Leonie Benesch in "Das Lehrerzimmer"

Leonie Benesch | Interview

In eigener Mission

| Pamela Jahn |
In İlker Çataks „Das Lehrerzimmer“ ist Leonie Benesch endlich in der Hauptrolle zu sehen, die sie schon lange verdient. Im Interview spricht sie über ihre Figur, den strukturellen Rassismus in der Gesellschaft und warum das deutsche Kino mehr Tempo verträgt.

Bei der Berlinale war sie in diesem Jahr gleich doppelt und dreifach präsent: Auf der Leinwand in İlker Çataks Das Lehrerzimmer, in einer aktuellen Serienadaption von Frank Schätzings Sci-Fi-Thriller Der Schwarm sowie als deutsche Kandidatin bei den European Shooting Stars. Dabei ist der Name Leonie Benesch in der Branche längst auch international bekannt.

Mit ihrer Rolle als Kindermädchen Eva in Michael Hanekes Das weiße Band (2009) fing für die 1991 geborene Hamburgerin vor gut vierzehn Jahren alles an. Ihr Schauspielstudium in London hat dafür gesorgt, dass sie zwischen den vielen deutschen TV- und Kinoproduktionen, die ihre Karriere immer weiter nach vorne getrieben haben, parallel auch das britische Fernsehen für sich erobert hat. Zuerst spielte sie Prinzessin Cecile im Netflix-Dauerbrenner The Crown, dann an der Seite von David Tennant in der Miniserie Around the World in 80 Days. Aber es ist Carla Nowak, die junge, engagierte Lehrerin in Çataks scharfsinnigem Schuldrama, mit der sie jetzt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Als Carla frisch aus dem Referendariat an eine neue Schule kommt, sorgt eine Reihe von Diebstählen für Unruhe im Klassenalltag. Auch im Lehrerzimmer ist die Stimmung entsprechend gereizt. Ein türkischer Junge aus ihrer Klasse wird verdächtigt, aber Carla, eine überzeugte Idealistin, hält den Verdacht für ungerechtfertigt. Kurzerhand ergreift sie eigenhändig die Initiative, um den Täter oder die Täterin zu überführen – mit einigem Erfolg. Doch die gut gemeinte Aktion, bei der Friederike Kuhn (Eva Löbau), eine von allen geschätzte Kollegin aus der Verwaltung ins Kreuzfeuer gerät, führt lediglich dazu, dass auch Carla selbst bald an der Realität des Lebens zu scheitern droht.

 

Frau Benesch, wer ist Carla Nowak, und was treibt sie an in ihrem Beruf?
Leonie Benesch:
Sie ist sehr idealistisch und unermüdlich. İlker und Johannes (Duncker, Drehbuchautor, Anm.) haben eine Figur geschrieben, die sich nicht unterkriegen lässt und es immer wieder versucht. Sie ist aber auch eine junge Frau, die den „moral high ground“ für sich beansprucht. Carla Nowak geht davon aus, dass die Art und Weise, wie sie die Welt sieht, die richtige ist.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Drehbuch gelesen haben?
Leonie Benesch: Dass es sich um sehr kluge Dialoge handelt, die genau beobachtet sind. Und ich habe ein Tempo herausgelesen, das für die deutsche Kinolandschaft ungewöhnlich zackig ist. Das gefiel mir sehr.

Fehlt Ihnen dieses Tempo im deutschen Kino?
Leonie Benesch: Ja. Ich finde es ganz schlimm, wenn eine Figur einen Satz sagt, und dann gibt es zwei Sekunden Pause, bevor der Nächste spricht – das ist fern jeder Realität. Wir reden übereinander, untereinander, man redet aneinander vorbei, und ich verstehe zwar, dass es aus tontechnischen Gründen nicht immer möglich ist, das eins zu eins nachzuempfinden. Aber ich vermisse das im deutschen Film und Fernsehen extrem.

Ist das auch ein Grund dafür, warum Sie bewusst internationale Produktionen anstreben?
Leonie Benesch: Vielleicht schon. Aber suche mir die Projekte nicht danach aus, ob die Dialoge schneller sind. Ich kenne einfach die andere Seite, da gibt es für mich einen definitiven Qualitätsunterschied.

Der Konflikt zwischen Carla Nowak und Frau Kuhn, der beschuldigten Sekretärin, hat in manchen Szenen etwas von einem Western, einem Duell. Haben Sie das auch so gesehen?
Leonie Benesch: Nein, aber das finde ich toll. Jemand anderes hat gesagt, dass es wie ein von zwei Rasierklingen getanzter Flamenco sei. Das fand ich bisher die außergewöhnlichste Beschreibung. Western hatten wir noch nicht.

