Filmkritik

Das grosse Museum

| Oliver Stangl |
KHM: Kunst, Habsburger, Marketing

Das Kunsthistorische Museum ist genau der dubiose habsburgische Kunstgeschmack, der schöngeistige, widerliche.“ So steht es in Thomas Bernhards „Alte Meister“, der wohl berühmtesten künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Haus am Maria-Theresien-Platz. Dient Bernhard der Schauplatz Museum als Ausgangspunkt für die negativen Monologe des Kunstkritikers Reger, in denen dieser mit der Welt und insbesondere Österreich abrechnet, so blickt Johannes Holzhausens Dokumentarfilm Das große Museum im Wortsinn hinter die Kulissen. Doch finden sich auch hier unübersehbare Spuren der Selbstdarstellung eines Landes, das nicht vom vergangenen Glanz des Hauses Habsburg lassen kann und will.
Was an Holzhausens bei der Berlinale mit dem Caligari-Preis ausgezeichneten Film zunächst beeindruckt, ist der Aufwand, mit dem sich dieser dem facettenreichen Mikrokosmos des 1891 eröffneten Hauses widmet. Mehr als zwei Jahre lang begleiteten Regisseur und Kameraleute Protagonistinnen und Protagonisten von der Direktorin abwärts. Dabei mag zwar das Aufeinandertreffen von schönen, elaborierten Szenen (etwa eine von der Steadicam begleitete Rollerfahrt eines Bediensteten durch die Fluchten des Hauses, die vor einem Kopiergerät endet) mit Sequenzen, in denen die Kamera spontan auf Gesprächssituationen reagieren musste, gelegentlich den Rhythmus stören. Doch fällt dies nicht übermäßig ins Gewicht, da meist beide Segmente Ansprechendes zu bieten haben. Besonders gelungen sind die ruhigen, statischen Passagen, in denen man Angestellte beim Restaurieren oder Arrangieren von Exponaten beobachten kann.
Wie ein konzentrierter Museumsbesucher wirft die Kamera nicht nur einen Blick auf repräsentative Herrscherporträts, sondern auch auf skurril Anmutendes, wie präparierte Frösche, die sich ein Degenduell liefern. Spannend – und dank schillernder Charaktere immer wieder humorvoll – sind Sequenzen, in denen man Betriebsversammlungen, Diskussionen über Marketingmechanismen (Untersuchungen hätten ergeben, dass das Attribut „kaiserlich“ mehr Touristen in die Schatzkammer lockt) oder Budgetkonferenzen miterlebt. Bei Letzteren wird es dann – wie bei einem Besuch des Bundespräsidenten, der seine Staatsgäste in aller Eile durch das Haus führt – politisch: So verweist der kaufmännische Direktor darauf, dass man nutzentechnisch nicht nur mit anderen „Häusern“, sondern auch mit Bereichen wie dem Gesundheitswesen verglichen werde. Holzhausen führt in seinem Film niemanden vor, doch kann man sich besonders dann ein Bild von den Personen machen, wenn diese die Anwesenheit des Filmteams vergessen zu haben scheinen.