Dänischer Film

Zusammen ist man weniger allein

| Pamela Jahn |
Thomas Vinterberg über das Aufwachsen in einer Kommune, die Zusammenarbeit mit Tobias Lindholm und was es heißt, am Wiener Burgtheater zu inszenieren.

Interview ~ Pamela Jahn

Herr Vinterberg, Sie sind als Kind selbst in einer Kommune aufgewachsen. Diese Erfahrung diente Ihnen zunächst als Inspiration für ein Theaterstück am Wiener Akademietheater und jetzt ist daraus ein Film entstanden. Inwieweit darf man die Geschichte, die Sie in Die Kommune erzählen, als autobiografisch verstehen?

Die Geschichte beruht auf einem wahren Gefühl, nicht auf einer wahren Begebenheit. Es ist eine fiktionale Arbeit, eine sehr persönliche zwar, aber keine private. Es stimmt, dass ich als Kind mit meinen Eltern in einer Kommune gelebt habe, von meinem siebten Lebensjahr an bis ich neunzehn war. Aber ich war beispielsweise nie in der Situation, dass ich mich zwischen meinen Eltern hätte entscheiden müssen. Der Film ist in erster Linie ein Versuch, einen möglichst ehrlichen und breit gefächerten Einblick in das Zusammenleben in einer Kommune zu geben. Alles, was das Leben zu bieten hat, passiert unter diesem Dach: All die kleinen und großen Tragödien, und all die glücklichen Momente. Und es ging mir darum zu zeigen, wie eine Gruppe im Gegensatz zum Einzelnen in bestimmten Situationen reagiert. Aber wie gesagt, auch wenn der Grundgedanke dahinter auf meinen Kindheitserfahrungen beruht, hat das Drehbuch, das daraus entstanden ist, nach mehrmaligem Überarbeiten und durch die Einflüsse meines Koautors Tobias Lindholm eine ganz eigene fiktionale Form angenommen, die zu meinen persönlichen Erlebnissen nur noch marginale Parallelen aufweist.

Was ist Ihre stärkste Erinnerung an Ihre Zeit in der Kommune?

Das jemand meine Turnschuhe verbrannte, weil das angeblich seine Art war, das Haus aufzuräumen. Aber das ist schon sehr speziell. Woran ich mich auch gut erinnere, ist, dass ich mir mit vierzehn schon sehr erwachsen und verantwortungsvoll vorkam, vielleicht sogar zu verantwortungsvoll. Uns wurde als Kindern ein enormer Spielraum gelassen und wir wurden bereits sehr früh schon als Erwachsene akzeptiert und auch so behandelt. Das klingt zwar erst mal toll, damit war aber, wie gesagt, auch eine gewisse Verantwortung verbunden, die uns im Nachhinein betracht, denke ich, überforderte. Unsere Eltern wussten das damals nicht, sie wollten uns lediglich das Gefühl geben, respektiert zu sein. Und ich hatte damit auch weniger zu kämpfen, weil meine Eltern trotz allem sehr führsorglich waren. Aber für manche meiner Kommunen-Brüder und Schwestern war das eine ziemliche Belastung.

Denken Sie, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zwangläufig ändert, wenn man in einer Kommune lebt?

Ja, auf jeden Fall. Viele meiner Freunde, die damals in mehr oder weniger normalen Familienverhältnissen aufwuchsen, haben sich immer sehr eingesperrt gefühlt, wohingegen ich eher eine Sehnsucht nach Nähe hatte, weil meine Eltern zwar da waren, aber selten allein. Es waren fast immer andere Leute um uns. Und vielleicht haben wir dadurch etwas von dem ganz engen Kontakt zueinander verloren. Auch das spiegelt der Film in gewisser Weise wider.

