Dass dänische Spielfilme international Oscars und viele andere Preise gewinnen und zu Hause die Kinos füllen, ist bekannt. Ähnlich umtriebig und erfolgreich ist man in Dänemark auch auf dem Gebiet des Dokumentarfilms, der aber hauptsächlich im Fernsehen stattfindet. Das alles geschieht vor dem Hintergrund eines stetig steigenden Förderbudgets. Ein Überblick.
Ganz aktuell: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe wurden beim renommierten Filmfestival in San Sebastian 2020 als Ensemble in Thomas Vinterbergs neuem kontroversen Film Another Round mit dem Best Actors Award prämiert. Das ist ein Eintrag mehr in der kaum noch überschaubaren Liste der Auszeichnungen, mit denen dänische Spielfilme seit vielen Jahren geradezu überhäuft werden, darunter drei Best-International-Feature-Oscars, wie das seit 2019 heißt, zuletzt für Susanne Biers In a Better World (2010). In den Jahren 2013, 2014, 2016 und 2017 (!) waren dänische Filme für diesen Oscar nominiert. Dänische Schauspielerinnen und Schauspieler, Mads Mikkelsen allen voran, aber auch Kim Bodnia, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen und andere, sind Stars in internationalen Großproduktionen und Serien.
STURM AUF DIE KINOS
2018 (das sind die aktuellsten vorliegenden Zahlen) gingen die 5,8 Millionen Däninnen und Dänen (Österreich: 8,9 Millionen) 12,5 Millionen mal in die Kinos (Österreich: 13,7 Millionen). 3,7 Millionen schauten sich dabei einen dänischen Film an, das ergibt einen nationalen Marktanteil von satten 30 Prozent (Österreich: äh …), den vierthöchsten in Europa, nach Frankreich, Polen und Großbritannien. Für die umtriebige dänische Filmwirtschaft war das nach dem „Katastrophenjahr“ 2016 („nur“ 21 Prozent) eine Genugtuung. In einem Land, in dem die Zahl der Kinos und der Kinosäle (416 im Jahr 2014, 470 im Jahr 2018) seit Jahren kontinuierlich steigt, kann einen das nicht wirklich wundern, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Budget des nahezu für alles zuständigen Dansk Film Institutet (Stichwort „one-stop shop“) inklusive zweier regionaler Förderstellen kontinuierlich und konsequent angehoben wird. Waren es 2016 noch 63 Millionen Euro jährlich und 2018 68,5 Millionen, so ist man mittlerweile bei 75 Millionen Euro angelangt – und das garantiert bis 2023. Danach wird im Parlament neu abgestimmt, die Erhöhung um weitere rund zehn Prozent gilt aber als abgemacht. Das sogenannte „Film Agreement“ macht es möglich. Darin ist neben der überragenden Bedeutung des Mediums Film für die Kultur und die Wirtschaft des Landes unter anderem auch festgeschrieben, dass die Nachwuchspflege ein zentrales, quasi nationales Anliegen der dänischen Filmindustrie zu sein habe. Von den 68,5 Millionen Budget entfielen 2018 lediglich 15,8 Millionen auf Verwaltungskosten, während der Löwenanteil von 52,7 Millionen für Produktion, Vertrieb, Marketing, Kinoförderung usw. ausgegeben wurde. Allein vier Millionen Euro standen für das Nachwuchsprogramm New Danish Screen zu Buche.
Immer wieder das gleiche Bild auch bei den Filmen im Kino: Sagenhafte 750.000 Menschen sahen The Purity of Vengeance, einen Thriller von Christoffer Boe (umgelegt auf Österreich, müssten hierzulande 1,12 Millionen Leute den Spitzenfilm sehen), ziemlich genau 400.000 Ole Bornedals Biopic The Way to Mandalay und 387.000 Bille Augusts Literaturverfilmung A Fortunate Man. Diese Filme belegten – ebenfalls unfassbar – die ersten drei Plätze in den Kinocharts 2018; erst auf Platz 4 und 5 folgten mit The Incredibles 2 und Avengers: Infinity War die ersten Hollywood-Kracher. Nicht weniger als fünf lokale Spielfilme erreichten im Jahr 2018 mehr als 300.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, eine Zahl die in Österreich seit vielen Jahren kein Film mehr erreicht hat.
