi, Thriller) und Gestalter realistischer Gewaltszenarien auswiesen. Sein zu Recht gefeiertes Gefängnisdrama Un prophète / Ein Prophet (2009, siehe ausführlich „ray“ 05/10) ist eine wundersame Verbindung sozialrealistischer Härte und mythologisch angehauchter Poesie. Alle seine Filme, Dheepan inklusive, verbindet ein starkes Interesse an den Lernprozessen ihrer Hauptfiguren.

Die Gefahr, die von diesem Immigranten ausgeht, hat nichts mit religiös-politisch motiviertem Terror zu tun. Sie wurzelt in den tiefen Wunden, die der Bürgerkrieg in seiner Heimat in ihm hinterlassen hat, getriggert wird sie durch einen Angriff auf sein neues Leben. Der Amoklauf eines in die Enge getriebenen Außenseiters als laute Liebeserklärung: Im Kampf um die neue Familie, die als Kollateralschaden einem aus Dheepans Sicht völlig unverständlichen Bandenkrieg zum Opfer zu fallen droht, versetzt Audiard seinen Protagonisten in ein verdrängtes Rachemuster zurück. In Antonythasan Jesuthasan, selbst einst Kindersoldat in Sri Lanka und nach Frankreich emigriert, fand er einen außergewöhnlichen Darsteller für dieses ungewöhnliche Liebesdrama, das mit einer gewagten, surreal optimistischen Note ausklingt.