Sie arbeiten seit Jahren sehr eng und erfolgreich mit ihrem Koautor Tobias Lindhom zusammen, der sich mittlerweile ebenfalls als Regisseur einen Namen gemacht hat. Wie schaffen Sie beide das, Familie und Arbeit unter einen Hut zu kriegen und gleichzeitig noch Zeit für das gemeinsame Drehbuchschreiben zu finden?

Ich kämpfe ständig damit, allem und jedem gerecht zu werden und trotzdem gleichzeitig ein spannendes Leben zu führen, und Tobias geht es nicht anders. Gleichzeitig sind wir beide sehr verantwortungsbewusste Väter, die viel in ihre Familie investieren, was die Sache automatisch komplizierter macht. Zwar würden wir unheimlich gerne ein Leben wie Hemingway führen, durch die Straßen von Paris schlendern, ein paar Gläser trinken, ein bisschen schreiben, dann kurz zu Hause vorbei schauen, um den Kindern Gute Nacht sagen, und abschließend gemeinsam einen Boxkampf anschauen. Aber die Realität sieht leider etwas anders aus. Unser Leben ist von Flugplänen und Windeln wechseln bestimmt und wir müssen uns ganz bewusst eine Auszeit vom Alltag nehmen, um die nötige Ruhe zum Schreiben zu finden.

Stimmen Sie Ihre Terminpläne aufeinander ab, um sicher zu gehen, dass Sie weiterhin zusammenarbeiten können?

Ja, ständig. Unsere Zusammenarbeit funktioniert insofern problemlos, als dass wir stets ein Drehbuch zusammen schreiben, dann jeweils getrennt voneinander einen Film machen und danach wieder zusammenkommen, um das nächste Drehbuch zu schreiben. Aber auch das erfordert jede Menge Koordination.

Das Gefühl des gemeinsamen Schaffens scheint für Sie, wie auch für Tobias Lindholm, ein entscheidender Faktor bei der Arbeit zu sein.

Die Tatsache, dass ich in einer Kommune aufgewachsen bin, hat mein Privatleben als auch meine Arbeitsweise extrem geprägt. Die kommunale Erfahrung hat mich immer fasziniert und sie hat mich vor allem gelehrt, zwischenmenschliches Verhalten besser einschätzen zu können. Was ich sehr schnell begriff, war, dass Menschen zwei Seiten haben, eine, die sie nach außen tragen, und eine andere, die sie vor der Welt verbergen wollen. Das Leben in der Kommune bringt jedoch zwangsläufig beiden Seiten zum Vorschein. Als Kind habe ich mich stets darauf konzentriert, die dunklen Seiten zu meiden, und ich nehme an, dass ich daraus auch gelernt habe, grundsätzlich ganz gut mit Leuten umgehen zu können. Allerdings war es in unserer Kommune auch so, dass es immer extrem demokratisch zuging. Nichts wurde abgestimmt, sondern immer ausdiskutiert, bis alle zufrieden waren. Nur an einem Filmset kommt man damit natürlich nicht weit, das heißt, an meiner Durchsetzungskraft als Regisseur musste ich über die Jahre schwer arbeiten.

Haben Sie bedenken, dass Ihr Film als nostalgischer Versuch, die Zeit zurückzudrehen, missverstanden werden könnte?

Der Film ist nostalgisch in dem Sinne, dass ich mich durchaus nach den Tagen in der Kommune zurücksehne, und nach den Werten und Tugenden, die mit ihr verbunden waren, vor allem in den Anfangsjahren. Aber ich denke mein Film löst auch Konfrontationen aus, indem wir darin Themen ansprechen, über die die Leute nur äußerst ungern in der Öffentlichkeit reden, so wie etwa Männer, die ihre Ehefrauen gegen jüngeren Freundinnen auswechseln, oder der Tod eines Kindes. Und wir haben versucht, diese Probleme so ehrlich und einfühlsam wie möglich zu behandeln, ohne zu werten, ohne eine bestimmte Botschaft vermitteln zu wollen, einfach um zu zeigen, was mit den Menschen passiert, die sich in der jeweiligen Situation befinden.