DOKUMENTARFILME FÜRS FERNSEHEN
Es mag angesichts der Exportfähigkeit und der starken internationalen Präsenz dänischer Spielfilme und talents ein wenig überraschend erscheinen, aber in Dänemark werden de facto etwa gleich viele Spielfilme wie Dokumentarfilme gefördert (22:21 im Jahr 2018, dazu kommen zehn bzw. fünf minoritäre Ko-Produktionen). Es sei daran erinnert, dass einige der aufsehenerregendsten und international meist diskutierten und ausgezeichneten Dokumentarfilme der letzten Jahre mit dänischem Geld (zumindest ko-)produziert wurden. Man denke an Anders Østergaards Burma VJ – Berichte aus einem verschlossenen Land (2008, Oscar-Nominierung), Armadillo (2010), Janus Metz’ kontroversen Film über eine Gruppe dänischer Soldaten in Afghanistan (vier Nominierungen für den News & Documentary Emmy Award), Joshua Oppenheimers ebenso umstrittene Filme The Act of Killing (2012, Europäischer Filmpreis und Oscar-Nominierung) und The Look of Silence (2014, Oscar-Nominierung), Michael Madsens The Visit (2015) oder Peter Anthonys The Man Who Saved the World (2015, ausgezeichnet u.a. mit dem nationalen Bodil-Preis für den besten Dokumentarfilm 2016). Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist The Democrats (2015) von Camilla Nielsson, unter anderem gewürdigt als bester Dokumentarfilm beim prestigeträchtigen Tribeca-Filmfestival in New York. Darin geht es um den schwierigen Prozess, eine neue, demokratische Verfassung für Simbabwe zu schaffen.
Wie alle dänischen Dokumentarfilme entstand auch The Democrats mit finanzieller Unterstützung durch den (dazu gesetzlich verpflichteten) staatlichen Rundfunksender DR, dessen ehemalige Dokumentarfilm-Chefin Mette Hoffman Meyer bis heute eine treibende Kraft im dänischen Filmbusiness ist. Auch die im Fernsehen enorm erfolgreiche Reihe „Documania“ ging auf ihre Initiative mzurück (Aktuell ist sie CEO von The Why Foundation, die global relevante Dokumentarfilme produziert und sie mittels eines sozial gestaffelten Tarifsystems an Kinos, Sendeanstalten, Schulen, NGOs usw. verleiht, sodass Menschen in schlechter entwickelten Ländern sie sehen können. Zuletzt entstand die achtteilige Reihe mit dem bezeichnenden Titel Why Poverty, die mehr als 500 Millionen Menschen erreichte). Ein Großteil der dänischen Dokumentarfilme, darunter die bereits erwähnten, hat, dem internationalen Trend folgend, „globale“ Themen. Wie sagte doch die DR-Producerin Ditte Christiansen schon im „ray“-Interview im Mai 2015? „,Dänische Dokumentarfilme’, so etwas gibt es gar nicht mehr wirklich, das sind heute fast durchwegs Ko-Produktionen. Die Welt ist ja längst zusammengerückt.“
Ein gravierender Unterschied zu Österreich ist allerdings, dass dänische Dokumentarfilme in wesentlich geringerer Zahl in die Kinos kommen als hierzulande: 2016 waren es gerade einmal sieben, 2018 immerhin zwölf. Gemeinsam verkauften diese zwölf Filme nur knapp 37.000 Tickets (ein Schicksal, das sie, wie bekannt, mit vielen österreichischen Kino-Dokumentarfilmen teilen). Publikumsträchtige dokumentarische Höhenflüge wie jene von Erwin Wagenhofer oder Werner Boote (um nur zwei zu nennen) mit weit mehr als 100.000 Zuschauern oder noch mehr gibt es aus Dänemark nicht zu vermelden: Der im Kino erfolgreichste Dokumentarfilm, und das ist schon eine Weile her, war besagter Armadillo im Jahr 2010 mit mehr als 118.000 Besucherinnen und Besuchern, der weltberühmte The Act of Killing hingegen, harte Kost, wie man weiß, erreichte lediglich 6.500 Menschen.
Für das Publikum in Dänemark scheint die Sache völlig klar zu sein: Spielfilme stürmt man im Kino, dem Dokumentarfilm beschert man dafür im Fernsehen unglaubliche Rekordquoten. Die vierteilige Doku-Serie The Stranger von Nicole Nielsen Horanyi erreichte in drei Ausstrahlungen nicht weniger als zwischen 840.000 (Folge 4) und 899.000 Zuschauern (Folge 3). The Stranger ist eine Art Hybrid mit Dokumentar- und Spielfilmelementen über eine Frau, die via Facebook einen Mann kennenlernt; sie zieht mit ihrer Tochter zu ihm, doch allmählich entdeckt sie, dass er offensichtlich nicht der ist, als der er sich ausgegeben hat. Ähnlich beeindruckende Zahlen weisen Iben Haahr Andersens Life According to Anton oder Ulla Søes zweiteiliger Film My Great Confirmation auf. Mira Jargils und Christian Sønderby Jepsens The Christmas Brothers erreichte in einer einzigen Ausstrahlung 339.000 Menschen (Das Regie-Duo wurde 2018 auch mit dem Roos Award für außergewöhnliche Leistungen im dänischen Dokumentarfilm ausgezeichnet). Ähnliche Zahlen erreichte 2017 die spektakuläre, abendfüllende TV-Produktion Illegal in Denmark, eine Art Undercover-Reportage, die der brisanten Frage nachging, wie nicht weniger als 18.000 „illegale“ Immigrantinnen und Immigranten in einem sozialstaatlich durchorganisierten Land wie Dänemark durch die Maschen schlüpfen konnten. Was tun sie? Wie leben sie? Wie stillen sie ihre täglichen Bedürfnisse? Die Dokumentation wirbelte bei ihrer Erstausstrahlung auf TV2 sehr viel Staub auf und sorgte für hoch emotionale Debatten – und was kann man Besseres über einen Dokumentarfilm sagen?
