Im Umkleideraum der Schulbühne beobachtet Daniel in einer Mischung aus Angst und Neugier eine Mitschülerin – eine zarte Annäherung in einem einfühlsamen Film.
Regisseurin Marine Atlan nimmt sich in ihrem Film ein großes Thema vor: die erste Leidenschaft, die die Unschuld der Kindheit beendet und der man sich erst einmal stellen muss. Sie erzählt ihre elliptische Geschichte vom Erwachen der Gefühle mit poetischem Realismus, metaphorischen Bildern, sparsamen Dialogen, viel Stille, Schubertliedern und Chansons.
Wir begleiten den elfjährigen Daniel vom Aufstehen bis in die Schule. Seine Klassenkameraden reichen Zettelchen weiter. „Wachsamkeit, Ruhe, Stille, Disziplin und Miteinander“ schreibt die Lehrerin an die Tafel und erinnert an eine für heute geplante Terrorübung. Dann bittet sie ein Mädchen, ein Gedicht aufzusagen. Marthe rezitiert Victor Hugo. In der Pause im winterlichen Innenhof beginnt es zu schneien. „Schneeflocken sind Liebesworte“, wird jemand sagen. Die Mädchen spielen Hochzeit, die Buben Fußball. Daniels Nase fängt an zu bluten.
Er geht zur Schulkrankenschwester und auf dem Rückweg verloren. Das Schulhaus ist auf einmal wie ausgestorben, der Schulhof liegt verlassen da. Eine seltsam entrückte Atmosphäre hat sich über alles gesenkt. Daniel kommt in den menschenleeren Turnsaal, wo eigentlich ein Theaterstück einstudiert werden sollte. Plötzlich springt eine Tür auf. Wie wir aus Horrorfilmen gelernt haben, wird etwas Unausweichliches geschehen …
Die folgende Begegnung mit Marthe bildet das Herzstück des Films. Aufgewühlt kehren die beiden zur Theaterprobe zurück, die nun in vollem Gang ist. „Ihr seid noch Kinder“, erklärt der junge Lehrer seiner kindlichen Besetzung, „aber was wir hier machen, ist groß. Es ist die Geschichte des Lebens, die Geschichte von Liebe und Tod“ und er lässt sie zu Véronique Sansons „Le temps es assassin“ Tango tanzen – „die Zeit ist eine Mörderin, ich will nicht mehr lieben“. Wem spricht dieses Chanson aus dem Herzen, dem Lehrer oder dem Kind?
Daniel fait face ist ein kunstvoll konstruierter, ein gelegentlich allzu sehr stilisierter Film, doch wenn man sich auf ihn einlässt, entwickelt er einen hypnotischen Sog, vor allem dank der großartigen Leistungen seiner jungen Darstellerinnen und Darsteller.