Wie haben Sie den Konflikt gemeinsam mit Eva Löbau für sich erarbeitet?
Leonie Benesch: Wir haben gar nicht viel miteinander darüber geredet, weil eigentlich alles, was wir brauchten, im Drehbuch stand. Denn der Punkt des Films ist ja, dass es im Grunde völlig egal ist, ob Frau Kuhn es war oder nicht – darum geht es irgendwann nicht mehr. Wir Schauspielerinnen und Schauspieler am Set haben natürlich alle unsere eigenen unterschiedlichen Auffassungen dazu gehabt. Und ich glaube, Eva hat für sich entschieden, dass ihre Figur es nicht war. Aber ich weiß es nicht. Und das muss ich auch nicht. Genau das ist ja das Tolle an dem Konflikt, der sich aus der Situation ergibt.

Der Film spielt im Mikrokosmos eines Gymnasiums, aber die Themen, die in diesem Rahmen behandelt werden, führen weit über die Schulmauern hinaus. Worum geht es Ihrer Meinung nach?
Leonie Benesch: Es geht um gesellschaftliche Fragen, zum Beispiel: „Wie gehen wir miteinander um?“ Ich habe das Gefühl, hier ist etwas eingefangen worden, das sehr gegenwärtig ist, in der Art und Weise, wie Menschen sich die ganze Zeit missverstehen – absichtlich oder unabsichtlich, oder weil sie sich profilieren wollen über eine knackige Aussage oder eine Anschuldigung. Das hat oft etwas leicht Polemisches, was, wie ich finde, momentan den öffentlichen Diskurs zu allen möglichen Themen bestimmt. Und wenn man so diskutiert, kann man schnell aus den Augen verlieren, worum es eigentlich ursprünglich ging.

Was der Film auch sehr schön verdeutlicht, ist die Problemstellung, dass es im ersten Moment oft Menschen mit Migrationshintergrund sind, die beschuldigt werden, egal, ob der Vorwurf berechtigt ist.
Leonie Benesch: Ja, weil es eine Beiläufigkeit hat. Und das ist ja auch das Perfide, wenn wir über die sogenannten Ismen sprechen – Sexismus, Rassismus, also all die Themen, die wir gerade zurecht anders in den Vordergrund rücken. Denn die Glatze, die den Asylheimbewohner zusammenschlägt, das ist das Extreme. Aber das Perfide am alltäglichen rassistischen oder sexistischen Verhalten ist, dass es nebenbei passiert. Und ich finde, dass der Film das sehr genau beobachtet, etwa wenn sofort die Frage nach dem Beruf von Alis Eltern aufkommt. Da schwingen gleich alle Vorurteile mit, die wir hegen und pflegen. Aber es wird einfach nur erzählt, ohne Wertung, ohne Sentimentalität.

Auch Carla Nowak hat einen polnischen Migrationshintergrund, den sie im Berufsleben aus dem Weg zu räumen versucht. Warum?
Leonie Benesch: Das ist eine Frage an I˙lker. Aber ich denke, es gibt ihr noch einmal eine andere Farbe, eine andere Betonung, dieses Leicht-anders-Sein und Alles-sehr-richtig-machen-wollen. Ich habe selbst acht Jahre in London gelebt und mir dort perfektes britisches Englisch antrainiert. Ich hatte immer das Bedürfnis, mindestens so gut wie die anderen, wenn nicht besser Englisch sprechen zu können. Ich habe mit I˙lker darüber geredet und weiß, dass es ihm als türkischstämmigem Teenager in Deutschland ähnlich ging, und er oft nur noch mehr dadurch aufgefallen ist, dass er die Sache zu gut gemacht hat.

Warum wollten Sie unbedingt im Ausland studieren?
Leonie Benesch: Weil die Briten Film, TV und Theater besser können als die Deutschen, grundsätzlich. Mittlerweile ist zwar viel im Umbruch. Ich bin heute auch wieder gerne in Berlin. Aber die interessanteren Sachen waren für mich immer in England und Amerika. Und die Leidenschaft, mit der der Beruf bei den Briten betrieben wird, hat mich immer am meisten fasziniert. Auch deshalb ging es mir darum, dort nicht nur das Handwerk zu lernen, sondern der Sprache so soweit mächtig zu sein, dass ich in England problemlos arbeiten kann.

Ihre bisherigen Rollen in „The Crown“ und „Around the World in 80 Days“ sprechen für sich. Würde Sie auch das Theater reizen?
Leonie Benesch: Film und Fernsehen waren mein Anknüpfungspunkt, obwohl ich eine klassische Theaterausbildung absolviert habe. Ich würde die Bühne auch gar nicht ausschließen. Aber ich habe schon großen Respekt davor, und in Deutschland möchte ich kein Theater spielen. Das heißt, ich möchte nicht, wie es in Deutschland üblich ist, fest an ein Theater gehen. Ich muss nicht unbedingt auf der Bühne stehen. Das ist eine Form des Spielens, die mir schon immer etwas ferner war. Ich bin zwar schon neugierig und würde es sicherlich irgendwann mal ausprobieren, aber es muss nicht unbedingt jetzt sein.

