Zwischen Bangen und Hoffen: Ein Mädchen verändert die Welt.
Auf den ersten Blick hat die zehnjährige Wadjda sich in das schicke, grüne Fahrrad mit den bunten Bändern am Lenker verliebt und forsch lässt sie es sich sogleich vom Händler reservieren, vor dessen Spielwarenladen es steht. Sie will Fahrrad fahren und den Nachbarsjungen Abdullah im Wettrennen besiegen. An sich wäre das nichts besonderes, lebte Wadjda nicht in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, wo ein Mädchen auf einem Fahrrad in etwa so normal ist wie eine unverschleierte Frau. Und ähnlich skandalträchtig.
Nicht minder bahnbrechend ist die bloße Existenz des Films, der diese Geschichte erzählt: Wadjda ist nicht nur der erste, in einem Land gedrehte Langspielfilm, in dem Kinos seit den 1970er Jahren verboten sind. Er wurde zudem geschrieben und realisiert von einer Frau: Haifaa Al Mansour, 1974 in Saudi-Arabien geboren, in Ägypten und Australien ausgebildet und inzwischen mit ihrer Familie in Bahrain lebend.
En passant und ohne anklägerisch penetrante Geste zeigt Wadjda das starke Gefälle im Verhältnis der Geschlechter in Saudi-Arabien auf und macht das Riskante, ja, Revolutionäre von Wadjdas Wunsch nachvollziehbar. Ein Fahrrad mag auf den ersten Blick ein harmloser Gegenstand sein, im vorliegenden Kontext verliert er seine Unschuld und lädt sich mit einer aufklärerischen Bedeutung auf, die über den Film hinaus ins Gesellschaftliche verweist.
Um sich das Geld dafür zu verdienen, verkauft Wadjda selbstgebastelte Armbänder, Mix-Tapes mit westlicher Musik, macht Botengänge. Dabei wird sie von der Direktorin ihrer Schule erwischt und strengstens abgemahnt. Also nimmt sie am Koran-Wettbewerb teil, der mit einem hohen Preisgeld lockt, obwohl sie sich mit der Religion nicht gar so gut auskennt. Sie bemüht sich heiß und innig, sie lernt und übt. Währenddessen ihre Mutter wiederum voll Sorge den Vater beobachtet, der sich mit dem Gedanken trägt, eine Zweitfrau zu nehmen.
Methodisch orientiert Haifaa Al Mansour sich an der filmischen Unmittelbarkeit der italienischen Neorealisten, findet aber immer wieder emblematische Bilder, Metaphern, die in einzelnen Handlungselementen das große Ganze sichtbar machen. Am Ende steht Wadjda mit ihrem Fahrrad an der Kreuzung einer mehrspurigen Straße und die Frage ist nicht nur, ob sie nach links oder nach rechts abbiegen wird. Sondern die Frage lautet auch: Wohin führt der Weg Saudi-Arabiens? Und wohin der der saudischen Frauen?
