Dänischer Film

Bindung und Freiheit

| Roman Scheiber |
In „Die Kommune“ leuchten Thomas Vinterberg und sein Ko-Autor Tobias Lindholm facettenreich das Leben im Kollektiv aus.

Mit der Wohngemeinschaft ist das so eine Sache. Zusammen ist man weniger allein, das schon, aber allein produziert man weniger Chaos, das andere aufräumen müssen. Es ist immer wer da zum Reden, Trinken, Lachen, Sich-Ausweinen. Aber es ist auch immer wer da zum Nerven, Lärmen, Sich-Aufspielen und Anstecken mit gerade vorherrschenden eigenen Befindlichkeiten. In einer WG zu leben, ist heute in der Regel kein politisches Statement oder ein Persilschein für libertäre Libido. Schon eher hat es mit steigenden Preisen am Wohnungsmarkt zu tun. Studierende, Alleinerziehende, Pensionisten oder Pendler schließen sich aus pragmatischen Gründen zu WGs zusammen. Die WG als Lebensform ist heute in etwa so radikal wie als Single oder Mitglied einer Patchwork-Familie zu leben.

Mitte der siebziger Jahre war das anders. Eine WG zu gründen war mehr oder weniger ein revolutionärer Akt, mindestens aber so gemeint. Getragen von einer gesellschaftspolitischen Idee, vom Glauben an eine bessere Welt, in der nicht Geld, Besitz und Macht die Triebfedern sind, sondern Mitmenschlichkeit, individuelle Entfaltung ohne gesellschaftlichen Druck, gleiches Recht für alle, demokratischer Konsens im Kleinen. Eine Abkehr vom materiellen Streben der Wiederaufbaugeneration und von patriarchalen Strukturen, nicht weniger als einen Aufbruch in eine neue Gesellschaftsform versprachen sich die ersten Kommunarden, ob sie sich nun als dezidiert politische Zellen verstanden (z.B. die Berliner „Kommune 1“), an die sozialen Utopien der 68er-Bewegung glaubten oder einfach lässig und cool und frei von kleinbürgerlicher Engstirnigkeit sein wollten.

Im Fall von Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Trine Dyrholm) entsteht die WG aus einer Mischung von Zufall und vagem Veränderungswunsch. Wir befinden uns in Kopenhagen um 1975. Erik, ein Architekturprofessor mit Hang zu Mieselsucht und Jähzorn, erbt eine etwas heruntergekommene Villa in einem besseren Viertel und besichtigt sie mit seiner Frau Anna, einer sympathischen TV-Nachrichtensprecherin, und der 14-jährigen Tochter Freja. Den Betrieb des riesigen Hauses allein zu finanzieren, erscheint unmöglich, aber Anna kommt die Gelegenheit gerade recht, ihre Beziehungsroutine mit Hilfe befreundeter geselliger Mitbewohner aufzubrechen. Nolens, volens macht Erik mit und verzichtet sogar auf das Eigentumsrecht an der Villa. Die folgenden Casting-Runden ergeben ein buntes Ensemble, das sich selbst gezimmerten, solidarischen Regeln unterwirft und gutwillig Gemeinschaftsgefühle wachsen lässt.

So weit, so fried- und freud- und voll von Eierkuchen. Kleinere Reibereien bügelt man locker in obligatorischen Hausversammlungen wieder aus, man feiert Gelage oder badet nackt (das gab und gibt es übrigens auch auf dem Gelände von Lars von Triers und Vinterbergs Produktionsfirma Zentropa), mit einem Wort: man genießt das Leben im Kollektiv in vollen Zügen. Erst als die so genannte „freie Liebe“ ins Spiel kommt, wird es kompliziert. Als nämlich die hübsche Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) Erik Avancen macht, wird seine latent autoritäre Persönlichkeitsstruktur evident – und erweist sich als Zeitbombe für die frischgebackene Großfamilie. Erik belässt es nicht bei einer Affäre mit Emma, sondern will die Neue bald auch noch als Mitbewohnerin durchdrücken. Derweil Anna versucht, sich in ihr Schicksal zu fügen, derweil Freja sich von ihren Eltern entfremdet und heimlich verliebt, nimmt das Drama seinen Lauf – katalysiert nicht zuletzt durch eine Krankheit des jüngsten WG-Mitglieds.