NETZWERKEN
Spricht man über Dänemark und Dokumentarfilm, kommt man um CPH:DOX nicht herum. Unter diesem flotten Titel leistet sich das kleine Land seit 2003 ein internationales Dokumentarfilmfestival in Kopenhagen, inzwischen eines der größten der Welt. Die Zahl der Besucherinnen und Besucher stieg von 2003 auf 2015 um mehr als das Siebenfache, von 12.000 auf mehr als 91.000, im Jahr 2019 waren es gar schon 114.000 (2020 gab es, aus den bekannten Gründen, eine Online-Version). Das Festival fand viele Jahre lang im eher ungastlichen November statt, 2017 dann erstmals im März. CPH:DOX gehört wie die ähnlich gestrickten Festivals von Jihlava, Leipzig, Lissabon, Marseille, Nyon und Warschau zum höchst aktiven Zusammenschluss „Doc Alliance“, der inzwischen zu einer treibenden Kraft im europäischen Dokumentarfilm geworden ist und Filme längst auch online (dafilms.com) und günstig als Streams anbietet. Das Angebot umfasst inzwischen mehr als 1.500 Dokumentarfilme und wächst ständig. Wie seine Partnerveranstaltungen ist CPH:DOX ein Festival modernsten Zuschnitts, soll heißen: Es versteht sich zwar als Ort, an dem auch Filme gezeigt werden (und zwar wirklich viele Filme), aber vor allem ist CPH:DOX ein großer Treffpunkt für die Branche, die hier weiter an ihren Netzwerken webt, mit deren Hilfe Dokumentarfilm (noch) stärker gefördert, noch mehr produziert und noch intensiver im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert werden soll. In Veranstaltungen wie CPH:PITCH, CPH:FORUM, CPH:MARKET, CPH:MEETINGS oder CPH:CONFERENCE wird gepitcht, gebrieft, informiert und diskutiert von früh bis spät, und natürlich geht es spätabends mit Feiern und Small Talk in den Hotelbars und im Festivalzentrum weiter. Es gibt (selbstverständlich, möchte man sagen) Kooperation mit Netflix und mit National Geographic, einen kuratierten Video-on-Demand-Markt für Dokumentarfilme und mit CPH:LAB ein sehr aktives Talente-Programm, dessen Team auch Festivaldirektorin Tine Fischer angehört.
MISSION DOKUMENTARFILM
„CPH:DOX is devoted to supporting independent and innovative filmmaking and presents the best and brightest in contemporary non-fiction, art cinema and experimental film“, lautet die Kurzfassung des Mission Statements. In nicht weniger als sechs Wettbewerben matchen sich – zumindest in Nicht-Corona-Zeiten – mehr als 200 Filme, von denen eine stattliche Anzahl dänische (Ko-)Produktionen sind. Diese sind über die Wettbewerbssektionen verstreut, viele weitere finden sich in der Info-Schau „Danish:Dox“. Manche von ihnen sind schon aufgrund ihrer Zeitangaben (52 Minuten, 60 Minuten) als Fernsehproduktionen erkennbar: Dokumentarfilm pendelt sich eben aufgrund des unersättlichen Bedarfs von TV-Sendern, VoD- und Streaming-Plattformen immer öfter in dieser Länge ein. Es gibt aber auch viele „ausgewachsene“ Filme, allen voran der Eröffnungsfilm, nicht zufällig ein Film mit einem politischen Thema: Die dänisch-norwegische Ko-Produktion The Fight for Greenland von Kenneth Sorento beschäftigt sich mit den Unabhängigkeitsbestrebungen in Grönland. Immer wieder geht es in den Filmen des Festivals um Geflüchtete (Reunited, A New Beginning), um den Kampf gegen den Klimawandel (Journey to Utopia), aber auch um die dunkle Vergangenheit vieler lateinamerikanischer Länder (A Colombian Family, Songs of Repression).
Für letzteren Film, der über einen Zeitraum von 18 Monaten gedreht wurde und sich mit der berühmt-berüchtigten Colonia Dignidad (heute: Villa Baviera) in Chile beschäftigt, in der immer noch 120 traumatisierte Missbrauchsopfer leben, gewannen Marianne Hougen-Moraga und Estephan Wagner auch den Hauptpreis, den Dox:Award, und den Danish:Dox-Award. Auch in der Reihe Nordic:Dox ging der Sieg an Dänemark bzw. an Being Eriko von Jannik Splidsboel. Zwar waren auch einige wenige etablierte Dokumentarfilmschaffende wie Hubert Sauper, Ai Weiwei oder J.P. Sniadecki im Programm vertreten, aber der Schwerpunkt lag 2020 eindeutig auf Nachwuchskräften. Die Zukunft kann, zumindest was das dänische Dokumentarfilmschaffen betrifft, kommen.