Haben Sie Bedenken, sich länger für eine Sache zu verpflichten?
Leonie Benesch: Man macht sich einfach dadurch sehr unfrei, und ich tue mich ehrlicherweise auch schwer mit dem Gedanken, zwei Jahre mit denselben Leuten zu arbeiten – das ist für mich eine Horrorvorstellung. Das sind oft auch einfach anstrengende Dynamiken. Ich kann das nur mit der Schauspielschule vergleichen, und das war eine wahnsinnig wichtige Zeit für mich. Aber drei Jahre lang mit denselben 25 Menschen zu verbringen, ist schon auch extrem bescheuert.

Ihre erste richtige Rolle hatten Sie 2009 in „Das weiße Band“. Aber es ist ja nicht unbedingt die Regel, gleich mit Michael Haneke zu drehen. Wie war das damals für Sie?
Leonie Benesch: Ziemlich überfordernd. Die Dreherfahrung an sich war total schön. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wer Michael Haneke war, als ich ihn zum ersten Mal traf. Aber als der Film rauskam, damals war ich achtzehn, hat mich die Aufmerksamkeit total überrumpelt, weil ich mich nicht geschützt gefühlt habe und auch nicht wusste, wo man sich diesen Schutz sucht. Heute weiß ich, dass es darauf ankommt, dass man ein gutes Team an Leuten um sich herum aufbaut. Und dass es nie um mich persönlich geht. Am Ende des Tages geht es immer ums Business, mehr nicht. Deshalb möchte ich das jetzt auch gar nicht so negativ klingen lassen, weil mir dieser Film auch unheimlich viel ermöglicht hat. Ich habe zwar erst mal noch Abitur gemacht und lange nicht gedreht, aber Das weiße Band hat mir natürlich alle möglichen Türen geöffnet. Und es ist nach wie vor ein Film, der meine Karriere entscheidend beeinflusst hat.

Sie scheinen heute eher Figuren zu favorisieren, die mit beiden Beinen im Leben stehen.
Leonie Benesch: Ich glaube, dadurch, dass meine Karriere mit sehr unsicheren Figuren angefangen hat, hatte ich irgendwann keine Lust mehr darauf. Eva aus Das weiße Band oder Greta in Babylon Berlin – das sind Figuren, denen schlimme Sachen passieren, aber sie stehen da wie Rehe im Wald, und es bricht alles über sie herein. Ich hatte das Gefühl, dass solche Naivchen zu spielen, länger meine Schublade war. Da wollte ich raus.

In der britischen Miniserie „Around the World in 80 Days“ spielen Sie Abigail Fix, eine Journalistin mit viel Selbstvertrauen. Wie viel steckt davon in Ihnen selbst?
Leonie Benesch: Kommt auf die Situation an. Ich glaube schon, dass Abigail Fix und ich eine gewisse Trotzigkeit und Waghalsigkeit teilen. Wenn ich mir überlege, dass ich mit 22 nach London gegangen bin, um mich in absurde Schulden zu stürzen, nicht wissend, ob ich jemals genug Geld verdienen würde, um das jemals zurückzahlen zu können … Natürlich hatte ich Angst, aber ich bin davon ausgegangen, dass es gut geht. Und ich hatte Glück. Andererseits kommt es mir aber auch so vor, als würde ich immer weniger wissen, je älter ich werde.

Sie sind, wie gesagt, mittlerweile schon eine ganze Weile im Geschäft. Aber erst in diesem Jahr wurden Sie im Rahmen der Berlinale als eine der European Shooting Stars gefeiert. Fühlt sich das nicht ein bisschen merkwürdig an?
Leonie Benesch: Nein, bei Albrecht Schuch war es ja ganz ähnlich, und bei Franz Rogowski auch. Für mich war es eine ganz tolle Ehre, weil es eben nicht nur um einen Preis geht, sondern man in dem Umfeld den unterschiedlichsten Menschen vorgestellt wird. Allein diese neuen Leute kennenzulernen, war total spannend. Außerdem konnte ich diese Chance jetzt mit einunddreißig und schon einigen Jahren Erfahrung in der Branche ganz anders für mich nutzen, weil ich mittlerweile weiß, wer mich interessiert, und auch ganz blöd gesagt, wie man Eindruck hinterlässt. Das sind alles Spielregeln, die man erst mit der Zeit versteht – und man lernt bekanntlich nie aus.