Sehen Sie Die Kommune in dem Sinne als eine Art Gegenstück zu Das Fest, mit dem Ihnen 1998 der internationale Durchbruch gelang?

Ja, in gewisser Hinsicht schon. Es gab allerdings noch einen anderen Film, der Tobias und mir bewusst als Inspiration diente, und zwar The Ice Storm von Ang Lee. Darin kommt auf unglaublich schöne und ehrliche Weise die Kälte zum Ausdruck, die sich über eine Familie legt, die auseinanderbricht.

In dem Theaterstück „Das Begräbnis“ führten Sie 2010 die Figuren aus Das Fest in einer Fortsetzung auf der Bühne des Wiener Burgtheaters wieder zusammen. Hat es Sie sehr überrascht, als der damalige Direktor Matthias Hartmann mit dem Angebot auf Sie zukam, ein Stück an der Burg zu inszenieren?

Matthias Hartman war unheimlich mutig, das zu tun. Aber er hatte das Gefühl, das es in meiner Arbeit etwas gab, das sich auf die Bühne übertragen ließ, und irgendwann hatte er auch mich davon überzeugt. Außerdem meinte er zu mir: „Ich gebe dir die besten Schauspieler der Welt.“ Und auch darin behielt er Recht. Es waren tatsächlich hervorragende Schauspieler, die besten, mit denn ich je gearbeitet habe. Obendrein hat Matthias mich dazu ermutigt, den Künstler in mir zum Vorschein zu bringen. „Lass die Dinge fließen,“ sagte er immer, „sei nicht so vorbereitet. Filme machen ist ein Resultat von Strategien, aber im Theater kommt es vielmehr darauf an, im Moment zu sein und das annehmen zu können, was die Schauspieler einem geben.“ Das war eine wunderbare Erfahrung für mich.

Die Kommune spielt in den Siebzigern und ist damit nach Far from the Madding Crowd sozusagen Ihr zweites historisches Drama, auch wenn der Film sehr zurückhaltend damit umgeht. Was hatte Sie damals daran gereizt, ausgerechnet einen Roman von Thomas Hardy zu verfilmen?

In welcher Zeit meine Filme spielen, ist für mich eigentlich Nebensache. In erster Linie geht es mir um Menschen und um ihr Verhalten. Und mit Bathsheba Everdene hat Thomas Hardy ein so wunderbares Porträt einer Frau gezeichnet – eine Frau, die aus der Zeit fällt, oder besser: die ihrer Zeit voraus ist, mit all ihren Stärken und ihrer Verletzlichkeit – das mich das irgendwann nicht mehr losgelassen hat. Und ich wollte versuchen, diese Figur auf ähnlich verzaubernde Weise auf die Leinwand zu bannen. In Die Kommune ging es mir dagegen eher darum, die Zeit, in der die Geschichte spielt, so weit wie möglich auszublenden und vielmehr hinter die Fassade zu schauen, um das Innerste der Figuren freizulegen.

Lässt sich damit auch Ihre Motivation für das Filmemachen an sich beschreiben?

Meine Motivation oder mein Ziel ist immer das gleiche: Ich versuche stets Figuren oder Situationen zu schaffen, die bleiben. Nehmen sie zum Beispiel Vito Corleone [The Godfather]. Wenn es ihnen gelingt, so eine Figur zu kreieren, dann haben sie Leben geschaffen, wenn sie so wollen. Ganz gleich, ob das nun in einem amerikanischen Film passiert oder auf der Bühne des Burgtheaters oder bei mir zu Hause im Garten, das spielt im Grunde keine Rolle. Tatsache ist, dass es nur in den seltensten Fällen überhaupt gelingt. Aber der Versuch, so eine Seele, so ein Leben zu schaffen, darum geht es mir bei allem, was ich tue – und ich versuche es weiter.