Für Die Kommune / Kollektivet schöpfte Regisseur Thomas Vinterberg primär aus eigenen Erlebnissen, er selbst lebte im Alter zwischen sieben und neunzehn Jahren in einer solchen. „Das war eine verrückte, herzliche, tolle Zeit für mich inmitten von Nackten, Bier, hochgestochenen Diskussionen, Liebe und persönlichen Tragödien“, erzählt Vinterberg. „Für mich war jeder Tag dort wie ein Märchen. Allein nur den eigenen privaten Raum zu verlassen und sich in die Gemeinschaftsbereiche zu begeben, konnte bedeuten, dass man eine Fülle von überraschenden Szenen erlebte, denn die anderen Bewohner hatten recht exzentrische Angewohnheiten.“ Basierend auf derlei Erfahrungen schrieb und inszenierte Vinterberg (gemeinsam mit Mogens Rukov) 2011 für das Wiener Burgtheater das gleichnamige Theaterstück, welches von Publikum und Kritik großteils überschwänglich aufgenommen wurde. Zusammen mit seinem Freund und langjährigen Kollaborateur Tobias Lindholm (siehe auch die folgenden Interviews) adaptierte er den Stoff nun fürs Kino – und überzeugt auch in seinem angestammten Metier.

In ausgewaschener, erdtonreicher Ästhetik (Kamera: Jesper Töffner), mischen sich auf vergnügliche, mitunter berührende und nicht zuletzt erhellende Weise Nostalgie und Abgeklärtheit, wird die Kluft zwischen Theorie und Praxis und, wenn man so will, zwischen Philosophie und Biologie, spürbar. Dabei ist Die Kommune kein Message Movie, das die Lebensform der WG verteufeln oder feiern will. Vielmehr nutzt der Film das Setup, um psychogrammatisch das Innenleben seiner Figuren auszuloten. Nicht selten, z.B. am gemeinsamen Esstisch, nimmt er die Perspektive der Tochter ein. Freja (ein starkes Debüt von Martha Sofie Wallstrom Hansen) leidet unter dem halböffentlichen Verfall der eigenen Mutter (für dessen Darstellung Trine Dyrholm verdient einen Silbernen Bären erhielt) – wenn schon die erwachsenen, freiwilligen Kommunarden damit nicht umgehen können, wie soll dann sie, die Jugendliche, die sich dieses Leben nicht ausgesucht hat, damit umgehen können? Was sehr schön anhand der Hauptfiguren von Die Kommune abgehandelt wird, was den Film zu deutlich mehr macht als einem Period piece im Rückspiegel zerbröselter Utopien, ist die Kernfrage, die für das Zusammenleben der Menschen in welcher Form auch immer entscheidend ist: Wo endet meine Freiheit, weil die Freiheit des anderen beginnt?

Vinterberg selbst verweist auf The Ice Storm (1997), wo Mittelklassefamilien im Connecticut des Jahres 1973 ihren moralischen Kompass verloren haben und mit allerlei Ingredienzen des freien Lebens experimentieren, als Inspiration. Das mag zwar nicht für die Nebenfiguren gelten, die in Ang Lees Meisterwerk konturierter angelegt sind, hier eher an das hintergründige Raunen und die Gesänge eines griechischen Chors erinnern sollen. Aber in der Beobachtung einer erkaltenden Familienstruktur, zumal aus der Teenager-Perspektive, lassen sich durchaus Parallelen ziehen. Zu den stärksten Szenen in Die Kommune gehören denn auch diejenigen, in die Vinterbergs autobiografische Empfindungen am stärksten eingeflossen sein dürften. Welch prägender Unterschied etwa in der Entwicklung des persönlichen Nähe-Distanz-Gefühls sich aus der Art des Aufwachsens ergeben kann, wird hier unaufdringlich manifest: Wer sich in der Kleinfamilie eingeengt gefühlt hat, hätte in der großfamiliären Struktur einer WG vielleicht eher das Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit seiner Eltern, nach mehr exklusiver Nähe zu ihnen gehabt.